Erst den Jazz, dann den Punk – doch was hat die Altstadt heute zu bieten? Ein Streifzug zu Nischen für Musikinteressierte.

Detlef Weinrich am DJ-Pult. Noch ist’s früh, erst zur späten Stunde wird es im Salon des Amateur voll.
Detlef Weinrich am DJ-Pult. Noch ist’s früh, erst zur späten Stunde wird es im Salon des Amateur voll.

Detlef Weinrich am DJ-Pult. Noch ist’s früh, erst zur späten Stunde wird es im Salon des Amateur voll.

Erst das Pretty Vacant, dann das The Tube. Alex „Buzzpop“ Brassel führt gleich zwei Clubs in der Altstadt.

DJ Karlsson legte schon in den 90er Jahren in der Altstadt auf. 1998 übernahm er den [Q]-Stall.

Henry Storch führte elf Jahre lang den Unique Club, im vergangenen Jahr eröffnete er das Blue Note.

Stefan Arend, Bild 1 von 4

Detlef Weinrich am DJ-Pult. Noch ist’s früh, erst zur späten Stunde wird es im Salon des Amateur voll.

Düsseldorf. Die gute alte Zeit scheint vorbei. Das Jazzfieber der 50er und 60er Jahre, das in den Kellerclubs der Altstadt grassierte und Musiker wie Klaus Doldinger hervorbrachte.

Die Punkbewegung, die sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre im Ratinger Hof austobte und in der sich Bands wie Fehlfarben, Die Krupps und natürlich auch Die Toten Hosen formierten.

Vorbei. Diese musikalischen Aufbruchsstimmungen scheinen längst im Mahlstrom der Bolkerstraße untergegangen zu sein, aufgelöst im Mitschunkel-Mainstream. Zumindest auf den ersten Blick.

Auf den zweiten finden sich in der Altstadt jedoch einige Clubs, die sich als Refugien für individuellen Sound erstaunlich resistent gegen die massenkompatible Party-Industrie zeigen.

Bands wie Stabil Elite stammen aus dem Umfeld des Salon des Amateurs

Zum Beispiel der Salon des Amateurs am Grabbeplatz. Vor sieben Jahren eröffnet, sollte er als Café der Kunsthalle „eigentlich etwas Ruhiges werden“, sagt Detlef Weinrich, Mitgründer, DJ und Mitglied der Gruppe Kreidler. „Doch dann wurden wir völlig überrannt.“

Am 11. Februar gibt es eine Release-Party: Tolouse Low Trax (Detlef Weinrich) und Harmonious Thelonious (Antonelli) stellen ihre neuen Werke vor. Am 22. Februar tritt der Schotte Nicholas Currie alias Momus auf und präsentiert seine abstrus-schrulligen Folksongs. Uhrzeit und Eintrittspreise stehen noch nicht fest.

Am Donnerstagabend live auf der Bühne: die Lokalmatadore von Don Cabron. Eintritt sieben Euro, Beginn 20 Uhr. Am 7. Februar steht eine Live-Performance des New Yorkers Kenny Dope (Masters at Work, The Bucketheads) auf dem Programm. Als Rapper mit dabei: Rasheed Chappell. Am 15. Februar ist dann eine echte Hip-Hop-Legende zu Gast. Der Rapper Fatlip (Pharcyde) legt auf. Tickets kosten im Vorverkauf jeweils zehn Euro. Los geht’s am späteren Abend.

Am Freitag gibt’s ab 20 Uhr ein Dreifachkonzert mit der Berliner Punkband Circus Rhapsody sowie Dangerous to life und Lina Kramer. Eintritt fünf Euro.

Release-Show mit Between Borders, die am 10. Februar ab 20 Uhr ihre neuen Songs vorstellen. Eintritt frei.

Der Unique Club an der Bolkerstraße hatte gerade schließen müssen, und auch das Coffy an der Mertensgasse (heute Pretty Vacant) war dicht. Die Szene stand auf dem Schlauch. Da kam der Salon gerade wie gerufen.

So gibt es in der Woche zwar auch Lesungen, Vorträge und Filmabende, aber am Wochenende übernehmen die DJs das Ruder. Der Salon wird zum Club, vor allem mit elektronischen Beats und alles andere als ruhig. „Da sind wir den Wünschen unserer Besucher gefolgt“, sagt Weinrich, der mittwochs und samstags selbst an den Plattentellern steht.

„Wir haben versucht, den Ratinger Hof in die heutige Zeit zu übersetzen, nur nicht ganz so laut.“

Detlef Weinrich, Salon des Amateurs

Das heißt allerdings nicht, dass deshalb auf eingängige Sounds gesetzt würde. Der Ansatz ist eher künstlerisch, das Publikum soll herausgefordert werden. Zum Beispiel von Volker Bertelmann alias Hauschka, der einst mit dem Approximation Festival Grenzgänger auf dem Klavier zusammenbrachte. Oder erst am Mittwoch, als der französische Avantgarde-Musiker Ghedalia Tazartes zu Gast war.

Es soll eben um mehr gehen als nur eine gute Party. „Wir haben versucht, den Ratinger Hof in die Gegenwart zu übersetzen, nur nicht so laut. Wir wollen ein Ort sein, an dem vor allem für junge Gäste eine musikalische Sozialisation möglich ist.“

Und das ist gelungen. Bands wie Neustadt und Stabil Elite sind zum Beispiel aus dem Umfeld des Salons entstanden, letztere ist aktueller Förderpreisträger der Stadt.

Auf den Unique Club folgt das Blue Note

Weitere Plattformen für lokale, aber auch internationale DJs und Musiker gibt es vor allem auf der Kurze Straße. Vor einem Jahr hat dort Henry Storch mit dem Blue Note wieder einen Club eröffnet. „Einer muss es ja machen“, sagt er gern lakonisch.

Elf Jahre lang hatte der DJ und Musiklabelchef den Unique Club an der Bolkerstraße geführt. DJs wie Andy Smith (Portishead) und Winston Hazel standen an den Reglern, live spielten unter anderem Jazzer Brian Oger oder Hip-Hop-Künstler wie die Digable Planets und Masta Ace.

„Wir müssen uns natürlich erst wieder etablieren, ein Jahr dauert das sicher noch“, sagt Storch, der tausende Vinylscheiben besitzt und vor allem samstags Funk und Soul auflegt.

Die ersten Live-Auftritte gab es auch schon im ehemaligen Miami. Die Hip-Hop-Formation Ugly Duckling gab ein gefeiertes Konzert, am Donnerstagabend stehen Don Cabron auf der Bühne.

Als DJ hat zum Beispiel Soul-Sänger Mayer Hawthorne nach seinem Auftritt bei der Harald-Schmidt-Show vorbeigeschaut – und musste am frühen Morgen letztlich von seinem Manager überredet werden, ins Bett zu gehen.

Alex „Buzzpop“ Brassel ist ein Club nicht genug

Auch im Pretty Vacant an der Mertensgasse werden die Nächte gegen den Strom zum Tag gemacht. Typisch ein Abend an Altweiber, als sich einige Jecken in einen der ältesten Kellerclubs der Stadt verliefen und DJane Penelope sie bei einer ihrer Dubstep-Sessions mit wuchtig-nervösen Bässen gleich wieder vertrieb.

Alles geht, bloß kein Mainstream. So reicht das Live-Spektrum der letzten Jahre vom Frank Popp Ensemble über den New Yorker Rapper Shabaam Sahdeeq bis zum Hamburger Musikduo Fotos. Auch Lesungen und Poetry Slams stehen auf dem Programm.

Da ein Laden für ein solches Angebot offenbar nicht genug ist, hat Betreiber Alex „Buzzpop“ Brassel im vergangenen Jahr gleich noch einen eröffnet, das The Tube an der Kurze Straße. „Ich hätte nicht mit ansehen können, wenn da noch ein Laden wie auf der Bolkerstraße entstanden wäre“, sagte er damals der WZ.

Schon Ende der 90er Jahre hatte er den Club einige Jahre geführt, bevor dieser zur People Clubbar wurde. Sein Konzept: „Im Pretty Vacant soll es elektronischer zugehen, im Tube rockiger.“

Aus allen Nähten platzte der neue Laden erst kürzlich bei der Record-Release-Party von Alex Amsterdam. Und Jecken haben dort übrigens ebenfalls keine Chance: „Gitarren gegen Narren“ hieß dort das Motto zu Karneval.

Der [Q]-Stall ist schon lange eine feste Größe für Musikinteressierte

Die längste Zeit am Stück sorgt DJ Karlsson als Betreiber des [Q]-Stalls für ein Kontrastprogramm zur Partymeile Bolkerstraße. 1998 hat der die Mischung aus Bar und Club an der Kurze Straße übernommen. Auf den Plattenteller kommt freitags und samstags die Bandbreite von Punkrock über Ska und Soul bis Rockabilly. Ein Aufkleber auf dem DJ-Pult gibt die Richtung vor: „A DJ ist not a Jukebox.“ (Ein DJ ist keine Musikbox).

War denn nun früher alles besser in der Altstadt, oder nicht? „Natürlich nerven die Junggesellenabschiede, die abschreckend wirken. Aber die Läden in der Altstadt zielten im Großen und Ganzen immer schon auf den Mainstream, nur wenige boten Nischen für Musikinteressierte. Auch der Ratinger Hof war eine solche Nische“, sagt DJ Karlsson. Salon, Blue Note, Tube, Pretty Vacant – eigentlich sei die Situation gar nicht so schlecht. Von wegen gute alte Zeit . . .

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