Bei Shuyao Teekultur sind 13 von 24 Mitarbeitern schwerbehindert.

Katrin Kupke (50) arbeitet seit 2013 in der Produktion. Sie ist gehörlos geboren.
Katrin Kupke (50) arbeitet seit 2013 in der Produktion. Sie ist gehörlos geboren.

Katrin Kupke (50) arbeitet seit 2013 in der Produktion. Sie ist gehörlos geboren.

Roland Schüßler (Agentur für Arbeit) zeichnete den Betrieb von Nicola Baumgartner gestern mit einem Zertifikat aus. Foto: Arbeitsagentur

Shuyao Teekultur, Bild 1 von 2

Katrin Kupke (50) arbeitet seit 2013 in der Produktion. Sie ist gehörlos geboren.

Düsseldorf. Es war das außergewöhnlichste Bewerbungsschreiben, das Unternehmerin Nicola Baumgartner jemals auf dem Tisch hatte: „Wenn Sie mich einstellen, haben Sie jemanden, der während der Arbeit nicht so viel schwätzt.“ Die Bewerbung stammte von einer taubstummen Frau. Baumgartner wagte einen Versuch und lud die Bewerberin zum Gespräch ein. Das war 2011. Heute arbeiten 13 schwerbehinderte Mitarbeiter beim Teeproduzenten Shuyao, das sind mehr als 50 Prozent der Belegschaft. Für Baumgartner ist es zur Selbstverständlichkeit geworden. „Es muss einfach passen. Und das tut es bei uns.“

„Von jedem Mitarbeiter wird verlangt, dass er sich weiterentwickelt.“
Nicola Baumgartner, Gründerin von Shuyao

2006 machte sich Nicola Baumgartner nach einem Jahr Auszeit im Hinterland Chinas mit einer Tee-Lounge an der Kö selbstständig. Mittlerweile sitzt das Unternehmen an der Hildebrandtstraße in Friedrichstadt. Dort werden die verschiedenen Teekompositionen von Mitarbeitern nach genauen Vorgaben zusammengestellt und verschickt.

„Dass heute 50 Prozent der Belegschaft schwerbehindert sind, stand nicht in meinem Businessplan“, sagt Baumgartner. Mit der ersten taubstummen Mitarbeiterin sei ihr aber klar gewesen, dass weitere Kollegen folgen werden. „Man kommt hier morgens nicht rein und ist der Quotenbehinderte. Es gibt ein Team, selbst die Teamleitung ist hörgeschädigt. Alle begegnen sich auf Augenhöhe.“

Gelebte Inklusion sei aber kein Selbstläufer und müsse vom gesamten Team getragen werden. „Am Anfang benötigt es mehr Geduld und Beharrlichkeit, um die Stärken eines Kollegen mit Behinderung realistisch einschätzen zu können“, sagt sie. Die maximale Einarbeitungszeit beträgt zwei Jahre. „Dann muss klar sein, dass es funktioniert.“

Denn Nicola Baumgartner ist Unternehmerin, und Shuyao soll weiter wachsen. „Das ist hier keine Beschäftigungstherapie. Von jedem Mitarbeiter wird verlangt, dass er sich weiterentwickelt. Inwieweit, das wird mit jedem individuell besprochen.“

Die Anzahl der Menschen mit Schwerbehinderung ist in Düsseldorf in den vergangenen zehn Jahren um 17 Prozent gestiegen. Jeder 12. Düsseldorfer ist schwerbehindert. Die wenigesten Schwerbehinderungen sind angeboren oder Folge eines Unfalls. Die meisten Behinderungen entwickeln sich im Alter.

Zum ersten Mal hat die Arbeitsagentur das Zertifikat für herausragendes Engagement an ein Unternehmen übergeben. Roland Schüßler, Vorsitzender der Geschäftsführung, lobte das Engagement von Nicola Baumgartner: „Dass eine Quote von 50 Prozent erreicht wird, ist ein Einzelfall.“ Nur 5,3 Prozent der Unternehmen erfüllen die Pflichtquote von 6 Prozent. Das entspricht dem NRW-Durchschnitt.

Menschen mit Schwerbehinderung arbeiten in allen Branchen. Neben dem öffentlichen Dienst (bei öffentlichen Arbeitgebern sind rund doppelt so viele Menschen mit Handicap beschäftigt wie bei den privaten) liegt ein Schwerpunkt im Dienstleistungssektor wie Finanzen und Versicherungen.

Die Arbeitsagentur bietet Unternehmen finanzielle Zuschüsse, um die Integration von schwerbehinderten Menschen zu ermöglichen. Das Jahresbudget beträgt 9 Millionen Euro. Bei Shuyao starten die Mitarbeiter in der Produktion mit dem Mindestlohn. Nach der Einarbeitung wird der Lohn individuell erhöht. „Der finanzielle Zuschuss ermöglicht es uns, in der längeren Einarbeitungszeit nur 60 Prozent Leistung zu fordern“, so Shuyao-Gründerin Nicola Baumgartner.

Arbeitslosigkeit In den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung um 40 Prozent gestiegen.

Aber nicht immer funktioniert es. „Meist junge Menschen kommen aus einer Überbetreuung“, sagt Baumgartner. Sie sind stark ans Elternhaus gebunden und schaffen es nicht, sich abzunabeln. Eine Mitarbeiterin hatte sich in der Einarbeitungszeit stündlich bei ihrer Mutter gemeldet. „Hier haben behinderte Menschen die Möglichkeit, wie alle anderen Mitarbeiter behandelt zu werden. Und dann gelten auch die gleichen Regeln.“

Katrin Kupke schätzt das. Sie ist gehörlos, seit 2013 im Unternehmen, hat die Teamleitung übernommen und mittlerweile einen unbefristeten Vertrag. Die 50-Jährige ist Ansprechpartnerin für alle Anliegen der Mitarbeiter. Zwei weitere Mitarbeiter sorgen für eine reibungslose Kommunikation. Denn: Nicht alle Mitarbeiter beherrschen oder verstehen die Gebärdensprache.

Baumgartner sucht weiter nach engagierten Mitarbeitern. Dabei sei es egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. „Es muss einfach passen.“

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