Die Hosen und unser Autor wollten es 1987 zu Weihnachten noch einmal krachen lassen. Es entstand ein legendäres Konzert.

Düsseldorf. So richtig waren wir im Jahr 1987 noch nicht davon überzeugt, dass man mit der Musik der bier- und ballverliebten Bands aus Düsseldorf Erfolge feiern könnte. Das Jahr war ohne spektakuläre Ereignisse oder Neuheiten in der lokalen Agenda fast schon zu Ende, da kamen Jochen Hülder, Manager der Toten Hosen, und der Autor dieser Zeilen auf die Idee, es zum Schluss doch noch einmal richtig krachen zu lassen.

Wir verfügten über Insider-Informationen, die besagten, dass der damals absolute Superstar Prince gedachte, ein sogenanntes „Black Album“ ins Weihnachtsgeschäft zu lancieren. Jochen spekulierte auf Fehlgriffe der vom Kaufrausch bedröhnten Geschenke-Sucher (seinerzeit waren Schallplatten die beliebtesten Präsente unterm Tannenbaum). Und so planten wir kurz entschlossen eine Weihnachtsplatte fürs rohe Fest, die wie beim kleinen Funkmaestro geheimnisvoll mit rabenschwarzem Cover und ohne irgendwelche Informationen erscheinen sollte. Mal hieß sie „How Much More Black Can It Be?“, mal „Oh Gott, 12 unbefleckte X-Mas-Flops“. Der tönende Inhalt war eine Sammlung mehr oder weniger weihnachtlicher Songs aus der Düsseldorfer Alternative-Rock-Szene (ein Begriff, der Ende der 80er allerdings noch in Mode war).

Das Intro kam vom damals noch unbescholtenen Garry Glitter

Die große Koalition heimischer Knecht-Ruprechte und Engel bestand aus Asmodi Bizarr, Family 5, II. Invasion (ein Ableger der legendären Weiber-Punk-Kapelle Östro 430), S-Chords, Stunde X, Der Plan und den Toten Hosen, die allesamt auch in der Nacht vor dem Heiligen Abend auftraten. Jede Band mit einem knappen 30-Minuten-Set. Was mit einem subversiven Spaß begann, endete in einem ausverkauften Tor 3-Konzert. Unter dem Motto „Lieber im Koma statt bei Oma“ kamen 1300 Partybiester, die dem vorweihnachtlichen Wahnsinn entkommen wollten.

Die Organisation war zügig, das Thekenpersonal flink, die Stimmung mehr als ausgelassen. Zu der Zeit gingen die wahren Redouten noch auf und nach Konzerten ab, es wurde gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Schon in den Pausen und später auch während der Shows der anderen Bands skandierte der angetrunkene Mob den neuen Schlachtruf „Hosen, Hosen ...“

Der eigens aus Hamburg eingeflogene Conférencier Jäki Eldorado (erster Punk Deutschlands) rief mehrmals ergebnislos zur Zurückhaltung und Fairness auf. Auch das Kollegium war über ihren plötzlichen Vorprogrammstatus nicht gerade amüsiert (die Hosen waren seinerzeit so gerade noch Gleiche unter Gleichen), aber als Campino & Co. schließlich zum Schluss die Bühne enterten, pogten fast alle Beteiligten ganz vorne mit. Das Intro bestand aus „Rock’n‘Roll“ vom damals noch unbescholtenen Pädophilen Gary Glitter und ging ins Vollgas-Medley aus „Opel Gang, Liebesspieler, Halbstark und Schwarzwaldklinik-Lied zum Sonntag/Disco in Moskau/Altbierlied“ über. Wenn’s eine Hütte gegeben hätte, wäre sie abgebrannt.

Prince zog sein schwarzes Album übrigens eine Woche vor dem geplanten Veröffentlichungstermin am 8. Dezember ohne Angabe von Gründen zurück. Es entwickelte sich mit über 250 000 Exemplaren zu einem der meistverkauften Bootlegs der Musikgeschichte, bis es 1994 veröffentlicht wurde.

Auch ich hatte mich mit der allgemeinen Stoßbetankung solidarisiert und mir einige Gedächtnislücken ins Hirn gehauen. Dessen erinnere ich aber noch: Sie und nur DTH durften auch noch eine Zugabe spielen. Ich wette aber, dass sich selbst Breiti nicht mehr daran erinnert, welchen taumelnd umjubelten Song sie spielten.

Der exzessive Abend ist legendär, weil hier die Tradition der Weihnachtsshows geboren wurde; er die eigentliche Initialzündung für die Karriere der Toten Hosen war und weil DTH sich die Idee eines ineinander übergehenden Song-Pakets merkten und später jahrelang zum Start ihrer Shows verwendeten. Campino & Co. hatten zu der Zeit bereits konkrete Zukunftspläne. 1988 agierten sie ein halbes Jahr lang als Schauspieler und Musiker in der „Clockwork Orange“-Inszenierung an den Kammerspielen Bad Godesberg. Anschließend veröffentlichten sie diese Musik auf „Ein kleines bisschen Horrorshow“, deren Single „Hier kommt Alex“ als kommerzieller Durchbruch der Band gilt.

Ende 1988 wiederholten sie die Weihnachtsshows im Tor 3, diesmal allerdings als alleiniger Hauptact und an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Spätestens ab hier kennt jeder Düsseldorfer zwischen 30 und 60 deren weitere Erfolgsgeschichte zur größten Rockband Deutschlands. Auch Family 5 rumpeln mit ihrem Soul-Punk immer noch durch die Gegend. Nach zwölf Jahren Funkstille haben die falschen 60er sogar ein neues Album „Alles was zählt“ veröffentlicht und befinden sich derzeit noch auf Deutschlandtournee. Die restlichen Beteiligten haben sich mehr oder weniger vom Musikbusiness verabschiedet.

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