Am 10. November 1972 traten Ike und Tina Turner in der Philipshalle auf. Ein sexuelles Erdbeben, wie unser Autor es erlebte.

Am 10. November 1972 traten Ike und Tina Turner in der Philipshalle auf. Ein sexuelles Erdbeben, wie unser Autor es erlebte.
Schon das freizügige Plakat ließ ahnen, dass es bei dem Konzert von Tina Turner nicht gerade prüde zugehen würde.

Schon das freizügige Plakat ließ ahnen, dass es bei dem Konzert von Tina Turner nicht gerade prüde zugehen würde.

1980 waren Hits wie „Should I stay or should I go“ noch nicht komponiert.

René Schleucher, Bild 1 von 2

Schon das freizügige Plakat ließ ahnen, dass es bei dem Konzert von Tina Turner nicht gerade prüde zugehen würde.

Düsseldorf. Das Plakat war schon sehr verheißungsvoll. Da war Tina Turner zu sehen, die junge Tina Turner, knapp über 30. Sie hob das rechte Bein und zeigte unter dem rosa Fetzen, den sie wohl Kleid nannte, viel Haut. Gleichzeitig brüllte sie ganz offensichtlich etwas in den Raum. Sie brüllte mit Kraft. Das konnte sie, das wussten wir von den Platten. Gleichzeitig wirbelten ihre schwarzen Haare wild durch die Gegend. Kurzum: Die Ike & Tina Turner Show, die auf dem Plakat versprochen wurde, warb mit nicht viel weniger als einem sexuellen Erdbeben in Oberbilk.

Natürlich war das Auftreten dieser Combo sehr deutlich kalkuliert auf den Hormonhaushalt junger Männer, den es in Wallung zu bringen galt. Ike & Tina Turner waren das Markenzeichen für energiegeladenen Soul mit einer kräftigen, rockigen Note.

Am 18. Mai 1980 traten „The Clash“ in der Philipshalle auf. Und ihr Techniker tötete den Punk.
Schon das freizügige Plakat ließ ahnen, dass es bei dem Konzert von Tina Turner nicht gerade prüde zugehen würde.

Schon das freizügige Plakat ließ ahnen, dass es bei dem Konzert von Tina Turner nicht gerade prüde zugehen würde.

1980 waren Hits wie „Should I stay or should I go“ noch nicht komponiert.

Conny Schnabel, Bild 1 von 2

1980 waren Hits wie „Should I stay or should I go“ noch nicht komponiert.

Dass Ehemann Ike, mit dem Tina es schon in jenen Jahren sehr schwer hatte, vorne auf dem Plakat stand, hatte damit zu tun, dass er die Show inszeniert hatte. Er wusste, dass es in Schuhkartons wie der Philipshalle nicht so sehr um die Musik ging. Im Vordergrund stand die Show, und für die Show sorgten nicht die Musiker, sondern die Frauen. In diesem Fall waren das Tina Turner und die Ikettes.

Die Ikettes waren drei Frauen in sehr kurzen Kleidern. Die Ikettes taten entweder genau das, was Tina tat, oder sie untermalten deren Ausflüge in die anzüglich-rhythmische Bühnengymnastik mit lasziven Bewegungen. Wenn die Ikettes und Tina Turner synchron tanzten, dann war das so synchron, dass sich jedes deutsche Fernsehballett dabei viel hätte abschauen können. Wenn sie sich gegeneinander bewegten, konnte man viel über die Hitze lernen, die bei Reibung entsteht.

Auf dem Programm standen die damaligen Hits der Band. „Nutbush City Limits“ war noch nicht veröffentlicht, aber trotzdem konnte diese Formation sich schon an Klassikern bedienen. Ich erinnere mich, dass sie „Proud Mary“ spielten, den Monsterhit von Credence Clearwater Revival. In ihrer Version war er aber kaum wiederzuerkennen, weil Ike Turner das Arrangement zerlegt hatte.

Es begann mit einem sehr leisen, sehr langsamen Teil. In dem leierte Ike mit tiefer Stimme von hinten den Text herunter, während Gattin Tina vorne eine kleine Rede hielt. Das Ganze schien immer langsamer zu werden. Noch langsamer und nochmal langsamer.

Bis es dann nach vier kurzen Schlägen explodierte und Kräfte freisetzte, die man noch in keinem Sturm je erlebt hatte. Die Ikettes und Tina wirbelten herum wie entwurzelte Palmen in einem Orkan, und die Band peitschte den Song voran. Da kam selbst ins Schwitzen, wer nur zusah. Aber es sollte noch besser kommen. Ike & Tina Turner spielten auch was von den Beatles, weil sie den vergleichsweise braven Songs der Fab Four so richtig Beine machen konnten. Sie spielten ihren bis dahin größten Hit „River Deep, Mountain High“. Es war ein Knaller.

Tina Turner schüttelte ihr Haar und plötzlich riss ein Träger des Kleides

Aber sie konnten auch langsam. „I’ve been loving you too long“ hieß der Otis-Redding-Hit, den sie sich auf ihre Weise angeeignet hatten. Tina stand am Mikrofon und beklagte eine schon viel zu lang andauernde Liebe, die sie leider nicht beenden könne, weil sie eben schon so lange andauere.

Aber der Text war komplett zweitrangig. Wichtig war, was Tina mit dem Mikrofon anstellte. Sie umfingerte es mit ihren beringten Händen, sie liebkoste es auf eine Art, die rasch klarmachte, dass es um die Form des Geräts ging, dass diese Veranstaltung damit alles andere als jugendfrei war. Sie stöhnte, sie rieb das Mikro, und aus dem Hintergrund erklang Ikes Stimme, die immer wieder so tat, als wolle er ihre Erregung dämpfen. Aber in Wahrheit wollte er mehr, immer mehr. Und er bekam mehr.

Man blicke nur kurz auf das Datum des Konzerts. Es war 1972, und aus den 60er-Jahren war noch eine ganze Menge Prüderie übrig. Hätten sich Jugendschützer oder Pfarrer die Mühe gemacht und ein solches Konzert besucht, wäre es mit ziemlicher Sicherheit verboten worden. Aber das taten sie nicht, und so hatten wir Jungs etwas, das unsere pubertären Träume anfachte.

Und es kam noch besser. Irgendwann schüttelte Tina bei einer Uptempo-Nummer nicht nur ihr Haar wie auf dem Plakat, sie strapazierte auch die Träger ihres knappen Kleides bis zum Bersten. Es passierte, was sich Tausende Jungs in dem Moment wünschten: Ein Träger des Kleides riss und entblößte für einen winzigen Augenblick, was darunter lag. Damit hatte die Philipshalle ihr Nippelgate. Wir Jungs hatten Tina Turners Busen gesehen. Ganz kurz nur, denn sie wusste den Schaden rasch zu begrenzen.

Im Nachhinein darf angenommen werden, dass die ganze Aktion von Ike Turner klar kalkuliert war. Tina Turner war zu jener Zeit seine Marionette, das konnte man später in ihren Erinnerungen nachlesen. Aber an jenem Freitag im Herbst 1972 spielte das keine Rolle. Da blieb nur diese Offenbarung in Erinnerung. Wir hatten mehr gesehen, als uns in unseren jungen Jahren eigentlich zustand. Mehr ging nicht.

Alle Teile unserer Konzert-Serie gibt es im Internet unter

www.wz.de/Livekonzerte

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