Veränderungen und Errungenschaften von 500 Jahren Reformation

Das Reformationsjubiläum nähert sich seinem großen Finale. Aber die Reformation geht weiter. Blicken wir auf ihre 500-jährige Geschichte zurück, erkennen wir beeindruckende Veränderungen und Errungenschaften ebenso wie Irrungen und Wirrungen. Für mich selbst ist die reformatorische Entdeckung besonders wichtig, dass jeder und jede Experte in Glaubensdingen sein kann. Martin Luthers Auftritt auf dem Reichstag in Worms zeigt dieses neue Bewusstsein.

Seine Thesen wollte er erst dann widerrufen, wenn er durch biblische Zeugnisse und klare Vernunftgründe überzeugt würde. Die Autorität von Papst und Konzilen verstand er bei Glaubensentscheidungen nicht per se als bindend. Stattdessen sah er sich in seinem Gewissen ausschließlich an Christus gebunden. Aus diesem neuen Verständnis entwickelte sich der reformatorische Gedanke vom allgemeinen Priestertum. Alle Getauften hatten von nun an den Auftrag das Evangelium weiterzutragen. Dieser Gedanke führte zu einer beispiellosen Bildungsoffensive. Nicht nur die Jungen, auch die Mädchen durften zur Schule gehen.

Denn nur wer lesen und schreiben kann, ist in der Lage die Bibel zu studieren und im Gespräch mit anderen zu einem persönlichen Glaubensverständnis zu kommen. Auf diesem Weg wurden auch Frauen zu bedeutenden Autorinnen der Reformation. Sie schrieben Kirchenlieder oder verfassten Sendschreiben zu sozialen Fragen der damaligen Zeit. Die Entdeckung der Reformatoren und Reformatorinnen, dass alle Christen in Glaubensfragen mündig sind, hat ihre Bedeutung bis heute behalten. Weil Christinnen und Christen gemeinsam damit beauftragt sind, vom Evangelium zu erzählen, geht die Reformation weiter.

Denn unterschiedliche Einsichten kommen ins Gespräch und führen zu gemeinsamen neuen Perspektiven. Das ist nicht nur innerkirchlich wichtig, sondern eine gute Maxime für das gesellschaftliche Gespräch überhaupt.

Henrike Tetz ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Düsseldorf

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