Kraftwerk-Konzert, Kultur, Kunst, Musik
Kraftwerk gab am ersten Tag der Tour de France in Düsseldorf ein Konzert.

Kraftwerk gab am ersten Tag der Tour de France in Düsseldorf ein Konzert.

Lepke, Sergej (SL)

Kraftwerk gab am ersten Tag der Tour de France in Düsseldorf ein Konzert.

Düsseldorf. Der Schüsselmoment dieses Konzertes kommt in Song Nummer fünf. Kraftwerk haben sich gerade durch „Numbers“, „Computerwelt“, Computerliebe“ und die eigene Daseinsvergewisserung „Mensch-Maschine“ gespielt, da erklingt „Spacelab“. Das 3D-Video, welches dazu über die riesige Bühnenleinwand flimmert, zeigt die Band allem irdischen entrückt über unseren Planeten dahingleitend. Und als man gerade so denkt, dass Kraftwerk ja nun tatsächlich und vollkommen zurecht über den Dingen schweben, weil sie so viele andere berühmte Musiker geprägt und sich selber zum konsequentesten Bandkunstwerk der Welt gemacht haben, da lassen sie ein Ufo am Joseph-Beuys-Ufer landen. Mitten in Düsseldorf. Dort, wo wenige Stunden zuvor noch die Fahrer der „Tour de France“ entlang rasten. Wohlgemerkt: ein stinknormales, rundes Ufo.

Das ist Understatement pur. Denn wären Ralf Hütter und Co. tatsächlich Astronauten, so ist man überzeugt, würden sie ihrem Status entsprechend doch eher in einem üppigen Sternenkreuzer mit Hyperraumantrieb reisen. Nicht im Trabant unter den Flugobjekten. Aber genau das ist das Schöne an Kraftwerk: Sie mögen noch so visionär und einflussreich gewesen sein. Sie mögen den wichtigsten Musikexport Deutschlands nach Johann Sebastian Bach stellen und sich in den vergangenen Jahren selber ins Museum befördert und damit zum Kulturschatz gemacht haben: Sie sind trotzdem so wunderbar traditionell, geerdet und alte Schule. Anstatt Super-Raumschiff gibt es eine fliegende Untertasse. Und während heutzutage Elektronikmusik viel zu oft auf die David-Guetta-Art des „Ich drücke „Play“ und dann uffzt und rummst es ordentlich“ dahingerotzt wird, bewahren Kraftwerk der Musik die Würde, den Charme, die Romantik und das Liebenswerte.

Was außerdem auffällt an diesem denkwürdigen Konzertabend vor 15 000 Zuschauern auf dem Gelände des Ehrenhofes, das ist die dringende Wucht, mit der Kraftwerk ihr Set aus 14 Songs durch die Boxen drücken: Die Bässe dröhnen herrlich aufdringlich durch Hosenbein, Ohr und Magengrube. Selbst das sonst eher als verhalten geltende Titelstück des Abends, „Tour de France“, wird zum brüllenden Beat-Biest. Beim seit Jahren schon zum Anti-Atomkraft-Manifest gewandelten „Radioaktivität“ wird die Dringlichkeitsbotschaft dann endgültig mit Schlägen untermauert, die Tsunamiwellen aus Schall durch den engen Schlauch des Zuschauerbereiches jagen. Kraftwerks Musik wird spürbar. Und diese Wucht, das wird nun klar, hatte im Januar 2013 noch gefehlt, als sie zuletzt in Düsseldorf zu Gast gewesen waren und in der Kunstsammlung NRW die acht „Katalog“-Konzerte gespielt hatten.

Am Ende steht zunächst die Fahrt im „Trans Europa Express“. Bei „Roboter“ übernehmen, wie so oft, per herrlichem Schabernack die Maschinenfiguren der vier Bandmitglieder, ehe diese zu „Boing Bumm Tschak“ noch einmal hinter ihre mit allerlei roten Knöpfen und sonstigem Geheimkram ausgestatteten „Audio Operator“-Pulte zurückkehren. Und als die letzten Elektronik-Beats rüber zum Rhein gezogen sind, muss mit einer Fehleinschätzung, die sich in den vergangenen Jahren breitmachte, so ein bisschen aufgeräumt werden: Das Quartett aus Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen funktioniert mitnichten nur noch im musealen Kontext, sondern auch in der Open-Air-Situation. Was bedeutet: Kraftwerk sind, wenn der Rahmen stimmt und sie es nur wollen, auch ohne neue Songs wesentlich näher an Depeche Mode und „Rock am Ring“ als an der ollen „Mona Lisa“.

Kraftwerk sind nicht nur die international einflussreichste Band Deutschlands. Die Musiker, allen voran das einzig verbliebene Gründungsmitglied Ralf Hütter, sind auch begeisterte Radsport-Fans. Bereits 1983 nahm die Band zum 80. Jahrestag der „Tour de France“ die gleichnamige Single auf. 2003, zum 100-jährigen Bestehen des größten Radrennens der Welt, spielten sie den Song neu ein und veröffentlichten ihn als letztes von zwölf Stücken auf dem Album „Tour de France Soundtracks“. Es ist das bislang letzte Studioalbum der Band – und das erste, das in Deutschland auf Nummer eins der Charts ging.

© WhatsBroadcast

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