Im Capitol erweckt Regisseur Sagor das Andersen-Märchen mit wunderbaren Theatermitteln zum Leben.

Im Capitol erweckt Regisseur Sagor das Andersen-Märchen mit wunderbaren Theatermitteln zum Leben.
Szene aus dem Stück „Die Schneekönigin“, das bis Januar im Capitol Theater läuft.

Szene aus dem Stück „Die Schneekönigin“, das bis Januar im Capitol Theater läuft.

David Baltzer

Szene aus dem Stück „Die Schneekönigin“, das bis Januar im Capitol Theater läuft.

Die Räuber ziehen sich ein paar Gummibänder übers Gesicht und blicken mit fieser Visage ins Publikum. Ein Grüppchen Tauben gurrt mit schweizerischem Zungenschlag und kann dabei nicht mal bis zwei zählen. Und fehlt Gerda, dem mutigen Mädchen, auf der Suche nach ihrem von der Schneekönigin verzauberten Freund Kay ein Boot, formen die Darsteller auf der Bühne flott die vier Buchstaben mit ihren Körpern. Das diesjährige Familienstück des Schauspielhauses, das seit Sonntag mit Vorstellungen bis Januar im Capitol Theater gastiert, erweckt Hans Christian Andersens berühmtes Märchen mit wunderbaren Theatermitteln zum Leben und nimmt so der anrührenden Abenteuergeschichte jeden Kitsch einer Disney-Eiskönigin.

Die Kulisse besteht aus riesigen, drehbaren Türmen (Bühne und Kostüm: Christl Wein-Engel). Sie eröffnen immer wieder neue Welten. Mal knistert es kalt, wenn die acht Schauspieler über die spiegelnde Folienfläche streichen und davon erzählen, wie die Splitter des Zauberspiegels Kay (Bernhard Schmidt-Hackenberg) in Auge und Herz trafen. Seitdem sieht er alles verkehrt, erkennt die Schönheit der Rosen ebenso wenig wie seine einzigartige Freundschaft mit Gerda (Maria Perlick). Er folgt der frostigen Schneekönigin (Anna Beetz) auf ihr Schloss. Ist gefangen in ihrer Kälte und vergisst das Zuhause, wo die Großmutter (Kerstin König) den beiden Kindern am sekundenschnell ausgeklappten Pop-Up-Ofen in rheinländischer Gemütlichkeit Geschichten erzählte. Doch Gerda glaubt fest an das Gute und macht sich auf den Weg gen Norden, um den Bann der Schneekönigin zu lösen.

Fast alles ist selbst gemacht in dieser Schneekönigin

Regisseur Kristo Sagor vertraut in seiner Inszenierung voll auf die schauspielerischen Stärken seines Ensembles und widersteht jeder Verführung, auf der Bühne eine Märchenwelt-Illusion zu erschaffen. Das kommt an bei den kleinen und großen Zuschauern – gedacht ist das Stück für Kinder ab sechs Jahren. Jonathan Schimmer zieht sich eine Lederhandtasche mit Riemen über den Kopf und schon steht er als Rentier parat, um Gerda in kalte Gefilde zu tragen. Ein schwarzer Umhang reicht, um vogelartig mit dem Kopf wackelnd als Krähe dem Mädchen den Weg zur Prinzessin zu weisen, die samt Hofstaat und Mops in zweidimensionalen Kostümen aus Pappe erscheint. Sehen kann man nur die Gesichter der Darsteller. Das ist ziemlich originell und lustig und gerade so albern, dass es Platz lässt für die rührende Geschichte einer wahren Freundschaft, zu der das Ensemble – immer wenn es ernst wird – eine zarte Melodie singt.

Fast alles ist im Moment selbst gemacht in dieser Schneekönigin. Und das sorgt für einen enormen Reiz beim Zuschauen. Wie schnell kann sich die schnodderige Räuberstochter (Maelle Giovanetti) in die seltsame Finnin verwandeln, die mit Sonnenbrille und Weihnachtsmannbart sich seltsam tanzend um Gerda herumbewegt. Einäugige Wurmwesen, nacktbeinige Bäume und goldene Insekten – sie tauchen auf und verschwinden wieder. Begegnen sie Gerda nur im Traum? Das ist ebenso märchenhaft wie die Lösung für den bösen Bann, den die Acht zum Schluss eben nurgemeinsam auf die Beine stellen können.

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