Der Ausnahme-Musiker rundet seinen Beethoven-Zyklus mit dem Spätwerk zwischen Opus 90 und 111 an zwei Abenden.

Liest Partituren wie andere Krimis: Der Ausnahme-Pianist Igor Levit spielte am Samstag in der Tonhalle.
Liest Partituren wie andere Krimis: Der Ausnahme-Pianist Igor Levit spielte am Samstag in der Tonhalle.

Liest Partituren wie andere Krimis: Der Ausnahme-Pianist Igor Levit spielte am Samstag in der Tonhalle.

Susanne Diesner

Liest Partituren wie andere Krimis: Der Ausnahme-Pianist Igor Levit spielte am Samstag in der Tonhalle.

Düsseldorf. Die späten Sonaten Ludwig van Beethovens fallen gründlich aus dem Rahmen der klassischen Musikepoche der Zeit um 1800. Der gereifte und bereits ertaubte Komponist bewegt sich noch im formalen Gerüst der Sonate à la Haydn und Mozart. Aber eigentlich sind schon alle Ketten gesprengt. Die Schluss-Fuge der „Hammerklaviersonate“ op. 106 schießt im hohen Bogen über die Romantik des 19. Jahrhunderts hinaus und landet irgendwo in der Ästhetik des frühen 20. Jahrhunderts zwischen Max Reger und Igor Strawinsky – zu einer Zeit da jene noch längst nicht geboren waren.

Der aus Russland stammende und in Deutschland lebende Pianist Igor Levit vollendete jetzt seinen Beethoven-Zyklus mit ebendiesen späten Sonaten zwischen der lyrischen Sonate e-Moll op. 90 und der rhythmisch bereits den Jazz vorwegnehmenden Sonate c-Moll op. 111. Levit ist dabei der Dritte im Bunde der Pianisten, die in Düsseldorf einen Beethoven-Zyklus rundeten – nach Alfred Brendel und Rudolf Buchbinder. Unterdessen erklang die enorm schwierige Hammerklaviersonate noch ein paar Tage zuvor an einem Abend mit der chinesischen Super-Virtuosin Yuja Wang.

Levits Interpretation wirkt weniger glänzend, aber geheimnisvoller

Verglichen mit dem brillanten, klaren, intelligent-analytischen Spiel Yuja Wangs wirkt Levits Interpretation des gewaltigen Opus 106 etwas weniger glänzend, dafür geheimnisvoller, leidenschaftlicher und sendungsbewusster. Levit besitzt nicht ganz die Schnelligkeit und Coolness der chinesischen Kollegin, verfügt gleichwohl über eine souveräne Technik, die kaum mehr Wünsche offen lässt. Und die Hingabe beim Spiel, dieser merklich hohe Anspruch grandioser Musik so gerecht wie möglich zu werden, bringt schließlich noch mehr Spannung ins Geschehen.

Zu Levits Stärken gehört auch sein sehr subtiler Anschlag. Vor allem leise Akkorde klingen delikat aufgrund einer fein austarierten Balance zwischen den darin enthaltenen Tönen. Meist hebt Levit den obersten, also melodietragenden Ton leicht hervor, ohne ihn zu laut werden zu lassen, und er verstärkt jene Begleit-Töne, die für harmonische und kontrapunktische Entwicklungen wichtig sind. Solches Vorgehen steigert auf hintergründige Weise den musikalischen Ausdruck.

Jedoch: Wie so oft, wenn jemand das Maximale aus einem Musikwerk rausholen will, kann es zu eigentümlichen klanglichen Wirkungen kommen. Auch der junge, hochbegabte und sensible Pianist entgeht nicht ganz der Gefahr, zu viel auf einmal zu wollen. Aus Ehrfurcht vor seinem Gegenstand, dem reifen Beethoven, fasst er ihn sozusagen mit Glacéhandschuhen an. Manche Akzente wirken wie vorsichtig hingetupft. Dabei verträgt Beethoven durchaus einen etwas ruppigeren Umgang. Aber Levits Beethoven-Spiel weist alles Grobe von sich und überhöht sich zur heiligen Handlung und Beethovens Spätwerk zum Mysterium.

Nur ab und an kommt es zu heftigen Attacken, die den Hörer ins Diesseits zurückholen, vor allem dort, wo Beethoven unmissverständlich ein Fortissimo vorschreibt wie am Schluss der As-Dur-Sonate op. 110 oder in einigen Takten der Sonate c-Moll op. 111, dem Schlussstein der 32 Klaviersonaten Beethovens.

Nun sind alle acht Abende des lange vorbereiteten Beethoven-Zyklus Levits vorbei. Es war der erste seines Lebens und wird wohl nicht der letzte gewesen sein. Der 29-Jährige erweist sich heute schon als fundierter Beethoven-Interpret, der in diesem Bezirk intellektuell weit vorgedrungen ist und sich vielleicht sogar beim Spiel etwas mehr Gelassenheit leisten könnte.

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