Unsere Reporter haben ein Wochenende mit der Tour de France verbracht. Hier erzählen sie die kleinen Geschichten, die hängen geblieben sind. Am Rande, mittendrin oder dem Ganzen gefährlich nah.

Die Strecke der zweiten Etappe der Tour de France am Sonntag führte auch durch den Düsseldorfer Medienhafen. Auch hier waren viele Zuschauer entlang der Strecke dabei.
Die Strecke der zweiten Etappe der Tour de France am Sonntag führte auch durch den Düsseldorfer Medienhafen. Auch hier waren viele Zuschauer entlang der Strecke dabei.

Die Strecke der zweiten Etappe der Tour de France am Sonntag führte auch durch den Düsseldorfer Medienhafen. Auch hier waren viele Zuschauer entlang der Strecke dabei.

dpa

Die Strecke der zweiten Etappe der Tour de France am Sonntag führte auch durch den Düsseldorfer Medienhafen. Auch hier waren viele Zuschauer entlang der Strecke dabei.

Echte Experten rund um die Strecke

Wer als Radsport-Laie zum ersten Mal an die Tour-Strecke kommt, merkt schnell: Viele hier sind wesentlich besser vorbereitet als man selbst. Das fängt bei den Campingstühlen an und endet bei einem wichtigen Stück Papier: Die echten Experten haben sich nämlich die Startliste ausgedruckt und haken akribisch ab, wer vorbei gerast ist. Glücklicherweise sind die meisten Experten sehr mitteilungsfreudig und sagen den Laienzuschauern gerne, wann ein Fahrer vorbeikommt, den auch die Nicht-Fans kennen könnten.

Dann wird über die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Erik und Rick Zabel diskutiert – und darüber, warum Vater und Sohn fast den gleichen Namen haben. Und die Strecke wird analysiert: Was macht die Todeskurve nach der Rheinkniebrücke zur Todeskurve? Expertenmeinung: ein Gullideckel, eine regennasse Markierung und ein kleiner Hügel dazwischen. cas

Seit zwei Tagen Fan der Tour

Martha Jimenez ist eine Neubegeisterte. Die Kolumbianerin gehört zur Gruppe „Düsselsalsa“, die am Sonntag zum Start der Etappe am Rhein auf dem Kopfsteinpflaster in der Düsseldorfer Altstadt tanzt. Weil die Männer in der Unterzahl sind, hat die 30-Jährige Pause. „Salsa ist mein Leben. Seit Donnerstag liebe ich aber auch die Tour de France.“ Aha, die Liebe ist ja ziemlich plötzlich gekommen. „Stimmt.“ Martha Jimenez ist eben einer patriotischen Verführung erlegen.

„Sieben Kolumbianer machen bei der Tour mit“, jubelt sie. „Das gab es noch nie. Da hat es mich gepackt.“ Die Erfahrung teilt sie mit Lola Schrooten und Johanna Matzke. Am Samstag wollten sie sich die Tour-Sache nur mal so anschauen, am Sonntag sind sie wieder unterwegs. Dieses Mal als Fans. „Die Tour ist eine Neuentdeckung“, sagt Schrooten. „Diese Fokussiertheit der Fahrer und die hohe Konzentration finde ich faszinierend“, sagt die 25-Jährige. „Auch wenn der Moment immer schnell vorbei ist.“ kus

Drängel-Ärger um die besten Plätze

Das Kribbeln, bevor der Fahrerpulk kommt, macht die Leute gerne mal nervös. In Düsseldorf stehen die Zuschauer gestern am Rand der Fischerstraße dicht gedrängt. Die Handys sind gezückt, um den Start der zweiten Etappe für die private Ewigkeit festzuhalten. Wer sich da so kurz vor dem Eintreffen des Feldes dazu stellen will, wird nicht immer herzlich empfangen. „Unglaublich, manche drängeln sich noch zwei Minuten vorher rein“, murrt ein älterer Herr, nachdem sich der Autor dieser Zeilen seinen Platz ergattert hat. Man arrangiert sich dann aber doch. Andere wagen sich sogar auf die Fahrbahn vor. Ordner spannen schnell ein Absperrband, eine ältere Dame lässt sich davon nicht beirren und tritt demonstrativ davor. Jeder will halt in die erste Reihe. Ein Motorradpolizist scheucht die Menge schließlich an die Seite, das Feld braust kurz darauf vorbei. Ein hart umkämpftes Sekundenglück.

„Da geht jetzt nix!“, schreit der Ordner mich an. „Der Prinz kommt.“ Natürlich, der Prinz hat Vorrang, sage ich und denke das Gegenteil. Ich hab’s nämlich eilig. Wenn man Prinz ist und aus Monaco kommt, ist die Welt einfach. Alles wird geregelt. Ich hingegen muss jetzt schnell drei Meter über die Straße, ins „Village“, mich anmelden, weil ich in einem Auto hinter einem Zeitfahrer mitfahren darf. Die Zeit drängt, aber jetzt ist da ja nun: Albert von Monaco. Ruhig Blut. Es folgen viele solcher Momente. Bis ich die richtigen Menschen im richtigen Auto gefunden habe, vergeht eine Stunde. Ordner, die Französisch sprechen, wie es in Düsseldorf nur der Oberbürgermeister kann, sagen viel, wissen aber auch: nichts.

Irgendwann sitze ich dann doch in einem Auto und rase dem Sunweb-Fahrer Laurens ten Dam hinterher. Ein gutes Gefühl, tolle Strecke, jubelnde Zuschauer, ab und an winke ich mal hochherrschaftlich, offenbar noch Albert-geprägt. Der Fahrer des Autos, in dem ich sitze, ist Franzose, natürlich, wir tauschen den Namen aus, mehr geht nicht. Ab und an sagt er „Oh la la“. Das heißt: Hier ist es aber gefährlich. Trotzdem rast der Gute, als wäre der Teufel hinter ihm her. Als Ten Dam seinen Vordermann überholt, überholen wir auch. Sagenhaftes Tempo. Dann sind wir am Ziel. Ich gehe an Laurens ten Dam vorbei, sage „Good job“. Er hat keine Kraft, mit mir zu reden. In knapp 17 Minuten ist er durch Düsseldorf gerast. Und ich mit ihm. Das konnte auch Prinz Albert nicht verhindern. kup

Flaute bei der Rad-Reparatur

Die Idee war so schön: 150 Meter westlich vom Fahrerlager, wo die Team-Monteure an den „Rennmaschinen“ der Profis herumschrauben, ölen und die Gangschaltungen testen, hat ein „Velo-Camp“ sein Zelt aufgeschlagen. Hier auf der Engländerwiese im Nordpark können Tour-Besucher ihr stinknormales Fahrrad reparieren lassen, wenn sie eine Panne haben. Und zwar völlig kostenlos. Doch leider nimmt kaum jemand dieses Angebot von Handwerkskammer und Zweiradmechaniker an, das miese Wetter hat zu viele Radler abgeschreckt.

So stehen sich drei Fahrradmonteure in ihrem Zelt vor allem die Beine in den Bauch. „Schade, wir sind top ausgestattet, haben 300 Schläuche, Mäntel, Ketten und Dutzende Bremszüge dabei“, sagt Dirk Schmitz von „Zweirad Brokerhoff“ in Angermund. Das Material hat die Handwerkskammer spendiert, die Arbeitszeit spenden die Radmechaniker. Immerhin, ab und an lässt sich jemand die Kette ölen und dann kommt auch mal ein „Platten“ rein. Peter Paschke aus Lohausen hat ihn mit seinem Tourenrad mitgebracht. Geflickt wird nicht, es gibt gleich einen neuen Schlauch: „Ein starkes Angebot, sonst müsste ich das Rad zur Bahn schieben.“ A.S.

Wer in Düsseldorf viel mit dem Rad unterwegs ist, ärgert sich vermutlich oft, wie fahrradunfreundlich die Stadt an vielen Stellen ist. Ampelschaltungen, die einen auf kurzen Stücken immer wieder zum Absteigen zwingen, Autofahrer, die den Radweg blockieren, Radwege, die plötzlich enden. Für solche Hobby-Radler war der Tour-Start ein guter Tag, um sich wieder ein bisschen zu versöhnen. Denn wer an diesen Tagen mit dem Fahrrad unterwegs war, hatte die besten Chancen, möglichst viel vom Geschehen mitzubekommen und mühelos von Ort zu Ort zu kommen. Entspannt über die Graf-Adolf-Straße kurven, die Rheinkniebrücke auf der Autospur queren – wer das immer mal gefahrenfrei machen wollte, hatte jetzt Glück. Auch die Fußgänger schienen rund um die Tour besonders viel Verständnis für Radler zu haben. So kann’s weitergehen. cas

Das Drama um Valverde

Es ist weniger als eine Sekunde, die darüber entscheidet, dass die Tour de France für Alejandro Valverde beendet ist. Womöglich findet seine Karriere als Radprofi ein Ende auf der Abfahrt von der Kniebrücke. Brüche der Kniescheibe und des Sprungbeins am linken Bein, dazu eine tiefe Fleischwunde am Schienbein – so die medizinischen Eckdaten. Ganz Profi twittert der Spanier gestern aus der Uni-Klinik: „Die Operation ist gut verlaufen. Vielen Dank dafür.“

Valverde ist beim Zeitfahren am Samstag die Brücken-Abfahrt herunter gerast und schien alles überstanden zu haben. Bis er dann doch mit dem Hinterrad wegrutscht. Fünf Minuten liegt er auf der Straße, von Team-Helfern betreut, an ihm vorbei rasen die anderen Fahrer samt Begleitfahrzeugen. Das brutale Diktat des Zeitfahrens. Rund acht Minuten dauert es, bis ein Notarzt vor Ort ist. Die Verzweiflung steht Helfern und Ärzten angesichts der Schwere der Verletzung ins Gesicht geschrieben. Mit Halskrause und Infusion wird er erstversorgt. Als er im Krankenwagen ist, passiert gerade Topfahrer Christopher Froome diese neuralgische Stelle als letzter Profi des Zeitfahrens. Gut 20 Minuten sind da seit Valverdes Sturz bereits vergangen. ste

Partystimmung bei der Bergwertung

 „Ich glaub’, ich steh’ im Wald“: Einen Logenplatz hat, der das am Sonntag gegen 12.40 Uhr auf der Fahneburgstraße in Düsseldorf sagen kann. Jede Menge Schaulustige haben sich am erhöhten Waldrand positioniert, der eine prima Aussicht bietet, wenn das Peleton mit den Radprofis vorbeirauscht. Eine erwartungsvolle Stimmung liegt in der Luft. Einige Anwohner haben das außergewöhnliche Ereignis zum Anlass genommen, um ein Nachbarschaftsfest zu feiern. Es wird gegrillt, Häppchen machen die Runde. Dazu gibt es Wein und Schampus. Dann ist es soweit: Als einige der schnellsten Radsportler mit unglaublichem Speed die Anhöhe erklimmen, brandet erster Jubel auf. Die Begeisterung nimmt noch mehr zu, als das Peloton auftaucht. Die Selfiedichte im Grafenberger Wald war nie größer. Zuschauer vergessen, dass hier die Sperrzäune fehlen und springen auf die Straße. Gottlob wird niemand verletzt. Viel zu schnell ist alles vorbei. Aber: Auf der Fahneburgstraße nimmt die Party jetzt erst richtig Fahrt auf. mk

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