Zwei erfahrene Fahrer streiten sich über Vorzüge und Nachteile der alten gelben und der neuen Niederflurbahnen.

Zwei Fahrer und zwei Generationen Straßenbahn: Josef Grunert (li.) und Michael Schmitz vor ihren Lieblingen im Betriebshof Lierenfeld.
Zwei Fahrer und zwei Generationen Straßenbahn: Josef Grunert (li.) und Michael Schmitz vor ihren Lieblingen im Betriebshof Lierenfeld.

Zwei Fahrer und zwei Generationen Straßenbahn: Josef Grunert (li.) und Michael Schmitz vor ihren Lieblingen im Betriebshof Lierenfeld.

Stefan Arend

Zwei Fahrer und zwei Generationen Straßenbahn: Josef Grunert (li.) und Michael Schmitz vor ihren Lieblingen im Betriebshof Lierenfeld.

Düsseldorf. Der Vormarsch der modernen Niederflurbahnen ist unaufhaltsam, die gelben (GT 8) und roten Bahnen (GT8S) aus den 60er und 70er Jahren sind Auslaufmodelle. Spätestens 2013 werden die Oldtimer ausrangiert. Fahren sich die neuen wirklich besser? Wir sprachen mit zwei Rheinbahn-Fahrern - Josef Grunert, einem Freund der alten Bahnen, und Michael Schmitz, einem Fan der neuesten Technik.

Herr Grunert, sind Sie neidisch auf den Kollegen Schmitz in seiner High-Tech-Bahn?

Grunert: Nein, wieso? Ich fahre ja beides, die alten Bahnen und die neuen. Aber richtiges Straßenbahnfahren, das geht nur im Klassiker mit der Kurbel. Da kann man wirklich sein Können und seine Erfahrung zeigen. Schmitz: Dafür hab’ ich eine Klimaanlage vorne drin und schwitz mich im Sommer nicht kaputt.

Was ist sonst so toll an Niederflur und Silberpfeil?

Schmitz: Der Fahrkomfort ist unvergleichlich. Der Fahrersitz ist viel bequemer und ich habe in meiner Kabine einfach mehr Platz, ich kann abschließen und an der Endstation auch mal meine Tasche drin stehen lassen, ohne Angst zu haben, dass jemand mein Butterbrot klaut.

Nur die roten U-Bahnen, Typ B80, fahren sich noch schöner, die sind luftgefedert, da gibt’s fast gar keine Erschütterungen. U-Bahnfahren darf der Kollege Grunert ja leider nicht.

Grunert: Na und? Was verpasse ich denn im dunklen Tunnel? Außerdem übernimmt dort der Computer das Steuer. Und in der Fahrschule bin ich die B80 schon gefahren.

Ist U-Bahnfahren nicht langweilig, Herr Schmitz?

Josef Grunert: Geboren in Düsseldorf, 53 Jahre, verheiratet, ein Sohn. Bei der Rheinbahn seit 1986, er fährt alle Züge außer U-Bahn. Michael Schmitz: Geboren in Düsseldorf, 44 Jahre, verheiratet, drei Kinder. Er begann 1992 als Straßenbahnfahrer und hat die "Lizenz" für alle Bahnen.

Schmitz: Auf keinen Fall. Man muss immer hochkonzentriert sein, genau wie in den Niederflurbahnen, trotz der leichteren Bedienung und der Technik. Allein der Wechsel vom Licht ins Dunkle ist manchmal hart: Wenn ich bei strahlender Sonne von Oberkassel kommend in die Heine-Allee einfahre, bin ich am Anfang fast blind.

Und was ist denn so besonders an den alten Bahnen, Herr Grunert?

Grunert: Die sind ein Stück Düsseldorfer Tradition. Und das geht bald leider verloren. Dann sind diese Bahnen extrem zuverlässig, weil sie so wenig Technik haben, kann auch wenig kaputt gehen. Als Fahrer brauchen Sie viel mehr Erfahrung und Gefühl. Beispiel Bremsen: bei den neuen Zügen können Sie immer eine Vollbremsung hinlegen, die Elektronik steuert das schon richtig aus.

Wenn Sie bei ’ner alten die Bremse voll durchziehen, kommen Sie garantiert ins Rutschen. Oder Beschleunigen. Das muss exakt dosiert werden, sonst werden die Fahrgäste durchgerüttelt.

Schmitz: Da ist was dran. Richtig Bahnfahren lernt man in den alten Zügen. Ich bin schon als Kind bei meinem Vater, der auch Straßenbahnfahrer bei der Rheinbahn war, mitgefahren. Ein früherer Betriebsleiter hat mal gesagt: Das Fahren muss man im Hintern haben. Man muss die verschiedenen Weichen richtig anfahren, oder wenn man im Herbst mit dem Laub auf dem Gleis zu schnell anzieht, wird’s knifflig. Zum Beispiel hoch auf die Ludenberger Straße: Die Profis legen da vor der Einfahrt in die Haltestelle eine Sandspur, dann kommen sie gut wieder weg.

Grunert: Noch mal zu den alten Bahnen. Die bieten den Fahrgästen mehr Platz als die engen neuen und die Leute sitzen auch nicht gegen die Fahrtrichtung. Ein großer Nachteil ist natürlich das Einsteigen über die hohen Stufen. Aber dafür hab ich noch Kontakt zu den Fahrgästen, in den neuen Kabinen kriegt man nicht mehr viel mit.

Schmitz: Was nicht immer ein Nachteil ist. Da klopfen nämlich nur Leute an, die wirklich eine Information brauchen.

Die alten Schätzchen sind deutlich langsamer und behäbiger.

Grunert: Das spielt keine Rolle. Schnell fahren ist bei uns eh nicht angesagt, die Sicherheit hat immer Vorrang. Schmitz: Durch das leichte Einsteigen und die flotteren Türen ist der Fahrgastumlauf an der Haltestelle viel schneller. Rasen geht eh nicht.

Ach, nein? Es gibt Raserstrecken, etwa die 706 zwischen Sternstraße und Jan-Wellem-Platz.

Grunert: Nee, das kommt Ihnen nur so vor, weil es vorher über Stockkampstraße und Marienhospital langsam vorangeht. Nein, wir halten uns ans Tempolimit, mehr als 60, 65 km/h sind doch ohnehin nicht drin.

Schmitz: Sagen wir so: Wenn Sie jemand fragt, ob Sie in der Stadt schneller als 50 fahren, sagen Sie auch nein, oder? Aber wenn, etwa bei der U79 nach Duisburg hinterm Freiligrathplatz 70 erlaubt sind, dann fahre ich die 70.

Wie gehen Sie mit Unfällen um?

Schmitz: Einen schlimmen hatte ich zum Glück noch nie. Kurz nachdem ich angefangen hatte, habe ich am Marienhospital eine kleine Entgleisung hingelegt, dann ’mal einem Laster den Spiegel abgefahren. An die Nieren gehen mir heute die Beinahe-Unfälle. Man kann keinen Dampf ablassen, sondern muss direkt weiterfahren.

Grunert: Man muss defensiv fahren, darf nicht auf seinem Recht beharren, sonst würde es viel öfter krachen. Aber manchmal hilft alles nichts. Ich hab’ mal ein Auto von der Maximilian-Weyhe-Allee gefegt, dass plötzlich links in Richtung Altstadt abbiegen wollte. Der junge Fahrer hatte gerade sein erstes Auto bekommen, zum Glück war er nicht so schwer verletzt.

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