Trotz erhöhter Polizeipräsenz: Das Drogengeschäft am Bahnhof floriert, die Anwohner und Geschäftsleute leiden. Ein Rundgang.

Wird oft als Drogen-Umschlagplatz genutzt: Die U-Bahn-Station Oststraße.
Wird oft als Drogen-Umschlagplatz genutzt: Die U-Bahn-Station Oststraße.

Wird oft als Drogen-Umschlagplatz genutzt: Die U-Bahn-Station Oststraße.

Bis zu 50 Drogenverkäufer gleichzeitig hat eine Anwohnerin schon beobachtet.

Melanie Zanin, Bild 1 von 2

Wird oft als Drogen-Umschlagplatz genutzt: Die U-Bahn-Station Oststraße.

Düsseldorf. Schon seit einer ganzen Weile steht der stiernackige Mann mit dem grauen Kapuzenpullover im Hauseingang auf der anderen Straßenseite herum. Dann kommen zwei dürre Kerle auf ihn zu; Jogginghose, Mütze auf dem Kopf. Man spricht kurz, schaut die Straße hinauf und hinunter. Wie aus dem Nichts kommt plötzlich ein Mann mit grüner Schirmmütze über die Fahrbahn gelaufen – wie der Mann im grauen Kapuzenpulli Schwarzafrikaner. Er geht auf die beiden Jungen zu, gibt dem einen die Hand. Man hält sich einen Moment zu lange fest. Weitere Blicke über die Straße. Dann sind plötzlich alle verschwunden. Der Drogendeal ist offensichtlich schon gelaufen.

„Die Dealer sind völlig schmerzfrei. Sie haben auch keine Angst.“

Gaby Kafaii, betreibt seit 30 Jahren ein Printstudio am Hauptbahnhof

Gegenüber stehen vor dem Blumenladen von Olaf Backens gerade wieder einige Geschäftsfleute und Anwohner zusammen. Auch die Not sorgt hier für gute persönliche Drähte. Denn Szenen wie diese beobachten die Menschen, die hier leben und arbeiten, ab dem Nachmittag minütlich. „Seit zwei Jahren ist es unerträglich“, sagt Gaby Kafaii, die ihr Printstudio seit 30 Jahren betreibt. „Die Dealer sind völlig schmerzfrei. Sie haben auch keine Angst.“

Tatsächlich geht ein junger Mann mit gelbem Poloshirt gerade an der Gruppe auf dem Gehweg vorbei, Plastikwasserflasche in der einen Hand, ein abgegriffenes Telefon in der anderen. Er mustert die Anwohner offen, fast spöttisch. „Der hat bei mir mal Drogen im Blumenkasten gebunkert“, berichtet Blumenhändler Backens. Er habe sich erst stundenlang demonstrativ danebengestellt, eine Zigarette nach der anderen geraucht, dem Dealer schließlich gedroht, seine Ware beim nächsten Mal zu vernichten. „Irgendwann brennt mein Laden“, sagt Backens. „So lange mache ich weiter.“ Mit dem Kampf gegen die florierende Drogenszene.

„Gelbes Poloshirt“ stellt sich auf der anderen Seite der Karlstraße in einem Hauseingang auf, schaut nach rechts und links. „An den Flaschen und alten Handys erkennt man sie immer“, sagt Victoria Borovkov, die ebenfalls an der Ecke arbeitet. Bis zu 50 Drogenverkäufer gleichzeitig habe sie schon beobachtet, nur auf dem kleinen Stück zwischen Karl- und Charlottenstraße. Ein Mann in blau-weißem Karohemd läuft an „Grauer Kapuzenpulli“ in seinem Hauseingang an der Friedrich-Ebert-Straße vorüber, ein kaum wahrnehmbares Nicken. Dann kommt ein Typ in Wolljacke hinzu, spricht kurz mit „Grauer Kapuzenpulli“. Plötzlich Geschrei. Ein Dritter brüllt die beiden Männer über die Fahrbahn an, während er an Backens und den anderen vorbeihastet. „Oh, da hat man sich gerade Kunden abgenommen“, sagt Backens. Ein Polizeiwagen fährt durch die Straße – und „Grauer Kapuzenpulli“ ist urplötzlich verschwunden, nur um drei Minuten später wieder dort zu stehen.

„Die meisten von denen kenne ich über mehrere Jahre“, sagt der Blumenhändler. „Und ich habe bei jedem Einzelnen mehrere hundert Drogenverkäufe beobachtet.“ Es gebe Späher, Kassierer und Verkäufer. Die hätten ihre Bunker, Drogenverstecke – oft in Regenrinnen. Aber auch Fahrradrahmen. Abends wüssten sie genau, welche Autos über Nacht geparkt blieben, und legten ihre Päckchen auf deren Reifen ab. Heroin verkauften oft Deutsche, die selbst süchtig seien; Marihuana und Kokain hingegen seien in schwarzafrikanischer Hand.

In diesem Moment hält ein Wagen des Ordnungsamtes vor dem Blumenladen und die Mitarbeiter rufen einen Mann in Lederjacke zu sich. „Nur eine Kontrolle“, beteuert der OSD-Mann. Nach der Durchsuchung kann der Mann weitergehen.

In den kommenden zwei Stunden kommen sie in beliebiger Kombination vorüber. „Wolljacke“ mit „Grau-weißes Karohemd“, „Gelbes Poloshirt“ mit dem, der sich zuvor mit „Wolljacke“ angeschrien hatte, dann „Lederjacke“ mit „Wolljacke“. Als die Männer vor dem Geschäft von Victoria Borovkov stehen bleiben und sie ihnen bedeutet, sich zu trollen, beschimpft das Duo sie. Sie zuckt mit den Schultern: „Das war noch harmlos. Sie sind der Meinung, hier Könige der Straße zu sein.“

„Durch die verstärkten Polizeieinsätze in den letzten Wochen ist es tagsüber besser geworden.“

Victoria Borovkov, Anwohnerin

Allerdings sei es zurzeit ruhig. Mitte Mai etwa kontrollierten dutzende Polizisten bei einer Schwerpunktaktion 193 Menschen, es hagelte mehrere Anzeigen gegen Konsumenten und Dealer, viele Drogenpäckchen wurden sichergestellt. Bemühungen, für die sich Anwohner Rocco Gallittu jetzt in einem offenen Brief an Politik und Polizei ausdrücklich bedankte. Er und Gaby Kafaii haben aber auch Unterschriften gesammelt von vielen Menschen in der Straße, die eine richtige Lösung für Ruhestörungen, Pöbeleien, Wildpinkeln und alle weiteren Begleiterscheinungen des Straßenhandels fordern. „Kinder und ältere Leute ängstigen sich bereits tagsüber, allein über die Straße zu gehen“, sagt Gallittu.

Auch bei der Polizei hat man eine Veränderung der Dealerszene registriert. Früher habe jeder Konsument seinen festen Dealer gehabt. Dadurch blieb das Geschäft im Schatten. Jetzt biete jeder Dealer alles an, es gebe einen harten Konkurrenzkampf. „Zum Teil sehr aggressiv“, sagt Polizeisprecherin Susanna Heusgen. Die Polizeiinspektion Mitte habe ein eigenes Präsenzkonzept unter dem Titel „Einsatz zur Verhinderung einer offenen Szene“ – kurz Evos. „Aber wir können nur permanent dazwischengehen“, erklärt Heusgen. „So lange es Konsumenten gibt, gibt es auch das Geschäft.“ Und in Düsseldorf soll es mehrere tausend Süchtige geben. Eine Nachfrage, die befriedigt werden will. „Wenn wir zwei Dealer von der Straße ziehen, kommen drei neue“, verdeutlicht die Polizeisprecherin.

Gaby Kafaii fordert ein gemeinsames Konzept auch von Justiz, Stadt, Politik. Wie das aussehen könnte, weiß sie allerdings selbst nicht: „Es ist nicht mein Job, Lösungen zu finden. Ich bin hier eine Steuern zahlende Anliegerin.“ Und sie sehe nicht ein, sich weiter ihr Geschäft durch dreiste Dealer vor ihrem Schaufenster kaputt machen zu lassen.

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