Marion Ackermann, die Chefin der Kunstsammlung, bindet 300.000 Besucher im Jahr an ihr Haus. Im exklusiven WZ-Interview erzählt sie, wie ihr das gelingt.

Marion Ackermann lockt mit dem Netzwerk von Tomás Saraceno, das sie sogar angekauft hat, die jüngere Generation unter die Kuppel der K 21. Es ist seit 18 Monaten der Publikumsrenner.
Marion Ackermann lockt mit dem Netzwerk von Tomás Saraceno, das sie sogar angekauft hat, die jüngere Generation unter die Kuppel der K 21. Es ist seit 18 Monaten der Publikumsrenner.

Marion Ackermann lockt mit dem Netzwerk von Tomás Saraceno, das sie sogar angekauft hat, die jüngere Generation unter die Kuppel der K 21. Es ist seit 18 Monaten der Publikumsrenner.

Sergej Lepke

Marion Ackermann lockt mit dem Netzwerk von Tomás Saraceno, das sie sogar angekauft hat, die jüngere Generation unter die Kuppel der K 21. Es ist seit 18 Monaten der Publikumsrenner.

Düsseldorf. Die Chefin der Kunstsammlung, Marion Ackermann, erzählt im Interview mit der WZ, wie sie 300.000 Besucher im Jahr an ihr Haus bindet. 

WZ: Frau Ackermann, Ihr Vertrag als Leiterin der Kunstsammlung NRW wurde soeben vom Land vorzeitig um sieben Jahre verlängert. Als sie anfingen, hatte die Kunstsammlung 230 000 Besucher im Jahr, jetzt sind es 300 000. Haben Sie die Arbeit von Tomás Saraceno für die Kuppel in K21 angekauft, um das junge Publikum zu gewinnen?

Marion Ackermann: Ein ganz bestimmter Bereich der Gegenwartskunst arbeitet mit einer Ansprache an die Sinne der Menschen. Saracenos Werk hat einen starken Erlebniswert.

Die Leute steigen zum Trimmen auf die Kuppel. Dieser Bewegungsdrang ist interessant. Aber kommt dabei etwas für die Kunst heraus? Die übrigen Räume sind leer. . .

Ackermann: In die Kuppel steigen die jüngere bis mittlere Generation. Aber ich habe das Werk nicht aus strategischen Gründen angeschafft. Wir haben Tomás Saraceno eingeladen, sich mit der Kuppel auseinanderzusetzen. Für mich sind Arbeiten, die vor Ort entstehen, sehr wichtig geworden. Das Museum stellt nicht einfach Kunstwerke aus, sondern es ermöglicht es, Kunstwerke entstehen zu lassen. Zum Spinnennetz gehört aber auch der Spinnenraum. Dort bekommen die Besucher ein tieferes Verständnis für den formalen und sozialen Aspekt eines Spinnennetzes.

Das Netz von Tomás Saraceno ist seit 18 Monaten Publikumsrenner. Es bleibt noch ein weiteres Jahr hängen. In K 21 läuft die Schau von Annette Messager bis 22. März. 

Am 7. Februar wird die Retrospektive Günter Uecker im K 20 eröffnet. Ab 13. Juni ist die Malerei von Joan Miró zu sehen. www.kunstsammlung.de

Wie gehen Sie vor, um ein volles Haus zu haben?

Ackermann: Man muss die Aufmerksamkeit durch Termine und Anlässe lenken, darf sich Veranstaltungen nicht als Marketing-Idee überlegen. Anfangs habe ich intuitiv gehandelt, als ich zur Vorbereitung der Beuys-Ausstellung das Publikum in die eigene Aneignung des Themas einbezogen habe. Wir haben gemeinsam im Schmela-Haus Vorträge angehört. Die Einbeziehung des Publikums geht auf eine Prägung in meinem Germanistik-Studium in Wien zurück.

Sie hatten Ihr Aha-Erlebnis unter Claus Peymann?

Ackermann: Ich war 1986, 1987 wegen Peymann in Wien, der damals als Chef ans Burgtheater kam. Ich bin immer dorthin „gepilgert“. Peymann hat als erstes die Stehplätze eingeführt, vorher kamen die Menschen nur im Pelzmantel an. Und er hat das Publikum eingeladen, mit seinen Schauspielern zu sprechen. Er stellte ein paar Flaschen Wein und ein paar Plastikbecher hin. Ich habe diese Diskussionen geliebt. So mache ich es hier auch. K 20 und K 21 sind als Gebäude sehr hermetisch. Ich brauchte das Schmela-Haus mit dem Fenster zur Straße. Dann kam der Bargedanke und ich habe zum Freigetränk eingeladen. Das Publikum mitzunehmen und ernst zu nehmen, das ist eine der Methoden, die ich in den vergangenen fünf Jahren konsequent durchziehe.

Aus welchen Gründen geht man denn in eine Ausstellung oder gar in einen Vortrag?

Ackermann: Man muss um Erfahrungen reicher werden. Wir haben ein intensives Bildungsprogramm. Von 300 000 Besuchern kommen 80 000 zum Bildungsprogramm. Wir haben auf Partizipation angelegte Angebote. Früher gab es sonntags ein akademisches Programm. Da kam kaum jemand, weil der Sonntag normalerweise der Familie gehört. Wenn wir einen Thementag anbieten wie etwa zur Ausstellung Wolfgang Tilmans, kommen die Kinder mit. Aber wir sorgen auch für eine schöne Atmosphäre und bleiben mit den Gruppen in Kontakt. Das Düsseldorfer Publikum ist sehr emotional.

Die Düsseldorfer kommen lieber zur Kunst als ins Theater?

Ackermann: Die Bildende Kunst hat es im Vergleich zum Theater ganz gut, denn in allen Kulturen ist man ständig mit Bildern konfrontiert. Die Menschen suchen aber nicht nur Programm und Handlung, sondern auch Entschleunigung. Deswegen bieten wir 2015 auch die abstrakte Kunst der Agnes Martin an. Wir betonen aber stärker als früher das Interdisziplinäre. Zu den KPMG-Abenden, die gratis sind, haben wir auch Tanz oder Musik. Wir versuchen, die verschiedenen Sinne und die verschiedenen Künste anzusprechen.

Wie hilft Ihnen der Freundeskreis?

Ackermann: Das Wir-Gefühl ist enorm gewachsen. Die Gesellschaft der Freunde hat jetzt 900 Mitglieder, deren Beitrag ausschließlich für Ankäufe gedacht ist. Viele Freundeskreise benutzen ja ihre Beiträge aus der Not heraus, um Stellen zu bezahlen. Bei uns geht das Geld, rund eine halbe Million im Jahr, in die Ankäufe. Wir wollen den Kreis der unter 40-Jährigen innerhalb des Freundeskreises stärker ausbauen. Sie zahlen den halben Beitrag. Davon könnte auch junge und jüngere Kunst angekauft werden.

Planen Sie Änderungen in den Öffnungszeiten für die arbeitende Bevölkerung?

Ackermann: Wir haben keine gute Erfahrung mit einer Abend-Öffnung. Möglicherweise liegt das an der Altstadt. Die Museumsgänger wollen individuellere Angebote.

Oft steht ein Besucher vor moderner Kunst wie ein Ochs vorm Berg. Hapert es mit den Erklärungen?

Ackermann: Wir haben vor jedem Künstlerraum eine Postkarte zum Mitnehmen.

Warum darf ein Wärter keine Erklärungen geben?

Ackermann: Genau das das nehmen wir uns jetzt vor. Bisher war es Standard in deutschen Museen, dass die Aufsichten nichts sagen dürfen. Aber das finde ich nicht mehr zeitgemäß. Sie sind die Botschafter der Kunst und der Kunstsammlung. Sie sollen noch intensiver als bisher einbezogen werden und alles über die Kunst und die Künstler erfahren. Nur so können sie direkt die Fragen des Publikums beantworten.

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