Die Düsseldorfer Polizei geht davon aus, dass das Projekt Casablanca fortgeführt wird. Einen „Drahtzieher“ gebe es nicht.

Die Polizei geht davon aus, dass das Projekt Casablanca fortgeführt wird. Einen „Drahtzieher“ gebe es nicht.
Im Oberbilker Viertel „Klein-Marokko“ gab es vor kurzem eine Razzia, hier die Ecke Ellerstraße/Linienstraße.

Im Oberbilker Viertel „Klein-Marokko“ gab es vor kurzem eine Razzia, hier die Ecke Ellerstraße/Linienstraße.

Judith Michaelis

Im Oberbilker Viertel „Klein-Marokko“ gab es vor kurzem eine Razzia, hier die Ecke Ellerstraße/Linienstraße.

Düsseldorf. Gerade einmal drei Wochen ist es her, dass die Öffentlichkeit vom „Projekt Casablanca“ erfahren hat – jener Analyse der Düsseldorfer Polizei, die über anderthalb Jahre 2244 Straftäter mit nordafrikanischen Wurzeln gesammelt hat. Weit mehr als 4000 Straftaten sollen sie begangen haben.

Seither gab es eine Großrazzia im Oberbilker Viertel Klein-Marokko, debattiert Gesamtdeutschland über härtere Zuwanderungsgesetze und schnelle Abschiebungen von Delinquenten. Die Verunsicherung ist groß. Dabei weiß man über den Kreis der Verdächtigen noch so gut wie nichts.

Projekt Casablanca

Bei vielen Menschen entstand der Eindruck, dass sich eine gigantische Bande in einem quasi rechtsfreien Raum gegründet hat. Doch dem widerspricht Polizeisprecher Markus Niesczery: „Das ist keine Bande. Es gibt keine hierarchischen Strukturen. Und es ist auch nicht so, dass sich alle Verdächtigen kennen.“

Die Personen, die in der Casablanca-Akte geführt werden, sind eher eine Aufzählung aller Verdächtigen, die ihre Herkunft gemeinsam haben – weil der Polizei seinerzeit aufgefallen war, dass bei bestimmten Delikten wie Gepäck- und Taschendiebstahl in hohem Maße nordafrikanische Männer auftauchten. Aber: Innerhalb des großen Verdächtigenkreises gibt es Beziehungsgeflechte zwischen Einzeltätern und kleinen Gruppierungen.

„Diese Beziehungsgeflechte sind für uns wichtig“, erklärt Niesczery. „Wir versuchen herauszufinden, wer mit wem interagiert.“ Und dabei sind die Ermittler auch auf solche Verdächtigen gestoßen, die sich aus der großen Masse hervortun: „Es gibt Täter, die öfter in Erscheinung treten, und solche, die enger mit anderen in Beziehung stehen.“ Sie sorgen offenbar hier und dort für Strukturen. Aber: „Drahtzieher wäre der falsche Begriff“, sagt der Polizeisprecher. „Es gibt lediglich einige, die mit sehr vielen Kontakt haben.“

Um wie viele Männer es sich handelt, sagt die Polizei nicht. Nur so viel: Es sind wohl ebenso Migranten, die schon lange Zeit in Deutschland leben, wie frische Asylbewerber – und zum Teil auch Personen mit einer bislang sauberen Akte. Voll integrierte Menschen mit Job und allem drum und dran allerdings – „das ist die Ausnahme“.

Wie die Abstimmung zwischen den einzelnen Akteuren, die Verabredung zu Straftaten läuft, ob dazu auch soziale Netzwerke genutzt werden – „diese Frage möchte ich nicht beantworten“, sagt Niesczery. Aber die Razzia rund um die Ellerstraße am vorvergangenen Wochenende hat gezeigt: Die Ermittler gehen davon aus, dass sich die Täter etwa in diesem Viertel begegnen, verabreden, von dort auch losziehen zu Diebstählen in der Altstadt. Ebenso in Unterkünften. Aber: „Anwerben kann man das nicht nennen“, sagt Markus Niesczery.

Polizei glaubt nicht an großen Rückgang der Straftaten

Ende 2015 wurde „ein vorläufiger Schlussstrich“ unter das Projekt „Casablanca“ gezogen. Jetzt wird im Präsidium das weitere Vorgehen geplant. „Wir gehen davon aus, dass das Projekt fortgeführt wird“, sagt Niesczery – auch weil der Kreis der Verdächtigen durch die Aufklärung wie bei der Razzia naturgemäß stetig weiter wachse. In welcher Form ist aber offen.

Den Ermittlern hilft es nicht, dass die Existenz der Analyse an die Medien lanciert wurde. Inzwischen, so glaubt der Polizeisprecher, hätten die Verdächtigen sicher mitbekommen, „dass sie im Fokus stehen“. Dass das allerdings zu einem starken Rückgang der entsprechenden Straftaten führen wird, glaubt man im Präsidium nicht.

© WhatsBroadcast

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