„Nathan to go“ ist ein Bekenntnis zum Humanismus. Jetzt war Premiere des mobilen Stücks in der Bunkerkirche koptischer Christen.

„Nathan to go“ ist ein Bekenntnis zum Humanismus. Jetzt war Premiere des mobilen Stücks in der Bunkerkirche koptischer Christen.
Spielen in einer kraftvollen Fassung von „Nathan, der Weise“ an verschiedenen Orten: Jan Maak und Cennet Rüya Voß.

Spielen in einer kraftvollen Fassung von „Nathan, der Weise“ an verschiedenen Orten: Jan Maak und Cennet Rüya Voß.

Thomas Rabsch

Spielen in einer kraftvollen Fassung von „Nathan, der Weise“ an verschiedenen Orten: Jan Maak und Cennet Rüya Voß.

Ein großer Tisch ist im Vorraum der Bunkerkirche aufgebaut. Kuchen, Croissants, Salzgebäck und Tee stehen für das Publikum bereit. „Bitte, nehmen Sie.“ Dieser besondere Abend könnte nicht freundschaftlicher beginnen. Robert Lehniger inszeniert für das Schauspielhaus „Nathan to go“, ein Stück über Toleranz, Wahrheit und Klugheit, das nicht im Theatersaal, sondern in Kirchen und Gemeinderäumen aufgeführt wird. „Wir gehen mit dem Theater in die Stadt“, wiederholt Schauspielhausintendant Wilfried Schulz sein Mantra, ganz gleich, wo man ihn trifft, und so kam die Premiere in der Heerdter Bunkerkirche zustande, dem Zentrum koptischer Christen in Düsseldorf.

Gekürzte Version von „Nathan, der Weise“ ist nicht minder kraftvoll

„Nathan to go“ ist eine Zwei-Stunden-Fassung von Lessings „Nathan, der Weise“, um einige Stellen gekürzt zwar, jedoch nicht minder kraftvoll. Auf versöhnliche Weise stellt der Jude Nathan die Allmachtsansprüche der Religionen in Frage und preist den vernünftigen Menschen. Kein Thema bewegt die Welt derzeit so sehr wie dieses. Deswegen treffen Lessings Worte uns mit voller Wucht: „Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk? Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr in euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!“

Was so natürlich klingt, so klar, setzt sich nicht durch. Da muss man schon mal ordentlich auf den Tisch hauen, damit die Botschaft durchdringt. Da braucht es einen Nathan, der bereit ist, in den Ring zu steigen, um klar zu machen, „wie viel andächtig schwärmen leichter, als gut handeln ist“.

Jan Maak, in schlecht sitzendem Anzug, das Haar nach hinten gegelt, ist ein solcher Nathan. Ein fabelhafter Kerl mit Bauch, dem das Schicksal Fürchterliches bescherte, weswegen er sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen ließ. Er haut dem Kindermädchen (herrlich gespielt von Claudia Hübbecker als verstrahlte Superchristin Daja) und dem trotzigen Tempelritter (Jonas Friedrich Leonhardi) seine edelmütigen Überzeugungen nur so um die Ohren.

Maak rückt als Nathan nah an uns heran und man möchte beschämt die Augen senken, weil er ja so recht hat. Geschickt entzieht er sich jedem Versuch, ihn als Oberlehrer auf ein Podest zu stellen, weit weg, damit seine Ansprüche die eigene Bequemlichkeit gar nicht erst erreichen. Lehniger setzt noch einen drauf, indem er Sequenzen der direkten Ansprache einfügt. Schauspielerköpfe, riesig auf Tücher projiziert, fordern: „Liebe deinen Nächsten. Liebe ihn gerade, wenn er fremd ist.“

Im Hintergrund der ebenerdigen Bühne prangen Christus Pantokrator und die Muttergottes. Das Publikum sitzt auf Kirchenbänken mit Decken auf den Knien und staunt über ein Bekenntnis zum Humanismus, das heutiger nicht sein könnte. Nathans Tochter trägt einen schwarzen Mini-Lederrock und Plateau-Sneaker, Sultan Saladin erst Bademantel, dann Oversize-Pulli, was dank der sprachgewaltigen Aktualität des Werks von 1779 nicht plakativ wirkt, sondern unaufgeregt eine weitere Brücke in die Gegenwart baut. Das sollen zwei Stunden gewesen sein? So geht gutes Theater.

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