Für die Kabel1-Serie „Hagen hilft“ knöpfte sich ein Unternehmensberater die Schuhmacherei an der Friedrichstraße vor. Was hat’s gebracht? Ortstermin ein Jahr danach.

Der 46-jährige Schuhmacher Martin Girnth in seinem Laden – die Kasse ist womöglich das älteste Exemplar der Stadt, das noch im Dienst ist.
Der 46-jährige Schuhmacher Martin Girnth in seinem Laden – die Kasse ist womöglich das älteste Exemplar der Stadt, das noch im Dienst ist.

Der 46-jährige Schuhmacher Martin Girnth in seinem Laden – die Kasse ist womöglich das älteste Exemplar der Stadt, das noch im Dienst ist.

Stefan Arend

Der 46-jährige Schuhmacher Martin Girnth in seinem Laden – die Kasse ist womöglich das älteste Exemplar der Stadt, das noch im Dienst ist.

Düsseldorf. Die Zeitreise dauert nur wenige Sekunden. Genau so lange wie man braucht, um eine Ladentür zu öffnen und hindurchzugehen. Die Schuhmacherei an der Friedrichstraße 130 ist einzigartig in der Stadt: Die Ladeneinrichtung ist original 50er, die Kasse noch älter: Das vielleicht älteste funktionstüchtige Exemplar der Stadt stammt vielleicht sogar noch aus der Anfangszeit des Geschäfts - angeblich befindet sich in diesem Ladenlokal schon seit den 20er-Jahren eine Schumacherei. Man mag es glauben, angesichts des alles dominierenden Ledergeruchs, der vermutlich schon tief im Mauerwerk sitzt.

Dies ist das Reich von Martin Girnth. Der 46-jährige Schuhmacher ist ein unverstellter und freundlicher Zeitgenosse, der die meiste Zeit des Tages in diesem Ladenlokal verbringt - oder in der Werkstatt im Hinterraum, wo die fast schon museumsreifen Maschinen stehen. Vor fast drei Jahren hat sich der gebürtige Wuppertaler aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig gemacht. Für 7.500 Euro übernahm er mit einem Partner die Einrichtung vom Vorgänger - und so steht sie heute noch da. Für Investitionen war kein Geld da.

Gewinn: von minus 258,46 Euro auf plus 135 - binnen weniger Wochen

Und doch passt irgendwie alles zusammen: Das rustikale Ambiente und dieser Mann, den manche vielleicht ungelenk und kauzig finden. Die TV-Macher jedenfalls sahen ihn so. Ein gutes Jahr ist es her, dass sie im Auftrag von Kabel1 anrückten. Für die Doku-Serie "Hagen hilft" suchten sie Geschäftsleute kurz vor der Insolvenz. Der Unternehmensberater Stefan Hagen analysierte die Probleme vor laufender Kamera - und steigerte den Umsatz binnen weniger Wochen. Doch war das wirklich nachhaltig. Oder am Ende alles nur Show? Wir haben nachgehakt.

In der Sendung jedenfalls ereignete sich ein kleines Wunder: In wenigen Wochen machte Stefan Hagen aus einem monatlichen Minus in Höhe von 258,46 Euro ein Plus von 135. Und wie steht es heute um die Schuhmacherei? Ja, es sei nach der Sendung besser geworden, sagt Girnth, der den Laden inzwischen allein führt.

Der Gewinn sei dauerhaft um etwa fünf Prozent höher als vorher. "Es ist etwas hängen geblieben." Dafür sieht er vor allem zwei Gründe: Zum einen habe sich der zusätzliche Verkauf von Taschen bewährt, vor allem aber habe die Sendung den Bekanntheitsgrad enorm gesteigert. "Es sind sogar Kunden aus anderen Stadtteilen extra hergefahren."

"In letzter Konsequenz ging es darum, was der Zuschauer sehen will, nicht um meine konkrete Situation."

Schuhmacher Martin Girnth

Bilanz Der Unternehmensberater Stefan Hagen hat dem Schuhmacher Martin Girnth eine ganze Reihe guter Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Doch wie gut waren sie wirklich?

Schaufenster-Gestaltung Sie war ein echter Volltreffer: Die Klebebuchstaben mit dem Flair der 70er wurden durch eine altertümliche Schrift ersetzt: Dadurch suggeriert der Schriftzug "Schuhmacherei" etwas, das durch das Ambiente des Ladenlokals auch erfüllt wird. Zudem ist die Neu-Gestaltung des Schaufensters nachhaltig gelungen.

Reklame-Tour in den Hotels Als Komplett-Flop hat sich die Werbe-Tour durch die Hotels erwiesen. Hagen empfahl, den Herbergen - etwa dem Arena-Hotel - einen Schuster-Service anzubieten. Deren Kunden benötigen oft solche Dienste. Problem: Hotel-Kunden haben es meist eilig. Doch um die Schuhe morgens an verschiedenen Hotels abzuholen und abends wieder dort abzuliefern, fehlen Einzelkämpfer Girnth schlicht die personellen Kapazitäten.

Angebots-Erweiterung Bewährt hat sich indes die Angebots-Erweiterung um Taschen. Die Stücke werden auf Kommissions-Basis verkauft - und bringen ein kleines, aber willkommenes Zubrot. Die Herstellung selbst hergestellter Taschen war indes zu aufwändig.

Nachbarschaftsfest Ein Vorschlag aus der Abteilung "Schön wär’s gewesen": Auf den Rat von Stefan Hagen hin veranstaltete Girnth ein kleines Nachbarschaftsfest, um den Laden bekannter zu machen. Fazit des Schuhmachers: "Kein Einziger, von denen, die da waren, hat hier mal ein paar Schuhe vorbeigebracht."

Filzpantoffeln Wenig fundiert erwies sich auch Hagens Vorschlag, Girnth solle Filz-Pantoffeln herstellen und verkaufen. "Das bestellte Material eignete sich dafür nicht, außerdem wäre die Produktion nicht lukrativ gewesen", erklärt Girnth.

Es ist wohl vor allem dieser Effekt, weshalb sich der 46-Jährige heute ohne Weiteres nochmal auf ein solches Experiment einlassen würde. Dass nicht alles der Realität entsprach, was inszeniert wurde, ist für ihn eher zweitrangig. Das fängt schon mit der Beispielrechnung an. "Die haben sich gezielt den umsatzschwächsten Monat herausgesucht", sagt Girnth. Nur deshalb sei der extreme Umsatzsprung möglich gewesen.

Zur Inszenierung gehörte auch, dass der Schuhmacher in der Sendung unbedarft bis naiv rüberkommt: die Buchführung unbrauchbar - sofern überhaupt vorhanden, das Arbeitstempo lahm, der Geschäftsinstinkt gleich null. "Ein netter, fleißiger Schuhmacher, aber keine Ahnung von Zahlen, so wurde ich dargestellt."

Der Torso aus dem Schaufenster sollte wieder abgeholt werden

Seine Einwände seien ignoriert worden: "In letzter Konsequenz ging es darum, was der Zuschauer sehen will, nicht um meine konkrete Situation", sagt Girnth. Trotzdem fühlt er sich nicht vorgeführt. "Das war eben der Deal. Ich wusste ja, dass es mir umgekehrt etwas bringt." Und das, was es brachte, ließ er sich auch nicht mehr nehmen. Als etwa der zur Schaufenster-Deko eingesetzte Torso abgeholt werden sollte, wehrte sich der Schuhmacher. Das Teil blieb.

Unter dem Strich ist das Experiment Fernsehen für Girnth gelungen: "Ich würde es wieder tun. Allerdings hätte ich gerne mehr inhaltlichen Einfluss." Den Laden will er trotz 60-Stunden-Woche und starker Konkurrenz weiterführen. "Solange Menschen Schuhe unter den Füßen haben, ist das ein sicherer Job." Hagen hilft? Girnth hilft sich selbst...

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