Der Schlagzeuger von den Toten Hosen wurde von T-Rex angefixt, aber auch von den Stones.

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Vom Ritchie in einem Raum neben seinem Wohnzimmer: Hier stehen tausende LPs allein in einem Regal.

Vom Ritchie in einem Raum neben seinem Wohnzimmer: Hier stehen tausende LPs allein in einem Regal.

Sergej Lepke

Vom Ritchie in einem Raum neben seinem Wohnzimmer: Hier stehen tausende LPs allein in einem Regal.

Düsseldorf. Die Ahnung, sie kommt beim ersten Blick. Und später wird sie zur Gewissheit: Wenn Campino, Kuddel, Breiti und Andi – die restlichen Toten Hosen – Musikfanatiker sind, dann ist ihr Schlagzeuger Vom Ritchie der Musikverrückte in Deutschlands größter Rockband. Er muss es sein. Denn seine Wohnung atmet Musik. Und er selber atmet sie. Seine Hände schlagen für die Hosen. Sein Herz schlägt für den Rock – vor allem den, mit einem „Punk“ davor.

Die Plattensammlung ist gleich neben dem Wohnzimmer. Und sie vermittelt einen Eindruck davon, warum sich der 49-jährige Engländer so perfekt in seinem Metier auskennt: Wie in einem Plattenladen stehen mehrere Tausend LPs in einem Regal. Wohlgemerkt: in einem Regal, das eher an eine riesige Grabbelkiste als an einen Schrank erinnert und von oben befüllt wird.

Mit Klassikern des Genres. Und mit Tonträgern der mittlerweile dritten Generation von Punkbands, seitdem die Revolte 1976 in New York von den Ramones und 1977 in London von den Sex Pistols losgetreten wurde. „Es ist leichter, die Platten mit der Hand von oben durchzublättern“, begründet Vom Ritchie diese Innenarchitektur seines Musikzimmers. „Dann kann man die Hüllen besser sehen, als wenn man von der Seite darauf schaut.“ Das leuchtet ein. Das ist eine Begründung so simpel wie ein Song aus drei Akkorden.

Um diese Sammlung – über ihr hängen in Glasrahmen Gold- und Platinplatten der Toten Hosen – einmal durchzuschauen, wären Stunden nötig. Aber auch in zwei Minuten wird klar: Diese Sache hier ist auf möglichst umfassende Lückenlosigkeit angelegt.

Der Kanon des Punks ist Vom Ritchies Bibel. Und zur Bibelstunde lädt er in den Keller ein. Da steht nämlich noch die mit CDs gut bestückte Kellerbar inklusive Stereo-Anlage. Im CD-Spieler rotieren mal Danko Jones als Könige des kanadischen Hardrock, mal die englischen Poprocker The Records, mal skurril-schöne Seltsamkeiten wie der englische Nonsensmusiker Wat Tyler mit seiner Platte „The Fat Of The Band“ („Der Dicke aus der Band“).

Und zur musikalischen Untermalung plaudert Vom Ritchie aus dem Nähkästchen: Schon als Kind spielte er in Bands. „Und seitdem ich 13 bin, stehe ich auf der Bühne.“ Angefixt wurde er von Glamrockern wie T-Rex, deren Single „Get It On“ seine erste Platte überhaupt war – vermutet Vom Ritchie jedenfalls, denn so ganz genau weiß er das beim Ausmaß seiner Sammelleidenschaft nicht mehr. Außerdem waren da natürlich die Beatles und die Stones. „Die habe ich beide gemocht. Sind eben Landsleute“, sagt er mit seinem typischen Schlagzeuger-Grinsen, aus dem all das spricht, was Rock’n’Roll im Grunde ausmacht: Aufmüpfigkeit, Jugendlichkeit, Provokation, Hingabe.

Die erste Plattensammlung kaufte er sich vom eigenen Onkel in Essex zusammen, der damals – Anfang der 70er – Status Quo, Deep Purple und Co. loswerden wollte. Und den Songs dieser Stars trommelte der kleine Vom in seinen stetig wechselnden Bands hinterher. Sie hießen Earrades. Oder Miracle Babies – „wegen der Körpergröße“, erklärt er, grinsend natürlich. Oder eben Cryssis – eine Truppe um Kumpel Dick York, die er 2009 nach drei Jahrzehnten wieder aus der Versenkung hervorkramte und mit der er derzeit, der Hosen-losen Zeit, tourt.

Liste mit den fünf liebsten Platten will Vom Ritchie nicht rausrücken

Eine Liste seiner fünf liebsten Platten will er partout nicht zusammenstellen: „Da würde ich mich unfassbar schlecht fühlen, weil ich so viele tolle Alben weglassen müsste“, sagt er. Selbst seine schwarzen und vermeintlich peinlichen unter den Plattenschäfchen zeigt Vom Ritchie mit dem Stolz eines Musikverrückten: Cliff Richards „This Christmas“ etwa. Oder Singles des kleinwüchsigen Schauspielers und Entertainers Rusty Goffe. „So was bekomme ich gerne auch mal von Freunden geschenkt“, sagt er beinahe entschuldigend. Aber nur beinahe, denn: Aussortieren käme nie infrage.

Und dann legt er Iggy Pop und die Teddybears auf. Der Song, der aus den Boxen dröhnt und zu dem der Engländer sofort tanzt, hat den Titel „Punkrocker.“ Im Refrain heißt es: „I’m a punkrocker, yes I am.“ Ich bin ein Punkrocker, jawohl! Würde Vom Ritchie nicht trommeln – er würde genau das singen.

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