Beim Bürgerdinner von WZ und Schauspielhaus diskutierten über 100 Teilnehmer.

Beim Bürgerdinner von WZ und Schauspielhaus diskutierten über 100 Teilnehmer.
Beim Bürgerdinner von WZ und Schauspielhaus mit Thiemo Hackel, Christof Seeger-Zurmühlen und Lena Steverding vom Oberhausener Gesundheitsamt.

Beim Bürgerdinner von WZ und Schauspielhaus mit Thiemo Hackel, Christof Seeger-Zurmühlen und Lena Steverding vom Oberhausener Gesundheitsamt.

Judith Michaelis

Beim Bürgerdinner von WZ und Schauspielhaus mit Thiemo Hackel, Christof Seeger-Zurmühlen und Lena Steverding vom Oberhausener Gesundheitsamt.

Sexualität und sexuelle Spielarten der Natur - hetero-, homo-, trans- oder intersexuell -, das sind in unserer Gesellschaft längst keine Tabuthemen mehr. Auch nicht für das Bürgerdinner, das Donnerstag erneut als Koproduktion zwischen Westdeutscher Zeitung und dem Schauspielhaus zum siebten Mal (zum zweiten Mal in dieser Theatersaison) zur Diskussion einlud. Über 100 Teilnehmer kamen in die Zentralbibliothek am Bertha-von-Suttner-Platz, um sich bei Speisen und Wein auszutauschen über Sexualität, Aufklärung und Gleichberechtigung der Geschlechter.

Die Geschlechterrollen verändern sich

Sujets, die längst unseren Alltag bestimmen. Das Interesse war besonders groß bei Männer und Frauen aus drei Generationen. Zumal am Tag, nachdem das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe urteilte, dass niemand mehr von der Geburt an auf ein Geschlecht festgelegt sein müsse. „Same same but different“ (ganz gleich und doch anders) nennen WZ und Bürgerbühne das Projekt, das sich mit der Veränderung der Geschlechterrollen beschäftigt.

Klar, dass es durch die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen nicht nur in bundesdeutschen Familien eine neue Dimension erhält. Wie schon bei den vorhergehenden Bürgerdinnern wird auch an diesem Abend die Debatte angeheizt durch drei Experten. Moderiert von Christof Seeger-Zurmühlen (Chef der Bürgerbühne) und dem Theaterpädagogen Thiemo Hackel (31), der, obwohl nur als kurzfristiger Einspringer eingesetzt, sein Moderationstalent frei entfalten kann. Er gibt sich locker vom Hocker, legt aber stets den Finger auf die Wunde. Die geladenen Fachleute: Lena Steverding vom Gesundheitsamt Oberhausen, die Transsexuelle Pouya Arastoo von der Aktion für Geflüchtete Menschen mit Migrationshintergund und die 16-jährige Janneke (von einem Düsseldorfer Gymnasium).

Noch vor der Vorspeise des Drei-Gänge-Menüs bringt Sozialarbeiterin Steverding die Gespräche an den zehn Tischen in Gang, durch ein Spiel mit Fragezetteln, die jeder, wie aus einer Tombola, herausfischen muss. Erstaunlich offen tauschen sich die Teilnehmer (die meisten kennen sich vorher nicht!) aus über offene und verdeckte Prostitution (Hobby-Prostitution) von Frauen und Männern, über Bordelle, die sich in Wellness-Tempeln verstecken.

Andere reden über Treue in der Partnerschaft, über Partner, die HIV infiziert sind, über Selbstbefriedigung beider Geschlechter. Frauen reden manchmal mit ihren Freundinnen darüber, im Gegensatz zu Männern. Verblüffend offen und natürlich berichtet dann Expertin Janneke (sie macht 2018 Abitur) über die nur theoretische Sexual-Aufklärung der Biologielehrer, von Pornos, die fast alle Jungen zwischen 15 und 18 gesehen haben und darüber sprechen.

Für Mädchen indes bleibe es meist ein Tabu. Und Nackt-Bilder via Smartphone gesendet? Das sei gar nicht so problematisch, da die meisten Bilder per Snapchat übertragen seien (nur für Sekunden zu sehen). Leicht ironisch wirkt es, wenn sie von Jungs erzählt, die Fotos downloaden, und Mädchen, die sie hochladen würden. Reaktion: Schmunzeln. Erwachsene würden das viel zu ernst nehmen und dramatisieren, meint sie. Ernüchternd ist Jannekes Bilanz zum Thema Sexualaufklärung: Wenn wir etwas nicht verstehen, googeln wir sofort. Eltern und Lehrer berichten nur selten etwas Neues.

Transsexualität widerspreche nicht den Lehren des Koran

Ihr Ratschlag an Lehrer: Infobroschüren müssen verteilt werden. An jeden, sagt sie. Nur so nimmt sie jeder Schüler mit nach Hause. Dort wird er/sie in seinem/ihrem Zimmer allein hineinschauen.

Zum Dessert dann der eindrucksvolle Auftritt der Transsexuellen Pouya - einer Iranerin (früher ein Mann), die seit geraumer Zeit in Deutschland lebt. Im streng islamischen Iran, erläutert sie, sei Homosexualität verboten. Deshalb lassen sich so viele Schwule zu einer Trans-Frau ‚umoperieren’. Denn Transsexualität widerspreche nicht den Lehren des Koran. Dennoch begegne man „Transfrauen“, die eigentlich alle als echte Frauen anerkannt sein möchten („Bio-Frauen“), weniger im Alltag, sondern eher in der Nachtszene. Informationen, die an allen Tischen erneut lebhafte Debatten auslösen.

Nächstes Bürgerdinner: 6. Dezember, 19 Uhr, im Zakk, Fichtenstraße 40, Thema: Paare und Beziehung. Eintritt frei; Tickets schnell bestellen unter der Telefonnummer 36 99 11.

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