WZ-Autor Matthias Rech berichtet vom Mietacker in Niederkassel

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Die Großstadtbauern Piet, Alexandra, Jonas, Christine und Matthias (v.l.) haben ihr Werk für diese Saison getan. Vielen Dank allen Lesern für die Mails und Briefe mit Lob, Kritik, Anregungen und vor allem Rezepten.

Reimann, Friedhelm (rei), Bild 1 von 3

Liebe Leser, Sie sind an dieser Stelle heitere Zeilen über Großstadtmenschen gewohnt, die sich an der Gemüseaufzucht versuchen. Daher möchte ich mich vorab für die Trübsal entschuldigen, die ich Ihnen in den folgenden Zeilen zumute.

Ich fühle mich schlecht. Mein Gewissen plagt mich. Nachts liege ich schwitzend wach und frage mich, ob ich ein schlechter Mensch bin. Das alles wurde ausgelöst von einem Satz, der neulich ganz beiläufig auf dem Acker fiel. Ich hatte gerade unsere Kartoffelpflanzen von etwa 50 Kartoffelkäferlarven befreit und diese im Wasserbassin des Brunnens ertränkt, da sagte Christine ganz lapidar: „Du wirst bestimmt mal als Kartoffelkäfer wiedergeboren.“

Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken herunter. Ich, der Wehrdienstverweigerer, ein Käferkinder-Massenmörder? In meinem Kopf knatterten Gedanken durch die Synapsen. Böse Aura, die über mir aufzieht wie ein Sommergewitter? Der Mörder ist immer der Gärtner, und Karl der Käfer wurde nicht gefragt. Dass mich eine WZ-Leserin vor Wochen als „Kartoffelkäfer“ bezeichnet hatte, als ich mit gelber Hose und schwarzem Pullover in der Zeitung abgebildet war – ein schlechtes Omen?

Werde ich in meinem nächsten Leben auch kaltblütig von einem Amateur-Landwirt ertränkt? Seite an Seite mit meinen geliebten Geschwistern? Haben Kartoffelkäfer überhaupt Familiensinn?

Ich fand keine Antwort und machte mir stattdessen ein Bild. Vom Kartoffelkäfer und den Folgen für mein eventuelles zweites Leben. Also: Der Kartoffelkäfer, das ist ein kleiner gefräßiger Geselle, der ursprünglich gar keine Kartoffeln gefressen hat, sondern irgendwelche anderen Nachtschattengewächse. Denn er kommt nicht wie des Deutschen Lieblingsknolle aus Süd-, sondern aus Nordamerika – wie der Turbo-Kapitalismus, Spionage-Programme fürs Internet, Starbucks und McDonald’s, wie alles Böse eben.

So zumindest sah das die DDR-Führung um 1950, als der Käfer in Massen die Felder der sowjetischen Besatzungszone kahl fraß. Die Staatsspitze war überzeugt: Der Klassenfeind hatte den „Ami-Käfer“ aus Flugzeugen abgeworfen. Kein besonders kreativer Einfall, denn das hatten die Nazis ein paar Jahre zuvor auch schon behauptet.

Die „Amis“ verwandelten diese Vorlage und warfen tatsächlich Käfer aus Pappe über der Zone ab, die ein „F“ auf dem Rücken trugen, das für Freiheit stand. Der Kartoffelkäfer – ein Saboteur des Kommunismus, ein Propaganda-Insekt, ein Freiheitskämpfer. Und ich töte seine Nachkommen? Bin ich eine Gefahr für die Demokratie, für die freie westliche Welt?

1877 wurde Leptinotarsa decemlineata – zu Deutsch: der Zehnstreifen-Leichtfuß – erstmals in Deutschland gesehen. Angeblich in Mülheim am Rhein und in Torgau. 1922 vernichtete er die Kartoffelernte rund um Bordeaux. 1960 hatte er schließlich Polen durchquert und die damalige UdSSR erreicht.

Ausgerechnet 1960. Das Jahr in dem DDR-Bürgern die Ausreise in Nicht-Ostblockländer verboten wurde, das Jahr in dem Chruschtschow in der UN-Vollversammlung mit seinem Schuh das Rednerpult verdrosch, das Jahr in dem die Sowjetunion den Europameister-Titel im Fußball holte. Ist der Ami-Käfer ein Überläufer? Ein Doppelagent?

Wohl eher ein Überlebenskünstler. Denn er hat bisher alle Ausrottungsversuche überstanden. Ob man ihm nun mit Politik, Chemie, Bakterien oder, wie in meinem Fall, ökologisch unbedenklicher Gewalt zu Leibe rückte. Wir versuchen es jetzt übrigens auch mit Kaffeesatz, der den Schwarzgelben durch seine Bitterstoffe fernhalten soll.

Ich denke, das Larvenmassaker vom Niederkasseler Rheinufer wird nicht in die Kartoffelkäfer-Annalen eingehen. Wirklich wissen werde ich das aber wohl erst im nächsten Leben – nach meiner Wiedergeburt als Kartoffelkäfer. Vorher lasse ich mir aber noch unsere nicht abgefressenen Kartoffeln schmecken.

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