Erste Choreografie von Remus Sucheana überzeugt. Den größten Beifall kriegt aber ein Wuppertaler.

Ballettdirektor Remus Sucheana hat Concerto grosso Nr. 1 choreografiert.
Ballettdirektor Remus Sucheana hat Concerto grosso Nr. 1 choreografiert.

Ballettdirektor Remus Sucheana hat Concerto grosso Nr. 1 choreografiert.

Gert Weigelt

Ballettdirektor Remus Sucheana hat Concerto grosso Nr. 1 choreografiert.

Düsseldorf. Die Himmelsleiter ist für Menschen nicht zu erklimmen. Auch nicht für einen „Verwundeten Engel“. Am Ende des gleichnamigen Tanzstücks von Natalia Horecna schafft es das geflügelte Wesen kaum auf die erste Stufe. Obwohl sie (Yuko Kato) gestützt wird von „The Heart“. Düster endet das seltsame Mysterienspiel der slowakischen Choreografin - und damit der neue Ballettabend „b.30“, der jetzt im Opernhaus Premiere feierte. Wie üblich ist es wieder ein Dreiteiler; aber ohne ein Werk von Ballettchef Martin Schläpfer. Der ließ seinem Ballett-Direktor Remus Sucheana den Vortritt, der zu den Klängen von Alfred Schnittkes Concerto Grosso Nr. 1 die erste eigene Choreografie vorstellt.

Die rhythmisch variationsreiche Schnittke-Komposition für zwei Violinen, Klavier, Cembalo und Streicher nutzt Sucheana für sensibel zusammengestellte Tableaus zum Thema des Abends „Wie geht die Gesellschaft mit Außenseitern um?“ Immer wieder tauchen in dynamisch auftrumpfenden Gruppen Gegenspielerinnen auf. Sie verweigern sich dem Fluss, kämpfen mit eigenwilligen Bewegungen gegen den voransausenden Zeitgeist.

Ann Kathrin Adam in Blau-Grau, Yuko Kato in Blutrot und Marlucia do Amaral in blumengemustertem Gelb. In den Soli und Pas-de-deux vertraut Sucheana meist auf die drei ausgeprägten Tänzerpersönlichkeiten und ihren unverwechselbaren Stil. Besonders Yuko Kato mit ausdrucksstarken Gesten und do Amaral mit ihrem kokett verspielten Virtuosentum geben Kostproben ihres Könnens. Letztere setzt sich kurz als Außenseiterin durch: Plötzlich schwirren Tänzerinnen in dem gleichen Kleid hinein, imitieren sie, bevor sie do Amaral wieder ausgrenzen.

In Aufbau, neoklassischer Tanztechnik und Tempo-Wechsel erinnert Sucheanas Arbeit an Schläpfer. Er überzeugt aber durch hohe Musikalität und eine persönliche Art, berührende Lebens-Geschichten zu erzählen. Fazit: ein gelungenes Erstlingswerk. Nicht mehr, nicht weniger.

Die zweite Uraufführung (von Horecna) basiert auf dem Gemälde „The wounded Angel“ des finnischen Symbolisten Hugo Simberg von 1903. Darauf tragen zwei Knaben ein geflügeltes Wesen mit einer Kopfbinde auf einer Bahre. Ausgehend von diesem Motiv (das zu den berühmtesten 1000 Meisterwerken der Weltmuseen zählt) entwickelt Horecna einen bizarren Bilderreigen, voll von allegorischen Wesen. Ob „Angst“, „Eifersucht“, „Unsicherheit“, oder „Wohlstand“, „Eigenliebe“, „Erfolg“ und „Glaube“ - in großen Lettern gedruckt auf den flatternden T-Shirts der Tänzer - sie alle kreisen aufgekratzt um die Hauptfigur „Love“, getanzt von Marcos Menha.

Marco Goecke zeigte 2000 seine erste Choreografie und schuf mit fiebrigem Flattern eine Technik, die in Europas Tanzszene als „Goecke-Stil“ bewundert wird.

21., 28., 31. Januar

2., 5., 16., 18., 19. Februar

Tickets: Tel. 8925.211

operamrhein.de

Dieser wiederum steht im ewigen Kampf mit dem aufmüpfigen, quirligen „Ego“ (Rubén Cabaléro Campo). Sie stöhnen und ächzen, rennen und springen, geben keine Ruhe, stoßen „Love“ zur Seite oder machen dem Außenseiter, dem Darsteller der wahren Liebe, das Leben schwer, stellen ihn bloß. Ein spielerisches, manchmal grotesk zugespitztes verspieltes Tanzstück, das aber in 50 Minuten ein bisschen zerfranst.

Das Highlight des Abends dauert gerade einmal 20 Minuten

Das Meisterwerk des Abends ist „Lonesome George“ des Wuppertalers Marco Goecke. Es dauert gerade mal 20 Minuten und fordert mit seinen irrwitzig schnellen Bewegungen von den athletisch getrimmten Tänzern mehr Kondition und technische Präzision (auf die Zehntelsekunde!) als die anderen Stücke. Keuchen, Schniefen und Schnauben hört man zwischendurch von den exzellenten Solisten. Und die Rufe nach „George“. Doch die Riesenschildkröte von den Galapagos-Inseln, nach der Goecke seine grandiose Ballett-Miniatur nennt, ist nirgendwo zu sehen.

Die Tänzer flattern mit Armen und Händen. Plötzlich schnellen die angewinkelten Gliedmaßen hoch. Blitzartig bleibt ein Paar stehen, beide recken die Köpfe, wie aufgescheuchtes Federvieh. Und jagen in Affenzahn davon, bleiben abrupt stehen und gucken erschrocken, wie bei einer Panikattacke. Von Angst getrieben und einsam sind die Wesen, die Marco Goecke in seinen Balletten in rasantem Tempo über die Bühne scheucht. Am Ende: Jubel und Begeisterung.

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