Der Küchentisch ist ein Symbol für Kommunikation und Genuss. Die WZ nahm Platz bei Menschen, die etwas zu erzählen haben. Diesmal: Selinde Böhm und Rudolf Müller von der Buchhandlung im Heine-Haus.

Der Küchentisch ist ein Symbol für Kommunikation und Genuss. Die WZ nahm Platz bei Menschen, die etwas zu erzählen haben. Heute: Selinde Böhm und Rudolf Müller von der Buchhandlung im Heine-Haus.
Rudolf Müller und Selinde Böhm mit ihren Hunden Cinda und Fiona.

Rudolf Müller und Selinde Böhm mit ihren Hunden Cinda und Fiona.

Sergej Lepke

Rudolf Müller und Selinde Böhm mit ihren Hunden Cinda und Fiona.

Düsseldorf. Seit 40 Jahren zusammen, seit 20 Jahren verheiratet und immer am gleichen Küchentisch. Das heutige, langgestreckte Modell mit rot lackierter Platte gleicht einem Designermöbel und stammt von einem Düsseldorfer Schreiner. In einer Unterbilker Altbauwohnung wohnen Selinde Böhm und Rudolf Müller seit Jahrzehnten. Seit knapp 30 Jahren betreiben sie zusammen eine Buchhandlung – zunächst die Buchhandlung Müller, seit 2006 die Literaturhandlung im Heine-Haus, genauer: in Heinrich Heines Geburtshaus auf der Bolkerstraße 53, in dem ein lichtdurchfluteter Raum für Lesungen, Konzerte und Ausstellungen eingerichtet ist.

Mitten in der Altbiermeile versprühen sie so einen Hauch Hochkultur. Müller & Böhm – Namen und Gesichter, die bekannt sind, nicht nur in Düsseldorfs Literaturszene. Sie, promovierte Philosophin und Germanistin mit beiden Lehramts-Staatsexamen, und er – gebürtiger Schwabe, der in Köln Geschichte und Literatur studiert hatte und, der Lieben wegen, nach Düsseldorf zog. In den späten 1970ern beide noch mit langen Haaren. „Ich trug Afrolook. Der war damals Mode“, erinnert sich Selinde Böhm.

Wo sie sich kennengelernt haben? „Auf einer Party im Teutoburger Wald bei einer durchgeknallten Psychologin, die wir beide kannten.“

Die beiden machen es sich zu Hause bequem, trinken genüsslich den frisch aufgegossenen Kaffee oder Zitronengras-Tee. Stets an ihrer Seite die beiden Windhunde, mit denen sie häufig spazieren gehen, manchmal auch auf dem Fahrrad. Eine auffällige Konstellation im Unterbilker Straßenbild.

Der Blick in der spartanisch eingerichteten Küche fällt zunächst auf eine kleine Vogelzeichnung von Ulrike Möltgen, dann auf das farbige Wandplakat einer Malewich-Ausstellung von 1989. „Das Jahr, in dem wir den ersten Buchladen auf der Neustraße eröffneten“, so Müller. Und dann schaut man in einen Hinterhof mit üppig sprießendem Garten. An ihrem Küchentisch entstehen zwar keine neuen Projekte für das Heine-Haus. „Hier sind wir nur privat.“ Dennoch sprechen sie – manchmal auch mit ihren Gästen – über Literatur, Politik und Kunst.

Heine-Haus, Bolkerstraße 53: Nico Bleutge & Marion Poschmann, 29. September, Fr. 19.30 Uhr; Raoul Schrott 30. September, Sa. 19 Uhr; Verleihung Poesie-Debüt-Preis Düsseldorf 2017 an Lyrikerin Maren Kames, 1. Oktober, So. 12 Uhr.

In den letzten Dekaden haben bei den Müller-Böhms bekannte Literaten, Verleger, Künstler und Fotografen getafelt und getrunken. Herta Müller, mit der sie seit langem befreundet sind – auch schon Jahre vor 2009, als sie den Nobelpreis erhielt. Auf den Stühlen nahmen aber auch andere Platz: Verlags-Gründer Klaus Wagenbach, Michael Krüger (Jahrzehnte lang Geschäftsführer des Hanser-Verlags), Prosa- und Lyrik-Autor Oswald Egger, der Düsseldorfer Dichter Thomas Kling (gestorben 2005) und Oskar Pastior, der wegen seiner Lautgedichte eine Berühmtheit war. Häufig kommen sie hierhin nach Lesungen im Heine-Haus. „Geladen werden aber nur die, mit denen wir mehr als nur beruflichen Kontakt pflegen.“ Das betonen beide. Häufig reden sie auch über den Umzug 2006 von dem kleinen Geschäft auf der Neustraße auf die Bolkerstraße. „Das war für uns ein Riesenschritt,“ sagen sie.

Für dieses Public-Private-Partnership, an der auch Stadt und ein Förderverein beteiligt sind, nahm das Duo damals viel Geld in die Hand. Sie verzichteten auf eine Eigentumswohnung, investierten stattdessen ihre Ersparnisse ins HeineHaus. „Wir geben alles dafür“, sagen sie. Und gingen ein unternehmerisches Risiko ein. Das habe sich gelohnt: Zusammen mit dem Förderverein organisiert Selinde Böhm mittlerweile ein Programm von etwa 50 Lesungen pro Jahr.

Wichtiges Thema: der Verkauf von Büchern per Internet, der bereits Buchhandlungen zur Aufgabe gezwungen hat. Müller: „Die Tiefphase ist vorüber. Es gibt eine Trendwende. Die Leute kaufen gerne bei uns.“ Und das obwohl die Zeiten des Literarischen Quartetts längst vorüber sind. Am Tag nach der einst beliebten TV-Sendung konnte man stapelweise die Bücher verkaufen. Egal ob Reich-Ranicki sie lobte oder tadelte.

Wenn sie im Sommer mit Literaten oder Freunden feiern, passen in die weitläufige Wohnung und den Garten schon mal 90 Gäste, erzählen sie. Auf dem Küchentisch wird serviert. Was es zu essen gibt? „Braten und Suppen aller Art. Deftige Hausmannskost. Das kann ich am besten“, sagt Selinde Böhm. Wenn das Literatur-Duo sonst auch locker emanzipiert und gleichberechtigt auftritt, so gelten in der Küche, so scheint’s, die tradierten Geschlechter-Rollen.

Ferien, die gönnen sich die beiden Ende August, für knapp zwei Wochen. Ansonsten haben sie eine Sechs-Tage-Woche. Nur der Sonntag ist frei. Zwei Tage hintereinander bleibt ihr Geschäft nur bei Feiertagen geschlossen. Böhm: „Zwei Tage frei sind für uns wie Urlaub.“

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