Untergetauchter Heinz Nieder hatte sich als Fliesenleger in Mittelhessen durchgeschlagen.

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Heinz Nieder liegt in der Uni-Klinik Marburg. Er wird von der Polizei bewacht.

Heinz Nieder liegt in der Uni-Klinik Marburg. Er wird von der Polizei bewacht.

Heinz Nieder liegt in der Uni-Klinik Marburg. Er wird von der Polizei bewacht.

Düsseldorf/Marburg. Der sechsfache Mörder Heinz Nieder, der seinen Haftantritt geschwänzt hatte und untergetaucht war, ist in Mittelhessen verhaftet worden - allerdings nicht als Ergebnis der Fahndung, sondern eher zufällig. Der Düsseldorfer Staatsanwalt Johannes Mocken berichtete am Freitag über die kuriose Festnahme.

Ein Hotelier in Stadtallendorf (Landkreis Marburg-Biedenkopf) hatte am Donnerstagabend die Polizei alarmiert. Die Beamten trafen eine "hilflose Person" an, die sich als "Ralf Möller aus Köln" ausgab. Die Polizisten hatten keine Ahnung, dass sie einen per Haftbefehl Gesuchten in die Uni-Klinik der Kreisstadt Marburg einlieferten.

Nieder muss eine lebenslange Haftstrafe verbüßen, weil er die Hausexplosion an der Düsseldorfer Krahestraße in Auftrag gegeben hat, bei der im Juli 1997 sechs Menschen gestorben sind. Erst bei der Spätbesprechung auf der Wache erkannten die Beamten ihren Fahrgast auf den Fahndungsbildern und eilten zurück in die Klinik. Um 23.15 Uhr wurde Nieder verhaftet.

Nieder hatte offensichtlich Tabletten geschluckt, die er nicht vertrug

Der 49-jährige ehemalige Hausbesitzer bleibe zunächst im Marburger Krankenhaus, bis sein Gesundheitszustand sich verbessere, sagte Staatsanwalt Mocken. "Er hat Medikamente eingenommen, die er nicht vertragen hat, und machte in der Folge einen verwirrten, eingetrübten Eindruck. Zunächst bleibt er zur medizinischen Betreuung im Raum Marburg", sagte Mocken. Ob es sich um einen Suizid-Versuch handelt, konnte er nicht sagen. Allerdings soll Nieder am vergangenen Wochenende bei einem Besuch bei seiner Mutter in Thüringen gesagt haben: "Ich gehe nicht mehr ins Gefängnis. Eher tue ich mir etwas an."

Der Mordprozess Krahestraße hatte sich mehr als zwölf Jahre hingezogen. Nieder hat bereits achteinhalb Jahre in Untersuchungshaft gesessen. Während sein Komplize, der Dachdecker Udo Schmitz, bereits 2001 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war, kassierte das Oberlandesgericht (OLG) das Urteil gegen Nieder wieder ein. Auch das nächste Urteil des Düsseldorfer Landgerichts wies das OLG zurück und übergab es ans Duisburger Landgericht. Das dortige Schwurgericht fällte endlich ein Urteil - das dritte. Dieses wurde nach Überprüfung durch das OLG Anfang Februar 2009 rechtskräftig. Erst als das schriftliche Urteil vorlag, konnte die Staatsanwaltschaft Nieder zum Haftantritt laden.

1. Prozess: 2001 werden Heinz Nieder und Udo Schmitz vom Düsseldorfer Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. 1.Aufhebung: Die Strafe gegen Schmitz bleibt rechtskräftig, das Verfahren gegen Nieder wird nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BHG) wegen eines Formfehlers neu aufgerollt. Freiheit: Im Dezember 2005 setzt das Bundesverfassungsgericht Nieder nach achteinhalb Jahren U-Haft auf freien Fuß. 2.Prozess: 2006 verurteilt ihn das Düsseldorfer Landgericht wegen Herbeiführung einer Explosion zu 13,5 Jahren Haft. 2. Aufhebung: Im Juli 2007 hebt der BGH auch dieses Urteil auf. Urteil: Im März 2008 verurteilt ihn das Landgericht Duisburg wegen Mordes und Mordversuchs zu lebenslanger Haft. Nach der Verhandlung kommt Nieder auf freien Fuß. Ladung: Am 10. April 2009 lädt die Staatsanwaltschaft den verurteilten Nieder per Post zum Haftantritt. Spätestens am 21. April soll er in Hagen seine Haftstrafe antreten. Haftbefehl: Nachdem Nieder den Termin verstreichen lässt, wird er per Haftbefehl gesucht. An seiner angegebenen Adresse in Rommerskirchen trifft ihn die Polizei aber nicht an. Festnahme: Am 23. April wird Nieder eher durch Zufall gefasst.

Die Ladung wurde an eine Adresse in Rommerskirchen im Rhein-Kreis Neuss geschickt. Dort wohnt eine Bekannte von Nieder, die den Mann allerdings seit 2005 nicht mehr gesehen hat, aber seine Post an seine Mutter in Thüringen weiterleitete. Nieder tingelte für eine Weile als Staubsauger-Vertreter durch die Lande. Zuletzt soll er Mitglied einer Fliesenleger-Kolonne gewesen sein, die rund um Stadtallendorf arbeitete und deren Mitglieder in dem Hotel wohnten, in dem Nieder am Donnerstagabend verwirrt aufgetaucht war.

Im Mittelhessischen hatten die Ermittler auch die Spur des Flüchtigen verloren. Als er seine Haftstrafe in Hagen am Dienstag nicht angetreten hatte, wurde sein Mobiltelefon im Zuge der Fahndung lokalisiert - am Mittwoch um 11Uhr wurde es zuletzt in Stadtallendorf geortet.

Staatsanwalt Mocken wies eine Justizpanne in Zusammenhang mit Nieders Flucht energisch zurück. Weder sei etwas schief gegangen, noch habe es rechtliche Grundlagen gegeben, Nieder schon vorher zu inhaftieren oder auch nur seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. "Wir hatten keinen Anlass, Fluchtgefahr anzunehmen", sagte er.

Wegen des geschwänzten Haftantritts wird es aber keine neue Prozesslawine geben. Mocken: "Es ist keine Straftat, nicht zum Strafantritt zu erscheinen. Allerdings rückt der Zeitpunkt, an dem die Strafe verbüßt ist, immer weiter in die Zukunft."

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