Die Polizei-Aktion im Düsseldorfer Bahnhofsviertel ist nicht der erste Schlag gegen die Szene. Nordafrikanische Männer stehen seit Anfang 2014 im Fokus der Polizei.

Die Polizei-Aktion im Düsseldorfer Bahnhofsviertel ist nicht der erste Schlag gegen die Szene. Nordafrikanische Männer stehen seit Anfang 2014 im Fokus der Polizei.
Großeinsatz in Düsseldorf: Die Polizei führt in dem von Nordafrikanern geprägten Bahnhofsviertel eine Razzia durch.

Großeinsatz in Düsseldorf: Die Polizei führt in dem von Nordafrikanern geprägten Bahnhofsviertel eine Razzia durch.

In einem Zelt kontrolliert die Polizei bei der Razzia in Düsseldorf die Personalien der Männer.

dpa, Bild 1 von 2

Großeinsatz in Düsseldorf: Die Polizei führt in dem von Nordafrikanern geprägten Bahnhofsviertel eine Razzia durch.

Düsseldorf. „Wenn man da nicht ganz gezielt die Wahrheit anspricht, könnte die Stimmung schnell auch umkippen.“ Das Zitat stammt von dem nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten Werner Lohn. In einer Sitzung des Innenausschusses sprach er im Oktober 2014 – so lange ist das her – über Probleme mit Flüchtlingen. Nicht mit irgendwelchen, sondern mit Nordafrikanern.

Es war eine Sitzung wie viele im Landtag: öffentlich und unbeachtet. Das Protokoll ist noch nachzulesen, am Wochenende riefen verschiedene Medien die Sitzung in Erinnerung. Im Nachhinein bekommt sie große Aktualität, wirken die Redner wie Propheten. Der CDU-Abgeordnete Lohn, ein Kriminalhauptkommissar a.D., schilderte seinen Kollegen, ihm sei in einem Flüchtlingsheim berichtet worden, dass es unter den Flüchtlingen eine „Problemgruppe“ gebe: Alleinreisende Nordafrikaner. Das werde „bisher kaum öffentlich diskutiert“.

2244 Verdächtige im Projekt „Casablanca“ ermittelt

Dass dieses „Problem“ ignoriert würde, lässt sich aber nicht behaupten. Im Düsseldorfer Polizeipräsidium werden nordafrikanische Männer als Tätergruppe bereits seit Anfang 2014 mit dem Auswerte- und Analyseprojekt „Casablanca“ in den Fokus gerückt. Wie unsere Zeitung berichtete, wurden seither 2244 Verdächtige registriert, die sich in wechselnden Kleingruppen zu Straftaten verabreden.

Darunter Männer, die in zweiter Generation in Deutschland leben, ebenso wie gerade erst eingereiste Asylbewerber, Leute mit Wohnsitz in Düsseldorf, aber auch auswärtige Straftäter aus ganz NRW. Weit mehr als 4000 Taschen- und Gepäckdiebstähle und Raubüberfälle haben die Ermittler gebündelt. Ob es Verurteilungen oder Abschiebungen gab, dazu will man sich im Präsidium nicht äußern.

„Wir messen den Erfolg solcher Aktionen nicht an Zahlen.“

Marcel Fiebig, Polizeisprecher

Inzwischen ist aus dem Projekt „Casablanca“ eine Ermittlungskommission geworden. Die Großrazzia vom Wochenende ist nicht ihr erster Schlag gegen die Szene, die sich in Düsseldorf vor allem im Viertel „Klein-Marokko“ rund um die Ellerstraße am Hauptbahnhof treffen soll: Bereits im Januar 2015 umstellten 200 Polizisten 15 Gaststätten in dem Quartier und überprüften 213 Menschen. Seinerzeit gab es 15 Festnahmen.

„Wir messen den Erfolg solcher Aktionen aber nicht an Zahlen“, erklärt Polizeisprecher Marcel Fiebig auf Nachfrage unserer Zeitung. „Es gilt vielmehr festzustellen: Wer sitzt wann mit wem in welcher Bar.“ Diese Erkenntnisse fließen dann in die Planung weiterer Einsätze ein. So habe es auch zwischen den beiden Razzien immer wieder Einzel- und Gruppenkontrollen gegeben.

Bei der Razzia im Düsseldorfer Bahnhofsviertel am Samstag hatte die Polizei fast 300 Nordafrikaner überprüft und 40 festgenommen. Bei 38 von ihnen bestehe der Verdacht des illegalen Aufenthalts, einer sei bereits zur Abschiebung ausgeschrieben, teilte die Polizei am Sonntag mit. Ein weiterer wurde wegen des Verdachts der Hehlerei festgenommen. Die Razzia sei schon im vergangenen Jahr geplant worden, betonte die Polizei. Sie habe nichts mit den Vorkommnissen in der Kölner Silvesternacht zu tun. „Gleichwohl rechnen wir mit Erkenntnissen, die die Ermittlungen vorantreiben könnten“, erklärte der Einsatzleiter mit Blick auf die Arbeit der Kölner Kollegen.

Seit Nordafrikaner als Hauptverantwortliche für die Silvester-Exzesse gegen Frauen in Köln ausgemacht wurden, ist die Stimmung gekippt. Auch die Zurückhaltung bei der Nennung von Nationalitäten oder Gruppenzugehörigkeiten im Zusammenhang mit Straftaten bröckelt. In NRW wird das Innenministerium nicht müde zu betonen, dass es keinerlei Anweisungen an die Polizei gebe, die Nationalität von Verdächtigen zu verschweigen. Das ist richtig – aber es gibt einen Erlass, wonach es zumindest einen sachlichen Grund für eine Nennung geben sollte.

BKA: Kriminalität steigt nicht so steil wie die Zahl der Flüchtlinge

BKA-Chef Holger Münch weist in der „Bild am Sonntag“ darauf hin, dass die Nationalitäten von Verdächtigen für jedermann in der Polizeilichen Kriminalstatistik nachzulesen seien. Migranten vom Balkan oder aus Nordafrika, vor allem Marokkaner, Tunesier und Algerier, würden besonders durch Straftaten auffallen. „Viel weniger dagegen die Zuwanderer aus Syrien und dem Irak.“ Insgesamt steige die Kriminalität jedoch nicht so steil an wie die Zahl der Flüchtlinge.

Wer sich die Mühe macht, kann sich tatsächlich relativ schnell zu einer solchen sehr detaillierten Tabelle im Internet durchklicken. Aber das sind die aufsummierten Zahlen. Im Einzelfall – „in unserer Stadt“ – werden Nationalitäten von der Polizei in der Regel nicht genannt.

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