54 Anzeigen wegen Nötigung nur in der Silvesternacht – das ist neu. Neu ist aber auch, dass wir überhaupt von den Fällen erfahren.

Demonstrationen nach Übergriffen in Köln
Frauen und Männer protestieren nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln. Foto: Oliver Berg/dpa

Frauen und Männer protestieren nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln. Foto: Oliver Berg/dpa

Oliver Berg

Frauen und Männer protestieren nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln. Foto: Oliver Berg/dpa

Düsseldorf. Die Zahl der Anzeigen von Frauen wegen sexueller Nötigung in der Silvesternacht ist in Düsseldorf jetzt auf 54 angestiegen. Die Verzögerung bei der Erstattung dieser Anzeigen stellt die Polizei vor Probleme: Anders als in Köln gibt es hier noch keine Tatverdächtigen – in der Nachbarstadt wird bei mehr als 500 Anzeigen, 237 davon wegen Sexualstraftaten, inzwischen gegen 19 Männer ermittelt.

Im Düsseldorfer Präsidium wurde eine Ermittlungskommission gegründet, die jetzt beginnt, Opfer zu vernehmen, aber auch die Bilder der Altstadtkameras aus der Nacht auszuwerten, die 14 Tage lang gespeichert werden. „Die Ermittlungen werden aber noch andauern“, sagt Polizeisprecherin Susanna Heusgen.
 
Was in dieser einen Nacht in der Innenstadt passiert ist, ordnet Marianne Lessing-Blum von der Opferschutz-Organisation Weisser Ring in Düsseldorf als „eine besondere Häufung“ ein. Aber nicht als ein gänzlich neues Phänomen. Bisher hat die Öffentlichkeit bloß nie davon erfahren.
Auge der Öffentlichkeit ist wachsamer geworden
 
Das zeigen auch aktuelle Fälle nach Silvester. Allein am vergangenen Wochenende gab es Anzeigen, weil zwei Männer Frauen in der Altstadt antanzten und anfassten (deren männliche Begleiter gingen aber dazwischen, die Täter wurden in Gewahrsam genommen), einer Frau in einer Disko in den Intimbereich gefasst, einer weiteren auf den Hintern gehauen wurde. „Man merkt, dass sich das Anzeigeverhalten jetzt ändert“, erklärt Susanna Heusgen.
 
Aber auch das Auge der Öffentlichkeit ist wachsamer. So bestätigt die Polizei erst nach Medienberichten, dass eine 15-Jährige in der vergangenen Woche am Hauptbahnhof von einem Iraker und einem Syrer sexuell belästigt wurde – bis ein Marokkaner dazwischen gegangen sein soll. Auf Anfrage der WZ bestätigt man auch diesen Fall: Am Freitagnachmittag wurde eine junge Frau beim Joggen an der Emmastraße von einem 24-jährigen Polen angegriffen und auf die Motorhaube eines Autos geworfen – sie wehrte sich massiv, Passanten schritten ein; der Mann konnte festgenommen werden. Alles Teile eines neuen Problems?
 
Nein, sagt die Polizei – sie hätte eben nur keinen dieser Fälle von sich aus veröffentlicht. „Der Opferschutz spielt immer eine große Rolle für uns“, erklärt Polizeisprecherin Susanna Heusgen. „Bei Sexualdelikten steht das Opfer oft so unter dem Eindruck der Tat, dass es alles noch einmal erlebt, wenn es den Fall in der Zeitung liest.“ Selbst bei der Fahndung nach einem Täter sei es daher nicht ungewöhnlich, dass erst Wochen nach der Tat und nach behutsamen Vernehmungen ein Aufruf an die Bevölkerung gehe. „Und davor gibt es immer eine Rücksprache mit dem Opfer, damit es darauf vorbereitet ist“, sagt Heusgen. Auch weil die Frauen häufig Angst hätten, im persönlichen Umfeld dann als Opfer erkannt zu werden.
 
Dass es die Fälle aber immer schon gab, zeigt ein Blick in die Kriminalstatistik: Dort sind 84 Vergewaltigungen für 2014 registriert. Schon das würde bedeuten, dass jeden vierten Tag eine Frau in der Stadt vergewaltigt wird. Die Organisation „Terre des Femmes“ allerdings geht davon aus, dass nur fünf Prozent aller Sexualstraftaten angezeigt werden – was auf die Zahl ein ganz neues Licht wirft. Lediglich 30 Fälle von sexueller Nötigung wurden 2014 angezeigt; die Dunkelziffer bei diesem Delikt dürfte noch größer sein (siehe Interview). Heusgen: „Das Schamverhalten der Frauen ist sehr groß.“

Das Opfer Nicht nur Frauen wurden in der Silvesternacht in Düsseldorf belästigt, auch ein 27-jähriger Homosexueller wurde Opfer einer brutalen Attacke.

 
Der Fall Der junge Mann feierte an den Kasematten am Rheinufer. Gegen 0.30 Uhr umarmte er seinen Freund. Da sei ein Mann auf ihn zugekommen und habe ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Der Täter soll nur gebrochen Deutsch gesprochen haben und gab auch noch eine schwulenfeindliche Bemerkung von sich. Der 27-Jährige wurde an diesem Abend so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus musste. Er konnte bisher nicht vernommen werden.
 

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