Eine Sprayergruppe, die anonym bleiben will, hat das Wandbild in Düsseltal erschafffen.

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Das Wandbild in Düsseltal – eine KZ-Darstellung? Der Betrachter entscheidet selbst, sagen die Künstler.

Das Wandbild in Düsseltal – eine KZ-Darstellung? Der Betrachter entscheidet selbst, sagen die Künstler.

Lepke

Das Wandbild in Düsseltal – eine KZ-Darstellung? Der Betrachter entscheidet selbst, sagen die Künstler.

Düsseldorf. Plötzlich war es da. Seit wenigen Wochen prangt auf der Rückseite einer Garagenreihe an der Rethelstraße ein meterlanges Graffiti, das stark an Konzentrationslager erinnert. Über die Urheber des Wandbilds ist zunächst nichts bekannt, nicht einmal ein codierter Hinweis exstiert. Über Umwege gelingt es der WZ, Kontakt zu der verantwortlichen Gruppe, der „Zelle Asphaltkultur“, zu bekommen. Da die Sprayer jeden direkten Kontakt ablehnten, wurde das Interview über einen Vermittler aus der Graffiti-Szene geführt. Er leitete die Fragen an die Künstler weiter. Was stellt das Kunstwerk dar? Ein KZ? Ein Anspielung auf etwas ganz Anderes?
Zelle Asphaltkultur: Dargestellt ist ein Lager von der Art, die im deutschen Sprachraum als KZ bezeichnet wird. Die Gruppe möchte den Empfindungen und Assoziationen des Betrachters keine festgelegte Lesart diktieren. Die ,Anspielung‘ liegt somit zunächst einmal in allem, was der einzelne Betrachter damit verbinden mag. Hat das Wandbild eine konkrete Aussage?
Zelle Asphaltkultur: Wir können dem Betrachter mit unserem Bild nur so viel geben, wie er selbst bereit ist, mitzubringen. Haben Sie keine Sorge, dass man es falsch verstehen könnte?
Zelle Asphaltkultur: Hängt der Betrachter z.B. einer Ideologie X an, mag er darin eine Kritik der Ideologie Y sehen – und umgekehrt. Es kann insofern kein ‘Falsch-‘verstehen geben. Höchstens eine Interpretation, die sich nicht mit der Weltanschauung der Gruppe deckt. Diese mag weniger komplex oder auch komplexer als die Intention der Gruppe selbst sein, ob sie ‘richtig‘ oder ‘falsch‘ ist, beurteilt die Gruppe nicht. Mit anderen Graffitikünstlern gab es schon Diskussionen darüber. Einerseits Kritik an der Weigerung der Gruppe zu einer klaren Aussage im Gut/Böse-Schema, andererseits auch die Unterstellung einer solchen simplen Aussage.

Gegenwart: Gleich gegenüber des Wandbilds wächst die Baustelle des Quartier Central, dort entstehen zahlreiche Wohnungen.

 

Historie: Auf dem Areal befand sich früher der Güterbahnhof Derendorf. Von dort wurden in den Jahren 1941 bis 1944 rund 6000 Juden deportiert.

Was war genau Ihre Intention?
Zelle Asphaltkultur: Die Gruppe kann auf die eigene Intention einen Hinweis geben: Innerhalb der Gruppe trägt das Bild den Namen: „Die Möglichkeit eines Lagers“. Die Wand, an der das Bild entstand, war mit Efeu bedeckt, haben Sie dahinter gearbeitet – zum Beispiel mit Schablonen?
Zelle Asphaltkultur: Über Techniken und Methoden spricht die Gruppe nicht. Sie besteht aus erfahrenen Graffiti-Aktivisten, niemand ohne langjährige Erfahrung könnte vergleichbare Dinge tun.

„Rede nicht über ungelegte Eier, sagte einmal ein weises Huhn.“
Zelle Asphaltkultur über weitere Vorhaben
Gibt es Vorbilder?
Zelle Asphaltkultur: Als Vorbilder, Inspirationen und eventuell Gleichgesinnte betrachtet die Gruppe (in zufälliger Reihenfolge): Gigo Propaganda, Os Gemeos, Harald Naegeli, EXPOSE, Won ABC, Wandmalgruppe Düsseldorf, Leonard Cohen, McKoy & Banos, OZ „Es lebe der Sprühling“, DAF, Entartete Kunst, Wollita, PttRed, und alle Kids, die sich einen Künstlernamen geben und die Stadt mit Sprayfarbe über ihre Existenz und Abenteuerlust informieren. Besondere Erwähnung der Jury: John Heartfield, Leni Riefenstahl & Rupert Murdoch. Warum hat das Werk kein – zumindest für die Graffiti-Szene – erkennbares Kürzel?
Zelle Asphaltkultur: Das ,Kürzel‘, das Sie ansprechen, ist ein Merkmal des so genannten Graffiti-Writing, einer populären Spielart illegaler Kunst. In Writing-Werken geht es um die Verbreitung und stilistische Ausarbeitung eines Eigen- oder Gruppennamens. Bei diesem, wie auch manchen anderen Werken der Gruppe, ist die Kenntnis von Urheberschaft für die erste Wahrnehmung zunächst irrelevant bis kontraproduktiv. Ist das Bild fertig oder sind Sie gestört worden?
Zelle Asphaltkultur: Ja. Nein. Wie sind Sie auf das Thema/die Bedeutung des Güterbahnhofs Derendorf in der Nazizeit aufmerksam geworden?
Zelle Asphaltkultur: Das Bild ist nicht in Bezug auf den konkreten Ort entstanden, vielmehr ist es der Charakter des Bildes, im Einklang mit dem Dargestellten, überall sein zu können. Dennoch begrüssen wir es, wenn die gedankliche Eigenleistung des Betrachters Bezüge (auch örtliche) herstellt, ohne sich darauf verengen zu lassen. Geben Sie Graffiti hier eine neue Rolle?
Zelle Asphaltkultur: Graffiti hat viele Rollen. In unserer Strömung sind wir nicht alleine und auch nicht die ersten. Sind Sie politische Sprayer?
Zelle Asphaltkultur: Illegales Graffiti ist per se eine politische Tat, in unseren Inhalten bearbeiten wir darüber hinaus, wie in diesem Fall, Themengebiete, die (offensichtlich) unter anderem eine politische Dimension bergen. Welche Vorhaben planen Sie noch?
Zelle Asphaltkultur: Rede nicht über ungelegte Eier, sagte einmal ein weises Huhn. Was haben Sie bisher in Düsseldorf an Kunstwerken erstellt?
Zelle Asphaltkultur: Eine überschaubare Anzahl von Wandbildern. Es bleibt dem Betrachter überlassen, diese zu entdecken und spekulativ zuzuordnen. Wie haben Sie als Künstler angefangen?
Zelle Asphaltkultur: Mit Graffiti-Writing im New Yorker Stil.

© WhatsBroadcast

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