Die hundert Gesichter der Galeristin Johanna Ey in einer kurzweiligen und fast schon komischen Schau an der Berger Allee.

Johanna Ey mit dem Blick einer Kokotte, gemalt von Paul Bindel.
Johanna Ey mit dem Blick einer Kokotte, gemalt von Paul Bindel.

Johanna Ey mit dem Blick einer Kokotte, gemalt von Paul Bindel.

Johanna Ey mit dem Blick einer Kokotte, gemalt von Paul Bindel.

Düsseldorf. Eine Schönheit war Johanna Ey nicht. Vergleicht man sie mit den Idolen der Zeit, Asta Nielsen etwa, so ist sie nicht rank und nicht schlank. Der Maler Johann Baptist Hundt hat sie auf einer Leiter in ihrer kleinen Düsseldorfer Galerie festgehalten, mit einem elefantösen Hinterteil.

Sein Kollege Robert Pudlich zeichnete sich selbst spindeldürr und schob seinen Körper dicht an ihren heran. Im Stadtmuseum passieren hundert Ey-Porträts Revue.

Das ironische Spiel der jungen Maler mit der korpulenten Frau

"Ich, Johanna Ey" heißt die Schau der vielen Gesichter. In einem Bild von Hundt zieht sie einen schwarzen Mantel eng um den üppigen Körper, so dass der tiefe Ausschnitt hinreichend zur Geltung kommt. Korpulenz konterkariert die erotische Gestalt. Ihre Künstler sehen sie in einer Mischung aus Würde, Erotik und Komik.

Der Maler Peter Janssen legt die kolossale Frau aufs Sofa, in der Haltung der bekleideten Maja von Goya. Die laszive Pose in der Kunst großer Klassiker, zu denen auch Manets Olympia gehört, wird hier ironisch gebrochen. Die Ey erscheint behäbig, scheinbar harmlos, als korpulente 60erin.

Von Pudlich gibt es ein köstliches "Selbstbildnis mit Johanna Ey". Er sitzt neben einem Plumpsklo, dessen Tür wie ein Adventskalender halb geöffnet ist. Hinter der Tür sieht man die Johanna als wohlbeleibte Eva, die ihr Schamhaar mit den Händen verdeckt.

Johanna Ey (1864 bis 1947) heiratet 1888 und bringt mindestens acht Kinder zur Welt, von denen vier am Leben bleiben. Seit 1900 lebt sie in Düsseldorf, u.a. in der Ratinger Straße 32 und 45. Ihre Galerie hat sie seit 1917 an der Heinrich-Heine-Allee. Sie erhält nach ihrem Tod, 1947, ein Ehrengrab auf dem Nordfriedhof.

"Ich, Johanna Ey" läuft im Stadtmuseum, Berger Allee 2, bis 10.5. di-so 11-18 Uhr.

Das ironische Spiel in der Kunst der Düsseldorfer Maler ist die eine Seite der Schau, die andere Seite gestaltet die Autorin Marlene Streeruwitz. Sie schrieb einen Roman über die Ey. Ihre Kostproben an den Innenwänden wirken wie Ausschnitte aus einem feministischen Lehrbuch. Diese Texte mischen Biographie und Sozialwissenschaft.

Johanna Ey, geborene Stocken aus Wickrath, Tochter eines Tagelöhners und Alkoholikers, verlässt mit 14 Jahren das Elternhaus, arbeitet als Dienstbote und Haushälterin. Mit 21 Jahren verschwindet sie zur Schwester nach Uccle bei Brüssel und bringt ein uneheliches Kind zur Welt. Mit 24 Jahren heiratet sie einen alkoholkranken Brauereimeister, gebiert ihm acht bis zwölf Kinder (acht Kinder sind belegt) und wird mit 40 Jahren alleinerziehende Mutter von vier Kindern (die übrigen sind gestorben).

Sie beginnt als Verkäuferin in der Bäckereifiliale Carl Theisen, führt bald eine eigene Backwarenhandlung und richtet für Künstler und Schauspieler einen preiswerten Mittagstisch ein. Mit 53 Jahren wird sie Kunsthändlerin. Ihre Karriere beginnt.

Ihre Schaufenster-Galerie nimmt die Avantgarde auf. Die Künstlervereinigung Das junge Rheinland verlegt ihre Geschäftsräume zu Johanna Ey. Was folgt, ist ein Wunder: Ohne fachliche Ausbildung, begnadet durch ein Gespür für Qualität von Kunst, kämpft sie gegen alte Zöpfe an der Akademie, gegen ewige Spießer in der Stadt, gegen die Polizei, die 1922 ein Gemälde von Gert Wollheim wegen angeblicher Unsittlichkeit verhängen lassen.

Am Ende ihres harten Lebens erhielt die Ey ein Ehrengrab der Stadt

Sie stellt die besten Künstler der Zeit, Max Ernst, Otto Dix und Gert Wollheim aus. Deren Werke gehören jedoch nicht dem Stadtmuseum. Ihr repräsentatives Bild von Otto Dix im Stil eines absolutistischen französischen Königsporträts ist im Privatbesitz, Max Ernsts "Schöne Gärtnerin" verschollen, das "Rendez-vous der Freunde" im Kölner Museum.

Schulden, Pfändungen und Zwangsräumungen begleiten ihr Leben. Acht Monate vor ihrem Tod, 1947, erhält sie einen Ehrensold und drei Tage nach ihrem Tod (27.8. 47) ein Ehrengrab auf dem Nordfriedhof.

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