Gastbeitrag von Ulrich Brzosa zur Forderung von Wolfgang Rolshoven nach einem Regional-Bischof.

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Gottesdienst in St. Lambertus: Traditionelle Kirchlichkeit mag in der Krise sein, aber erlahmte Katholiken kennt unser Autor nicht.

Gottesdienst in St. Lambertus: Traditionelle Kirchlichkeit mag in der Krise sein, aber erlahmte Katholiken kennt unser Autor nicht.

J. Michaelis

Gottesdienst in St. Lambertus: Traditionelle Kirchlichkeit mag in der Krise sein, aber erlahmte Katholiken kennt unser Autor nicht.

Vor einer Woche begab sich der Baas der Düsseldorfer Jonges, Wolfgang Rolshoven, an gleicher Stelle auf eine Geisterfahrt durch die Düsseldorfer Kirchengeschichte und das Selbstverständnis der Katholischen Kirche, die nach Widerspruch verlangt. Der Baas geriet in seinem WZ-Gastbeitrag meiner Ansicht nach auf die falsche Spur, als er sich dazu hinreißen ließ, für Düsseldorf einen „Regional-Bischof“ zu fordern. Begründung: „Wir wissen doch alle, es sind Köpfe, an denen man sich orientiert. Ein solcher Kopf, ein Bischof, fehlt, in Düsseldorf. (. . .) Einer der Identität schafft und erlahmte Katholiken wieder an die Kirche bindet“.

Ich wurde vor 55 Jahren in Düsseldorf geboren, habe von Kindheit an eine katholische Sozialisation erfahren und bin bis heute in der Kirche engagiert. Im letzten halben Jahrhundert habe ich an und in der Düsseldorfer Kirche so manches vermisst, aber nie einen Kopf. Schon gar keinen Kopf, zu dem ich hinaufschauen muss, um Orientierung zu finden. In der Kirche gibt es kein oben, kein unten, nur eine Mitte und da ist der Herr, um den sich auch in Düsseldorf die Gläubigen versammeln.

Eigentlich ist die Hierarchie in der katholischen Kirche auch mit Papst, Bischöfen und Priestern erstaunlich flach, jedenfalls im Entwurf. Schon das Neue Testament kennt vielfache Differenzierungen nach Charismen, Diensten und Ämtern. Im Blickpunkt steht aber die Gleichheit der Berufung aller in der Einheit des Volkes Gottes. Alle Unterschiede unter den Christen sind bedeutungslos, herausgehobene Köpfe unerwünscht. Das änderte sich mit der Konzentration der kirchlichen Dienste auf das Priestertum. „Es gibt zwei Klassen von Christen, den Klerus und die Laien“. So definierte im 12. Jahrhundert das Dekret Gratians das lange Zeit herrschende Kirchenbild. Die Kirche entwickelte sich auch in Düsseldorf zu einer Kirche des Klerus, demgegenüber die Laien nur negativ, als Nichtkleriker bestimmt werden. Die einen sind die „Hirten“, die anderen die „Herde“. Die Hirten allein haben die Aufgabe, „die Menschen in ihrem Leben zu lehren, zu regieren und ihnen Regeln aufzuerlegen“ (Leo XIII., 1888). Die Herde „hat keine andere Pflicht, als sich führen zu lassen und als gehorsame Herde ihren Hirten zu folgen“ (Pius X., 1906).

Auch das Zweite Vatikanische Konzil vermochte trotz guter Ansätze nicht, den größten Unfall in der Geschichte der Kirche, die Kleruskirche, zu überwinden. Aber die Kirche, allen voran Papst Franziskus, arbeitet weiter daran, sich aus ihrer bedenklichen Schieflage zu befreien und selber wieder ins rechte Lot zu rücken. Der Papst baut die Hierarchie ab, der Jonges-Baas baut sie aus.

Braucht Düsseldorf einen Sonderweg? Um mitzuhelfen, die Kirche wieder zu sich selbst zurückzuführen, brauchen die Düsseldorfer Katholiken keinen Kopf. Die katholische Kirche von Düsseldorf braucht ihn nicht, weil sie ein Gesicht hat. Ein Gesicht, das seine Konturen gelegentlich namhaften, in der Mehrzahl aber namenlosen Gläubigen verdankt, die sich auf je eigene Weise in und für die Kirche einbringen und engagieren. Das Gesicht verbirgt nicht, dass Kirche auch in der Landeshauptstadt dramatisch schrumpft.

Ulrich Brzosa, 1962 in Düsseldorf geboren, Theologe und Historiker. Forschungsschwerpunkte: Die Geschichte der katholischen Kirche in Düsseldorf.

 

Schlechter Gottesdienstbesuch, mangelndes Engagement in den Gemeinden zeigen auch hier eine tiefe Krise traditioneller Kirchlichkeit an. Darüber mag man klagen. Daraus kann man viel ableiten. Nur eines nicht: Dass es in Düsseldorf erlahmte Katholiken gibt, die sich durch einen Kopf wieder an die Kirche binden. Zugegeben: Mir fehlt zu dieser Schlussfolgerung jede Fantasie, da ich persönlich keinen „erlahmten Katholiken“ kenne.

In den Kirchengemeinden unserer Stadt begegne ich Menschen, die je nach Gemütslage ganz andere Befindlichkeiten zeigen. Sie sind aufopferungsvoll, bedrückt, begeistert, besserwisserisch, demütig, diskussionsfreudig, dogmatisch, dünnhäutig, ehrfürchtig, ehrgeizig, enthusiastisch, folgsam, frech, freundlich, fröhlich, fromm, gesellig, hilfsbereit, humorlos, humorvoll, karitativ, ketzerisch, kinderlieb, kindlich, kreativ, lebenslustig, leidenschaftlich, merkwürdig, mimosenhaft, moralisch, musikalisch, naiv, optimistisch, originell, pessimistisch, pfiffig, pragmatisch, provokant, realistisch, realitätsfremd, resigniert, sanftmütig, scheinheilig, schlagfertig, schweigsam, selbstbewusst, selbstherrlich, selbstlos, sozial, sportlich, spröde, streitsüchtig, tolerant, unbelehrbar, ungläubig, verbissen, verbittert, warmherzig, weitsichtig, weltfremd, weltoffen, zeitlos, zweifelnd. Kurzum: Düsseldorfer Katholiken sind bunt und vielfältig, mitunter echt anstrengend, aber auch ungemein lebendig im Ringen um sich selbst und ihre Kirche.

Um die knisternde Spannung zu erfahren, muss man nur in das Gesicht der Düsseldorfer Kirche blicken. Das Gesicht ist nicht makellos, aber es ist so freundlich und einladend, dass es auch Wolfgang Rolshoven wieder an die Kirche binden kann. Er muss uns nur in die Augen schauen und nicht auf die Mitra schielen.

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