Bei der „Poesiepause“ platzen Künstler in den Klassenraum und tragen eigene Texte vor.

Poesiepause statt Unterricht: Ruth Mensa, Aylin Celik und Christine Brinkmann (v.l.) in der Werner-von-Siemens-Realschule.
Poesiepause statt Unterricht: Ruth Mensa, Aylin Celik und Christine Brinkmann (v.l.) in der Werner-von-Siemens-Realschule.

Poesiepause statt Unterricht: Ruth Mensa, Aylin Celik und Christine Brinkmann (v.l.) in der Werner-von-Siemens-Realschule.

Sergej Lepke

Poesiepause statt Unterricht: Ruth Mensa, Aylin Celik und Christine Brinkmann (v.l.) in der Werner-von-Siemens-Realschule.

Düsseldorf. Der Pausengong hat gerade die nächste Stunde an der Werner-von-Siemens-Realschule eingeläutet. Die Schüler der 9b trudeln im Klassenzimmer ein, unterhalten sich angeregt. Doch als sich nicht der Deutschlehrer, sondern Ruth Mensa (24) vor die Tafel stellt, ist es schlagartig still. Poesiepause ist angesagt.

Die Studentin erklärt kurz, wer sie ist und was sie vorhat. Dann trägt sie zwei ihrer Gedichte vor, die die Titel „Fiebertraum“ und „Du“ tragen. Für ihren Vortrag gibt es viel Beifall von den Schülern. Die Fünf-Minuten-Abwechslung vom normalen Unterricht kommt gut an. Auch bei Deutschlehrer Thomas Bauerle: „Denn die Schüler werden ermutigt, selbst kreativ zu werden und bekommen Lust, eigene Texte vorzutragen.“

Vor vier Wochen stand ein Poetry-Slammer ebenfalls im Klassenraum der 9b. „Sein Vortrag inspirierte einen Schüler dazu, mit einem eigenen Gedicht zu antworten“, freut sich der Deutschlehrer. Dummerweise ist der heute stimmlich angeschlagen. Mitschülerin Johanna springt ein und trägt sein Gedicht vor. Alle anderen haben derweil die Möglichkeit, in einem kleinen Poesiealbum eigene Gedanken zu Papier zu bringen. Jeder hat so ein Album bekommen.

Ruth zieht derweil weiter in den nächsten Klassenraum. Sie schaut zufrieden. „Die waren sehr ruhig und haben aufmerksam zugehört.“ Zwei weitere neunte Klassen warten noch. „Die Lehrer wissen immer, wann genau wir hereinschneien. Für die Schüler ist es eine Überraschung.“

„Wir wollen poetische Texte aller Art mal auf andere Weise vermitteln.“
Christine Brinkmann, Zakk

Kostet das keine Überwindung, sich vor wildfremde Jugendliche zu stellen? Um eigene Texte vorzutragen? „Überhaupt nicht. Man freut sich eher über die positiven Reaktionen.“ Von denen Ruth unmittelbar danach aber oft gar nichts mitbekommt. „Meistens verlasse ich nach dem Vortrag den Klassenraum sofort wieder. Die Texte sollen für sich stehen, das gehört zum Konzept der Poesiepause.“

Ende 2016 wurde das Projekt „Poesiepause“ mit dem Preis Kinder- und Jugendkulturland NRW der Landesregierung ausgezeichnet. In der Begründung heißt es, dass das Projekt sowohl ästhetisch als auch künstlerisch neue Wege geht und Methoden und Ansätze der Kulturvermittlung mit denen der kulturellen Jugendarbeit verbinde. kontakt Weitere Informationen

Weitere Informationen zu den Mitwirkenden, Ansprechpartnern, dem Konzept und der Entstehung gibt es online: poesiepause.de

An drei Düsseldorfer Schulen gibt es mittlerweile das vor einem Jahr gestartete Projekt. Für die „künstlerische Intervention“ haben sich Zakk und Schauspielhaus zusammengetan. „Wir wollen poetische Texte aller Art mal auf andere Weise vermitteln“, erklärt Christine Brinkmann vom Zakk. Das kommt fast immer gut an. „Einmal waren wir in einer elften Klasse, kurz bevor die Schüler eine Vier-Stunden-Klausur schreiben mussten. Da war die Stimmung ziemlich angespannt. Für Literatur hatte da kaum jemand den Kopf frei.“

Sprachkünstler aller Art tragen im Rahmen der „Poesiepause“ eigene Texte vor: Dichter, Poetryslammer, Autoren, Kabarettisten, Schauspieler, Rapper, Singer/Songwriter. Die Schüler haben die Möglichkeit, in Workshops eigene Texte zu produzieren und an der Präsentation zu feilen. Die Teilnahme ist freiwillig. „Etwa die Hälfte der Schüler aus einer Klasse bleiben dabei und besuchen die Workshops“, sagt Christine Brinkmann.

Ruth ist derweil am Klassenzimmer der 9c angekommen, um den Matheunterricht zu „stören“. Doch anstatt über Formeln und Gleichungen wird hier gerade über einen Streit zwischen zwei Schülerinnen diskutiert. „Da habe ich ja ein tolles Timing“, sagt Ruth ironisch. Doch als sich ihre Stimme hebt, hören wieder alle aufmerksam zu.

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