Elfriede Jelinek ist nicht nur Literaturnobelpreisträgerin, sondern auch Modefetischistin. In ihrem neuen Stück führt sie vor, wie die der Mode verfällt. Ist das jetzt das Alterswerk der sprachgewaltigen Autorin?

Jelinek beschreibt in ihrem neuen Werk die Zumutungen von Mode. Foto: Sebastian Hoppe/Düsseldorfer Schauspielhaus
Jelinek beschreibt in ihrem neuen Werk die Zumutungen von Mode. Foto: Sebastian Hoppe/Düsseldorfer Schauspielhaus

Jelinek beschreibt in ihrem neuen Werk die Zumutungen von Mode. Foto: Sebastian Hoppe/Düsseldorfer Schauspielhaus

dpa

Jelinek beschreibt in ihrem neuen Werk die Zumutungen von Mode. Foto: Sebastian Hoppe/Düsseldorfer Schauspielhaus

Düsseldorf. „Der Tod erkennt einen immer, auch wenn man sich gerade neu eingekleidet hat und denkt, er erkennt einen nicht mehr.“ Mit diesem Satz ist eigentlich alles gesagt. Aber Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wäre natürlich nicht Jelinek, wenn sie sich mit kurzen Antworten begnügen würde. So hat die scharfzüngige Österreicherin (70) in ihrem neuen Werk „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ einen 90 Seiten langen Endlos-Sprachteppich gewoben, der sich ganz um Mode dreht und die Sucht nach immer Neuem an der eigenen Vergänglichkeit spiegelt. Die Uraufführung, so verfügte es Jelinek, sollte in Düsseldorf stattfinden. Logisch, denn Düsseldorf gilt ja immer noch als die Hauptstadt des Bling-Bling.

Die Premiere am Samstagabend in der beengten Ersatzspielstätte Central - das Schauspielhaus ist wegen Sanierung geschlossen - war denn auch ein großer Erfolg. Das ist zunächst dem 35-jährigen Opern- und Schauspielregisseur Jan Philipp Gloger, der mehrfach Jelinek-Texte inszeniert hat, und seinem Team zu verdanken. Gloger schaffte es bravourös, eine dramatische Bresche durch den ermüdenden Fließtext zu schlagen, den Jelinek als Vorlage geliefert hatte. Er kürzte den Wortbrei auf zwei Stunden und verteilte den Text auf sieben Schauspielerinnen (Manuela Alphons, Tabea Bettin, Judith Bohle, Claudia Hübbecker, Karin Pfammatter, Lou Strenger, Tanja Vasiliadou).

Die Schauspielerinnen, mal einheitlich in Trenchcoats, mal in gleichen roten Röcken gekleidet, stolpern anfangs mit Einkaufstüten durch ein struppiges Walddickicht. Sie feuern als vielstimmiger Chor spöttische Textsalven auf die modebewussten Zuschauer ab. Später erscheint ein Bungalow hinter dem Gestrüpp, in den ein Paketdienst Berge von Paketen liefert. In den Schlafzimmern geben sich die Frauen der Mode hin (Bühne: Marie Roth).

Die Sucht nach immer neuer Kleidung, zu enge Hosen („Größe hatten Sie nie“), menschenunwürdige Produktionsbedingungen, exzessives Onlineshopping, Nervenzusammenbrüche, Luxuslabels und Outlets („Alles muss raus, doch Sie müssen rein“) - keine Facette der Mode wird ausgelassen. Auf dem Markt der Gisèle-Bündchen-Körper können die alternden Frauen nicht mithalten. Die Mode ist immer wieder neu, der Körper kann nur alt werden.

Jelineks einzigen Regievorschlag - sie wünscht sich Plüschtiere - setzt Gloger um, indem er drei Schauspielerinnen in mollige Bären-, Fuchs- und Hasenkostüme schlüpfen lässt. Sonderapplaus bekommt die Schülerin Tanja Vasiliadou, die den Textwust mit Charme und hochprofessionell meistert.

Bisweilen plätschert das Stück vor sich hin, mal mit einer skurrilen Modenschau, dann mit Göttin Hera, die nach dem Facelifting mit der goldene Kreditkarte wedelt (brillant spöttisch: Claudia Hübbecker). Dann aber schlagen die katastrophalen Produktionsbedingungen in Asien in Form eines weiblichen Lumpenproletariats zurück. Frauen attackieren die Modefetischistinnen im Bungalow mit Knüppeln, Steinen und Benzin. Das Wort „Fashion Victim“ (Opfer der Mode) bekommt plötzlich eine ganz direkte Bedeutung. Mode wird zur tödlichen Bedrohung.

Jelinek selbst ist der Mode verfallen. Sie gibt sich als selbstironische Sprecherin immer wieder zu erkennen („Schnauze, Elfi“), hadert mit dem Altern („Alt ist immer zu alt“). Nach den hochpolitischen Themen ihrer vergangenen Stücke, die sich mit Terror, Flüchtlingen oder Missbrauch auseinandersetzten, wird sie nun persönlicher.

Doch unter die Oberfläche des modischen Scheins webt sie die existenziellen Fragen des Lebens nach Sein, Nichtsein und Tod. Kant und Heidegger dürfen sich auf der Bühne zum philosophischen Disput in Form eines Tennisspiels treffen. Im Laufe des Stücks verwandeln sich die Schauspielerinnen äußerlich immer mehr in Jelinek, mit der typischen Haartolle über der Stirn oder langen braunen Zöpfen. Eigentlich ein Widerspruch: Denn Jelinek meidet seit Jahren das Licht der Öffentlichkeit.

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