Das unbeirrte Für-jemand-anderen-Einstehen beeindruckte Student Max Brugger. Auch deswegen reiste er nach Idomeni.

Das Foto entstand im Mai 2016 in Palikastro nahe Idomeni. Der Organisator der Kochgruppe „Hot food Idomeni“ dankt freiwilligen Helfern für ihr Engagement. Sie hatten über Wochen mehrere tausend Menschen bekocht.
Das Foto entstand im Mai 2016 in Palikastro nahe Idomeni. Der Organisator der Kochgruppe „Hot food Idomeni“ dankt freiwilligen Helfern für ihr Engagement. Sie hatten über Wochen mehrere tausend Menschen bekocht.

Das Foto entstand im Mai 2016 in Palikastro nahe Idomeni. Der Organisator der Kochgruppe „Hot food Idomeni“ dankt freiwilligen Helfern für ihr Engagement. Sie hatten über Wochen mehrere tausend Menschen bekocht.

Max Brugger, 25, Student.

Am Gemeinschaftsraum lässt sich die Toleranz der Helfer ablesen: Privatsphäre? Fehlanzeige. Es hieß unmissverständlich: zusammenrücken.

Lilith ist Arzthelferin. Die 23-Jährige reiste von Brighton nach Idomeni, um ihre Fähigkeiten dort einzusetzen.

Nur mal eben durchsacken: Eine Helferin gönnt sich eine kurze Zigarettenpause.

In einem UNHCR-Zelt spielen Frauen mit Kindern der Geflüchteten. Ein Moment der Unbeschwertheit.

Ein Mädchen umarmt Helferin Lilith. Freiwillige wurden in den Camps zu Vertrauenspersonen der Geflüchteten.

Marc, 28 Jahre alt, ist Lehrer. Der Spanier gab sein Leben in Barcelona auf und verzichtete auf eine Weltreise. Sein Geld floss in die Flüchtlingshilfe.

Lilith ist Arzthelferin. Die 23-Jährige reiste von Brighton nach Idomeni, um ihre Fähigkeiten dort einzusetzen.

Max Brugger, Bild 1 von 9

Das Foto entstand im Mai 2016 in Palikastro nahe Idomeni. Der Organisator der Kochgruppe „Hot food Idomeni“ dankt freiwilligen Helfern für ihr Engagement. Sie hatten über Wochen mehrere tausend Menschen bekocht.

Düsseldorf. Max Brugger traf Marc im Mai vergangenen Jahres in einem der Flüchtlingslager nahe Idomeni. Er hatte gerade seinen Lehrerjob in Barcelona gekündigt und seine Wohnung aufgelöst. Und er hatte seinen großen Traum aufgegeben – eine Weltreise, für die er drei Jahre lang Geld zurückgelegt hatte. Der persönlichen Sehnsucht jedoch kam die Not der Menschen in die Quere, die vor Krieg und Hunger geflüchtet waren. Marc beschloss, sich für sie einzusetzen – und so flossen all seine Ersparnisse in die Flüchtlingshilfe. Der Urlaub würde warten müssen.

Menschen wie Marc traf der 25 Jahre alte Max Brugger viele im nordgriechischen Idomeni. Dieses unbeirrte Für-jemand-anderen-Einstehen hatte er, obwohl selbst seit Jahren politisch aktiv, in dieser Dimension noch nicht erlebt.

Mit diesem Fotomotiv würde es wohl gehen, dachte Brugger, der nach Idomeni fuhr, um zu helfen und um zu fotografieren. Drei Tage lang waren seine Bilder jetzt auf dem Campus der Hochschule Düsseldorf zu sehen. In einem gemieteten UNHCR-Zelt hatte er die Prints seiner Aufnahmen auf Tische genagelt. Die Raumhöhe war nicht gemacht für eine Wandhängung und sollte es auch nicht sein. Die Besucher sollten wenigstens eine Ahnung davon bekommen, wie sich das Minimum an Schutz anfühlt, das den Geflüchteten in Lagern wie denen in Idomeni geboten wird. Dazu spielte Brugger Interviews ab, die er mit den Helfern aus aller Welt geführt hatte. Seine Professorin Mareike Foecking, an der Hochschule Düsseldorf zuständig für den Fachbereich Fotografie, hatte ihm nach seinem ersten Aufenthalt in dem Camp gesagt: Fahr noch mal hin, macht den nächsten Schritt, geh tiefer. Auch deswegen gibt es die Interviews zu den Fotos.

„Meine Mutter hat mir beigebracht, die Begebenheiten kritisch zu analysieren.“
Max Brugger, Student und Helfer

„Ich wollte es vermeiden, die ewig reproduzierten Aufnahmen von kleinen Kindern mit großen dunklen Augen vor Stacheldraht zu machen“, sagt Brugger. Stattdessen zeigt er die Arbeit derjenigen Helfer, die sich wie Marc aus Barcelona auf eigene Faust aufgemacht haben nach Idomeni und die nur diesen einen Alltag kennen. „Das ist der Unterschied zu den Nichtregierungsorganisationen“, sagt Brugger. „Deren Mitglieder arbeiten in Idomeni für die Geflüchteten. Menschen wie Marc leben mit den Geflüchteten.“ Brugger kommt aus einem politischen Elternhaus. „Meine Mutter gehörte der 68er-Bewegung an. Sie hat mir beigebracht, dass ich mich selbst umschauen muss, um die Begebenheiten kritisch zu analysieren.“ Der Sohn ging früh auf Demos und begann zu fotografieren. „Anfangs habe ich einfach drauflosgeknipst, dann wollte ich aber wissen, wie man gute Fotos richtig vorbereitet.“

Nach dem Realschulabschluss hatte er sich in Fotostudios um einen Ausbildungsplatz beworben, jedoch entsprachen seine Aufnahmen von politischen Aktionen nicht den allgemeinen Vorstellungen. Also holte er sein Fachabitur nach und begann Kommunikationsdesign an der Hochschule Düsseldorf zu studieren, mit dem Schwerpunkt Fotografie.

Max Brugger fuhr 2016 zwei Mal zu den Camps in Idomeni und Umgebung. Ende Mai bis Anfang Juni sowie – nach Auflösung der Camps – von Anfang November bis Ende November.

Für seine erste Reise nahm Max Brugger Kontakt mit dem Verein Mosaik auf, der sich für ein vertrauensvolles Miteinander und in der Flüchtlingshilfe einsetzt. 2015 wurde der Verein mit dem Düsseldorfer Friedenspreis ausgezeichnet. wirsindmosaik.de

Das Dorf liegt an der griechisch-mazedonischen Grenze. Dort campierten im vergangenen Jahr bis zu 10 000 Geflüchtete unter menschenunwürdigen Verhältnissen, nachdem ein Weiterreisestopp verhängt worden war. Die Lager wurden ab Ende Mai 2016 geräumt, es dauerte jedoch Monate, bis die Menschen sie verließen.

Brugger ist im sechsten Semester und entwickelt gerade seine eigene Bildsprache. Seine Tutorenarbeit bei Künstlerin und Professorin Mareike Foecking und vor allem seine Erfahrungen in Idomeni sind dabei eine wichtige Unterstützung. „Ich habe in Idomeni gesehen, wie Europa die Geflüchteten im Stich lässt, während einige wenige alles aufgeben, um zu helfen. Mit meiner Fotoarbeit will ich meinen Beitrag dazu leisten, dies zu dokumentieren und um mehr Unterstützung zu bitten.“

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