Der Küchentisch ist ein Symbol für Kommunikation und Genuss. Die WZ nahm Platz bei Menschen, die etwas zu erzählen haben. Heute: Streetart-Künstler LET.

Vieles seiner Kunst bleibt nicht lange an Ort und Stelle.
Vieles seiner Kunst bleibt nicht lange an Ort und Stelle.

Vieles seiner Kunst bleibt nicht lange an Ort und Stelle.

LET lässt sich grundsätzlich nur von hinten fotografieren. Der Küchentisch ist auch nicht seiner – sondern der von unserem Mitarbeiter.

LET, Bild 1 von 2

Vieles seiner Kunst bleibt nicht lange an Ort und Stelle.

Düsseldorf. LET („Les Enfants Terrible“) kann man getrost als Street Art Künstler der ersten Stunde bezeichnen. Der Düsseldorfer prägt seit 25 Jahren mit seinen Motiven das Bild seiner Heimatstadt. Am Küchentisch spricht der Halbfranzose über seine Abneigung gegenüber Paris, seine Anfänge in den frühen 90ern und seinen Lieblingsarbeitsplatz in Düsseldorf.

Hallo LET, wir treffen uns heute an meinem Küchentisch, weil Sie gar keinen eigenen besitzen.

Der Küchentisch ist ein Symbol für Kommunikation und Genuss. Die WZ nahm Platz bei Menschen, die etwas zu erzählen haben. Heute: Streetart-Künstler LET.
Foto: LET

Vieles seiner Kunst bleibt nicht lange an Ort und Stelle.

LET: Genau, meine Küche ist eher ein sehr schmaler Durchgangsflur. Da ist überhaupt kein Platz für einen Küchentisch. Wenn ich Besuch von Freunden bekomme, setzen wir uns auf meiner Terrasse zusammen. Oder man trifft sich gleich in der Stadt.

Und wo gehen Sie dann am liebsten hin?

LET: Schon die Klassiker. Auf die Ratinger, oder ins Uerige. Im Winter auch gerne in die Sennhütte im Zooviertel.

Haben Sie einen starken Bezug zu Düsseldorf?

LET: Düsseldorf ist meine Heimatstadt, ganz klar. Die meisten Leute, die ich kenne, wohnen hier. Ich bin hier geboren und dann als Kind viel umgezogen. Habe in Berlin und Hannover studiert. Vor zwölf Jahren bin ich wieder zurückgekehrt an den Rhein.

Für immer?

LET: Da ich keine Verantwortung für eine Familie trage, lasse ich mir das offen. Es kann gut sein, dass es mich nochmal woanders hin verschlägt.

Durch ihren Job sind Sie wahrscheinlich eh viel unterwegs?

LET: Das ist das gute an meinem Job, die Reiserei. Man wird irgendwohin eingeladen, und hängt nach der eigentlichen Arbeit noch ein paar Tage dran, um seine Sachen zu machen. Egal, ob gefragt oder ungefragt.

Und Ihre Verbindung zu Frankreich? Sie sind ja halber Franzose…

LET: Meine halbe Familie wohnt in Paris. Aber ich bin absolut kein Fan von der Stadt, mir ist sie zu laut und zu dreckig. Ich habe da auch noch nie eine Ausstellung gehabt. Letztes Jahr sollte ich Teil eines Festivals in Les Halles sein. Das wurde aber kurz vorher abgesagt. Ich fahre viel lieber in den Süden, Atlantikküste. In Biarritz war ich schon 20 Mal.

Sie sind seit 25 Jahren als Künstler tätig. Wie kamen Sie zu Street-Art?

LET: Als ich 1992 angefangen habe, gab es den Begriff noch gar nicht. Auf die Idee kam ich durch kubanische Propagandaplakate und die Che Guevera-Köpfe. Das waren Stencils. Eine Technik, mit der man zügig schwarz-weiß Bilder vervielfachen kann. Die fand ich sofort klasse. Ich hatte vorher mit Graffiti experimentiert, aber schnell gemerkt, dass mir da das Talent für fehlt. Erst drei, vier Jahre später ist mir aufgefallen, dass zum Beispiel in Paris Künstler schon seit Jahren unterwegs sind mit der gleichen Technik. Damals gab es noch kein Internet, da nahm man von sowas nicht sofort Notiz.

Kein Vergleich zu heute. Street-Art ist nicht mehr Underground, sondern Mainstream. Haben es die Künstler, die heute starten, einfacher als Sie damals?

LET: Ich werde immer wieder von jungen Leuten, die gerade mal ein halbes Jahr dabei sind, um Rat gefragt. Die wollen möglichst schnell in Galerien. Viele denken, Street Art ist schnell verdientes Geld. Die Arbeit, die dahintersteckt, sehen viele nicht. Ich sag den Leuten dann immer: Nehmt euch die Zeit, um euren eigenen Stil zu finden. Probiert euch aus. So wie ich damals. Dann kommen die Galeristen irgendwann auf einen zu.

Arbeiten Sie heute anders als vor 20 Jahren?

LET: Früher hab ich oft nach der Devise gearbeitet: Je mehr, desto besser. 20 Plakate am Abend waren damals ein Ziel. Mittlerweile beschränke ich mich auf eins oder zwei und nehme mir viel mehr Zeit für die Vorbereitung. Aber diese Entwicklung machen viele durch. Am Anfang geht es erstmal nur darum, dass man gesehen wird.

In einem anderen Interview sagten Sie mal, Sie wollen nicht als sozialkritischer Künstler wahrgenommen werden. Warum nicht?

LET: Ich will einfach keinen Stempel aufgedrückt bekommen. Ich gehe nicht so an die Sache ran, dass ich sage, ich muss jetzt unbedingt was zu Thema X machen. Und Sozialkritik üben. Ich stolpere über Sachen, finde eine Figur oder ein Thema interessant, und lasse mich davon inspirieren. Eher nach dem Zufallsprinzip. Das ist dann auch mal sozialkritisch, aber eben nicht nur.

Wir haben vorhin über das viele Reisen gesprochen. Was gefällt Ihnen noch an Ihrer Arbeit?

LET: Ich bin froh, dass ich alleine arbeiten kann. Ein paarmal haben mir Leute im Studio geholfen, das ging nie lange gut. Weil ich ziemlich pingelig bin. Das Bild muss genau so aussehen, wie ich es mir vorgestellt habe. Da steht ja dann auch mein Name drunter.

Haben Sie einen Lieblingsort in Düsseldorf, an dem Sie ihre Motive anbringen?

LET: Mitten in der Altstadt gibt es eine kleine Holzhütte, da mache ich häufiger was. Weil da tausende von Leute jeden Tag vorbeilaufen. Autos, Straßenbahn, Fußgänger. Und die Größe passt ideal zu meinen Arbeiten. Der Nachteil ist natürlich, dass die Sachen schneller runtergeholt werden. Die Leute gehen mit Tapetenlöser hin, schmieren was drauf, warten eine Stunde und ziehen das ab. 99 Prozent meiner Arbeiten sind verschwunden.

Ärgert Sie das nicht?

LET: Ich habe da nichts gegen, wenn es Liebhaber von Street-Art sind. Oder Teenager. In der Galerie sind die Bilder ja auch ziemlich teuer. Es gibt aber auch ein Galeriepärchen, beide so um die 50, die immer schnell zur Stelle sind. Das geht mir dann doch auf den Zeiger.

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