Der Tanzabend des Choreografen Morgan Nardi im FFT überzeugt mit einer Abrechnung der Internet-Sexualität.

Tanzabend des Choreografen Morgan Nardi im FFT überzeugt mit einer Abrechnung der Internet-Sexualität.
Der Choreograf Morgan Nardi (vorne rechts) mit seiner Truppe im Stück „Pornotopia“, das im FFT aufgeführt wird.

Der Choreograf Morgan Nardi (vorne rechts) mit seiner Truppe im Stück „Pornotopia“, das im FFT aufgeführt wird.

das mechanische Auge

Der Choreograf Morgan Nardi (vorne rechts) mit seiner Truppe im Stück „Pornotopia“, das im FFT aufgeführt wird.

Sie wälzen sich auf einem weißen Lackboden, imitieren kopulierende Bewegungen - mit ewig kreisendem Unterleib. Oder die drei Männer und eine Frau stellen sich einem Casting, wie beim Model-Wettbewerb. Bei dieser Suche nach dem nächsten Porno-Top-Model ziehen sie sich bis auf die knappe Unterwäsche aus, nennen ihre Maße und Vorzüge. Ob sie es mit Männern, Frauen oder mit beiden Geschlechtern machen.

Unverblümt, wenn auch mit unterschwelliger Ironie, geht der neue Tanzabend von Morgan Nardi mit Sexualität um – so, wie sie seit Youporn und Internet 24 Stunden am Tag verfügbar ist. „Pornotopia“ nennt der italienische Choreograf und Tänzer, der in Düsseldorf lebt, sein neues Stück, das jetzt im FFT an der Jahnstraße Uraufführung feierte. Ein anfangs schrilles, dann aber doch nachdenkliches Spektakel und eine Abrechnung mit der weltweiten Junggesellen-Gesellschaft, die sich jederzeit per Mausklick in erotische Wunschvorstellungen flüchtet und sie kurzfristig befriedigen kann, ohne durch Wünsche eines realen Partners eingeschränkt oder „belästigt“ zu werden. Der Titel Pornotopia erinnert an das gleichnamige Buch der Spanierin Beatriz Preciado, die damit 2012 einen Einblick in die männliche Lust gewährt und die Mechanismen herausstellt, die die sexuelle Identität unserer Gesellschaft bestimmen.

Das Milliarden-Geschäft mit der Porno-Industrie im Netz

Und um überwiegend Männer geht es in diesem von Stadt und Land finanziell unterstütztem Projekt. Das 75-Minuten-Opus mit vier Darstellern (darunter der Choreograf selber und der renommierte und mit Preisen dekorierte Breakdancer Lin Verleger) beleuchten die verschiedenen Facetten der Porno-Industrie, die dank Internet weltweit nicht nur Milliarden-Dollar-Gewinne pro Jahr einfährt, sondern an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung steht.

Der muskulöse Lin Verleger mit rosa Schweinsmaske und der als Frau verkleidete Performer Mirko Feliziani robben wie Lustobjekte durch die vorderen Reihen und kommen dem Publikum verdammt nah. Dann bieten sie sich feil, zu dröhnenden Beats, wie in einem Porno-Casting, kreisen mit ihrem Hinterteil und strecken es lasziv in die Höhe. Abrupter Wechsel: Zwei Männer stehen sich gegenüber, streicheln sich zärtlich, umarmen sich, bis sich eine Frau (Annika B. Lewis) zwischen die Männerkörper zwängt und mit dem athletisch gebauten Mann im hautengen goldglitzernden Oberteil (Lin Verleger) ein eindeutiges Duo tanzt.

In einer anderen Szene stöhnen die Darsteller um die Wette: Auf allen Vieren begeben sie sich in extreme Körperhaltungen, beugen und biegen sich vornüber oder strecken ihren Unterleib extrem nach oben. Jede Figur ist allein, bleibt für sich. Ebenso, wenn die Männer eine Gummipuppe aufblasen, mit ihr kopulieren. Die völlige Vereinsamung – das ist die Auswirkung der Fantasiewelt Pornotopia. Sehenswert ist diese Performance. Denn Morgan Nardi kreiert zwar deutliche Bilder und vermittelt eindeutige Botschaften, driftet aber nicht in marktschreierische Obszönität ab.

Info: Zu sehen auch am 20. und 21. Oktober, FFT, Jahnstraße 3. Telefon 876 7870.

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