Zum ersten Mal schildert eine Mutter, was in dem Wohnheim vor sich ging. Ihr Sohn hatte lange geschwiegen.

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Die Graf-Recke-Stiftung in Wittlaer richtet eine Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Vorwürfe ein.

Die Graf-Recke-Stiftung in Wittlaer richtet eine Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Vorwürfe ein.

M. Gerten

Die Graf-Recke-Stiftung in Wittlaer richtet eine Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Vorwürfe ein.

Düsseldorf. Gegen 17 Therapeuten der Educon, einer Tochter der Graf-Recke-Stiftung, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die WZ berichtete, dass in einer Hildener Wohngruppe der Düsseldorfer Einrichtung behinderte Kinder zwischen neun und 15 Jahren misshandelt worden sein sollen - im Rahmen der so genannten Festhalte-Therapie. Eine betroffene Mutter schilderte jetzt, wie ihr Sohn Tim (heute 15, Namen von der Redaktion geändert) leiden musste.

Tim leidet an einer seltenen Form des Autismus. "Er war stark aggressiv, hat immer wieder Mitschüler und sogar Lehrer angegriffen. Wir mussten alle paar Monate die Schule wechseln", erinnert sich Petra K., "wir waren damals überfordert." Die Mutter nahm an einem einwöchigen Lehrgang im Allgäu teil: "Das war eigentlich eine Fortbildung für Therapeuten zur Festhalte-Therapie. Da waren auch zwei Mitarbeiter der Educon aus Hilden."

"Das ging bis an den Rand des Erträglichen"

Petra K., Mutter

Auch sie habe Tim dort festhalten müssen, obwohl er sich dagegen wehrte: "Das ging bis an den Rand des Erträglichen. Aber danach ging es ihm besser. Das war eigentlich der Wendepunkt." Nachdem Petra K. dort die Educon-Mitarbeiter kennen gelernt hatte, bekam sie das Angebot, ihren Sohn in Hilden 2006 für drei Wochen in eine Therapie zu geben.

"Räuberhöhle" nannte sich die Wohngruppe. Dort musste Tim Schreckliches erleben. Petra K.: "Ich habe ihn zwei Mal dort besucht. Er hat Rotz und Wasser geheult und wollte nach Hause." Zunächst vertraute der damals Elfjährige sich seiner Mutter nicht an. Erst später erzählte er, dass er nichts zu essen erhalten habe, wenn er nicht pünktlich am Tisch erschien. Zudem hätten sich die Betreuer so auf ihn gelegt, dass er Angstzustände bekommen habe: "Es war alles darauf angelegt, den Willen des Jungen zu brechen. Wenn das eine Mutter tut, ist das etwas anderes. Aber das waren Fremde." Für sie ist offensichtlich, dass die Therapie aus dem Ruder gelaufen ist.

Die Therapie wurde von der Amerikanerin Martha Welch zur Heilung von Autismus entwickelt. Die in Deutschland lebende Psychologin Jirina Prekop entwickelte sie weiter. Eingesetzt wird sie bei Menschen mit Autismus, Bindungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten.

Erwachsene umarmen sich gegenseitig bis dabei Aggressionen oder Ängste auftauchen. Diese sollen ausgehalten werden, bis das Festhalten schließlich als liebevolle Umarmung empfunden wird. Autistische Kinder werden bei der Therapie von einer Bezugsperson oder Therapeuten teilweise über Stunden festgehalten und sollen sich ausschimpfen oder ausweinen. Sie wehren sich gegen diese körperliche Nähe zum Teil sehr massiv. Dies wird in Kauf genommen.

Die Methode gilt bei Kritikern als pseudowissenschaftlich, sie habe keinen therapeutischen Wert. Jemanden gegen seinen Willen festzuhalten, ist zudem strafbar und kann ohne Einwilligung als Misshandlung von Schutzbefohlenen oder Körperverletzung gelten.

Trotzdem fuhren beide noch regelmäßig zum Sommerfest der Educon, um andere Kinder zu treffen: "Im vorigen Jahr war plötzlich keiner der alten Betreuer mehr da. Uns wollte aber niemand den Grund sagen." Was sie nicht wusste: Die Beschuldigten waren entlassen worden.

Tim ist inzwischen in einer Regelschule. Er hat einen Notendurchschnitt von 1,5 und ist Klassenbester. Petra K. würde auch bei der Staatsanwaltschaft aussagen: "Aber nur, wenn mein Sohn nicht damit hineingezogen wird. Er soll an die Zeit dort nicht mehr erinnert werden." Aus Angst vor einem Rückfall.

Ein Freitag bei der Graf-Recke-Stiftung erbetener Rückruf ist nicht erfolgt. Bei Bekanntwerden der Vorwürfe hatte ein Sprecher angekündigt, es werde eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit den Vorwürfen befassen soll.

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