Die Urväter des Rock’n’Roll, die Rolling Stones, traten am 24. Juni 1998 im Rheinstadion auf.

Düsseldorf. Sehr lange war Düsseldorf eine sehr traurige Konzertstadt. Schließlich ist nicht zu leugnen, dass sehr wichtige Künstler lange Zeit einfach an Düsseldorf vorbeigezogen sind. Die Beatles zum Beispiel waren zwar vor gut 50 Jahren in der Gegend, allerdings nur in der Essener Grugahalle. Düsseldorf haben die Beatles nie gesehen, höchstens vielleicht auf der Durchreise aus dem Fenster ihres Sonderzuges, der sie am 25. Juni 1966 von München nach Mülheim brachte.

Auch die Rolling Stones haben ewig einen Bogen gemacht um Düsseldorf. Ich musste im September 1973 zu meinem ersten Stones-Konzert in die Kölner Sporthalle reisen. Als Düsseldorfer. Es war nichtsdestotrotz ein Erweckungserlebnis. Ich war von Stund an Stones-Fan. Ein beinharter sogar. Ich reiste zu jedem Konzert in der Gegend, und auch als Jagger & Co 1982 ins Müngersdorfer Stadion kamen, war ich dabei. Da spielten BAP, die J. Geils Band und Peter Maffay im Vorprogramm.

Man muss den Namen und das Ereignis mal laut aussprechen. Peter Maffay im Vorprogramm der Stones. Ich erinnere mich, wie Veranstalter Fritz Rau während des Maffay-Auftritts die Bühne kehrte, weil sich dort allerlei von unzufriedenen Fans geworfenes Obst sammelte. Die Kombination Stones und Maffay zeigte, dass den Stones mit dem Abschied aus den Konzerthallen und dem Eintritt in die großen Stadien ganz offensichtlich das Gefühl für das rechte Maß im Rock’n’Roll abhandengekommen war.

Die Stones kamen 1998 auf ihrer "Road To Babylon"zum ersten Mal nach Düsseldorf

Dementsprechend skeptisch bin ich dann auch 1998 ins Rheinstadion gepilgert. Von den Stones erwartete ich wenig, aber verpassen wollte ich es auch nicht, wenn meine Band von früher meiner Stadt endlich auch mal einen Besuch abstattet. Das Jahr 1998 markierte dabei in doppeltem Sinne eine Zeitenwende. Erstens kamen die Stones zum ersten Mal nach Düsseldorf, zweitens gehörten sie zu den ersten Rockbands, die damals den Ticketpreis über die bis dahin als unüberwindbar angesehene 100-Mark-Grenze trieben. Es deutete sich an, dass künftig das Haupteinkommen von Bands nicht mehr aus den Plattenverkäufen, sondern vielmehr aus dem Verkauf von Eintrittskarten stammen würde.

Die Preise verärgerten mich natürlich. Auch die Bühne überzeugte mich nicht sonderlich. Der komisch kitschige Aufbau mit überdimensionierten Kelchen sah ein bisschen aus, als wollten die Stones sich selbst auf den Arm nehmen und das Motto ihrer Tour karikieren. „Bridges To Babylon“ hieß der Titel der Tour, und die zugehörige Platte war echter Schrott.

Nur zwei Monate nach den Stones traten Pur (mit Nena als Support) als einziger Act in der Geschichte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im ausverkauften Rheinstadion auf. 1999 beendete der Düsseldorfer Westernhagen die Konzertgeschichte des Betonklotzes. Das Rheinstadion wurde 2002 gesprengt.

In der Mitte der Bühne prangte eine riesige Leinwand, auf der irgendwann Keith Richards zu sehen war, wie er mit „Satisfaction“ loslegte. Mannomann dachte ich. Wer es sich leisten kann, mit dem größten Kracher anzufangen, verspricht viel. In der Tat setzte bei mir ein gewisses Kribbeln ein, als Jagger auf die Bühne tänzelte und sich in den folgenden zwei Stunden als Ausdauerläufer bewähren sollte. Was für eine athletische Leistung. Respekt. Schließlich war Jagger damals schon 54 Jahre alt. Aber er wirkte so frisch, als könne er jederzeit bei der Tour de France antreten und das Ding gewinnen. Ganz ohne Doping. Dass es doch eigentlich um Musik gehen sollte, geriet bei der exzellenten Turnerei glatt in den Hintergrund.

Leider ließen die Stones dann stark nach. Sie spielten Songs von ihrem aktuellen Schrottalbum, die natürlich kein Mensch hören wollte. Aber irgendwann war dann der erste Teil überstanden, und es schob sich ein Catwalk ins Publikum. Über den marschierten die Stones zu einer Art Insel in der Mitte des Stadions, und dort wurden sie wieder richtig gut. Sie spielten „Little Queenie“ von Chuck Berry, „Little Red Rooster“ von Willie Dixon und „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan. Das alte Zeug, die alte Kraft.

Auf einmal waren sie wieder da, meine echten Stones, die Stones von früher, die noch nicht mit Stadiongrößen kalkulierten, sondern auf die Magie eines guten Gitarrenriffs vertrauten, die weniger Mick Jagger und mehr Keith Richards waren. Das war echter Rock’n’Roll. Auf einmal war ich wieder Stones-Fan. Dann wanderte die Musikerkarawane zurück auf die Hauptbühne. Aus dem Nahstone-Erlebnis wurde wieder das Kunstgebilde Stones. Da waren Jagger, Richards und der Rest erneut stecknadelkopfkleine Gestalten, die nur groß wirkten, weil man sie auf die Leinwand projizierte.

Aber den Mangel an persönlicher Präsenz kompensierten sie mit einer Lastwagenladung ihrer besten Hits. Sie knallten mir „Honky Tonk Women“, „Start Me Up“ und „Jumpin Jack Flash“ um die Ohren. Als Zugabe servierten sie „Brown Sugar“. Ein Hammer. Danach konnte nichts mehr kommen. Höchstens noch ein Feuerwerk über dem Rheinstadion. Ich fand es nur konsequent, dass das Rheinstadion ein paar Jahre danach abgerissen wurde. Die Stones waren da. Was sollte danach noch kommen?

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