Eine Altbauwohnung in Bilk ist seit Juli Ort eines interessanten Kunstexperiments.

Eine Altbauwohnung in Bilk ist seit Juli Ort eines interessanten Kunstexperiments.
Eher behaglich als cool: der neue Off-Raum an der Brunnenstraße in Unterbilk mit Kunsthistorikerin Julia Reich, den Künstlern Roy Mordechay, Katharina Keller und Katharina Emons sowie dem Galeristen Nir Altmann (von links).

Eher behaglich als cool: der neue Off-Raum an der Brunnenstraße in Unterbilk mit Kunsthistorikerin Julia Reich, den Künstlern Roy Mordechay, Katharina Keller und Katharina Emons sowie dem Galeristen Nir Altmann (von links).

Sergej Lepke

Eher behaglich als cool: der neue Off-Raum an der Brunnenstraße in Unterbilk mit Kunsthistorikerin Julia Reich, den Künstlern Roy Mordechay, Katharina Keller und Katharina Emons sowie dem Galeristen Nir Altmann (von links).

Düsseldorf. In der Kunstwelt von Katharina Keller ist das Außen innen. Wer die Bilker Altbauwohnung im zweiten Stock betritt und das Haus zuvor aufmerksam gemustert hat, betritt erneut den hübschen Terrazzo-Boden aus dem Treppenhaus, den die Kunststudentin per Videoübertragung auf den Boden gebeamt hat. Auf die Zimmerwand projiziert sie die Fenster zur Straße, in deren Scheiben sich Wetter und Baumwipfel spiegeln. Ein schönes Spiel mit den Begebenheiten, in denen Katharina Keller und andere Künstler für eine Weile leben und arbeiten. Wo sie Kunst produzieren, die sie Fremden zeigen. Dort, wo sonst ihre Schlafmatratze liegt.

Sechs Monate haben Julia Reich, Roy Mordechay und Nir Altman nach einem Ort gesucht, an welchem sich auf anregende Weise Intimsphäre, künstlerisches Zurschaustellen, Alltag und der Empfang von Besuchern miteinander verknüpfen lassen. An der Brunnenstraße fanden sie eine etwa 65 Quadratmeter große Wohnung. Mit Holzboden und quadratisch geschnittenen Räumen. Eher behaglich als cool. Ideal. „Wir wollten ja gerade keinen ,White Cube’“, sondern eine richtige Wohnung“, sagt Julia Reich, die an der Heinrich-Heine-Universität gerade ihren Doktor in Kunstgeschichte macht. Schlicht „Die Wohnung“ heißt denn auch der neue Off-Raum, in dem ein Jahr lang an der Schnittstelle von Privat und Öffentlich experimentiert wird.

Der Gedanke: Kunst in privat gefärbter Umgebung zu erleben

„Auf Instagram sieht man häufig Fotos von Sammlern in ihrem Zuhause und erhält auf diese Weise einen Einblick in die Welt von Menschen, die man nicht kennt“, sagt Roy Mordechay. „Es ist spannend, der Frage nachzugehen, wie der Produktionsprozess eines Künstlers aussieht. Was macht er, bevor ihm und seiner Kunst ein ,White Cube’, also ein nackter Ausstellungsraum, übergestülpt wird?“

Schon zur Eröffnung am 28. Juli fand eine Reihe Menschen den Gedanken interessant, nicht bloß Kunst, sondern Kunst in privat gefärbter Umgebung anzugucken. Über die sozialen Medien hatten die Veranstalter eingeladen und am Ende war es so voll, dass die Performance wiederholt und die Besucher die Plätze tauschen mussten, damit alle etwas sehen konnten.

Der Hausbesitzer, der oben wohnt, kam, die Nachbarn von unten und auch eine alte Dame, die früher einmal in der Wohnung gelebt hatte. Schwierigkeiten gab es angesichts von Lärm und Andrang bislang nicht. „Die Menschen finden interessant, was wir tun“, sagt Julia Reich.

Ende Juli eröffnete der neue Off-Raum an der Brunnenstraße 55, zweite Etage. Am 1. September endet das erste Kapitel des zunächst einjährigen Projekts.

1. September, 19 Uhr, vier Künstler präsentieren eine Gemeinschaftsarbeit. Mehr Infos bei Facebook.com/dwohnung und: d-wohnung.de

Die Künstler bleiben nur vorübergehend in der Wohnung, sie reichen ihren Platz an einen anderen Künstler weiter, den sie selbst aussuchen. Auf diese Weise kam Katharina Keller in die Brunnenstraße 55. Sie studiert an der Kunstakademie in der Film- und Videoklasse bei Marcel Odenthal und setzt ihren künstlerischen Schaffensprozess in Bezug zu ihrem vorübergehenden Atelier- und Lebensraum. „Das hier ist eine tolle Chance für uns Künstler“, sagt Katharina Keller, die sich ein zauberhaftes Dankeschön für die Hausgemeinschaft überlegt hat. Jeder Bewohner erhält einen von ihr kreierten Türstopper aus Kunststoff, der einem Fassaden-Ornament gleicht, damit die Tür zwischen innen und außen immer einen Spalt breit geöffnet bleibt.

Wenn Katharina Keller auszieht, kommt Katharina Emons, die an der Akademie bei Gregor Schneider studiert, der seinerseits vorhandene Räume um- und ausbaut. Die Vorstellung, dort zu leben, wo ihre Kunst entsteht und ausgestellt wird, gefällt ihr. „Ein kahler Ausstellungsraum ist ein Fremdkörper. Hier in dieser schönen Wohnung hat man den Eindruck, man gehört hierher.“

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