In fantastischen Objekten, surrealen Räumen und meditativen Bildern zeigt die Jugend vom Eiskellerberg, wie sie sich die Zukunft der Kunst vorstellt.

Rebekka Benzenbergs Strumpfhosen in der Klasse Hörnschemeyer.
Rebekka Benzenbergs Strumpfhosen in der Klasse Hörnschemeyer.

Rebekka Benzenbergs Strumpfhosen in der Klasse Hörnschemeyer.

Alexander Föllenz zeigt sein Alter Ego in riesigen Stehauf-Männchen in der Gursky-Klasse.

Rebekka Benzenbergs Strumpfhosen in der Klasse Hörnschemeyer.

Ji Hyung Song bietet Arbeiten von Kommilitonen zum Tausch.

In der Gemeinschafts-Schau der Klasse Franka Hörnschenmeyer wird eine Besucherin vom Zelt eingehüllt.

Melanie Zanin, Bild 1 von 5

Rebekka Benzenbergs Strumpfhosen in der Klasse Hörnschemeyer.

Düsseldorf. Alexander Föllenz bereitete wochenlang seinen Abschluss in der Gursky-Klasse an der Kunstakademie Düsseldorf vor. Wo normalerweise eher die Flachware der Fotografie die Szene bestimmt, tackerte er Planen und klebte Stoffe, um den Unterbau zweier monströser Stehaufmännchen aus Bauschaum zu erzeugen. Gleichzeitig fotografierte er seinen Kopf, scannte ihn ein und vergrößerte ihn digital. Nun beherrschen zwei heldische Riesen mit wippendem Bauch den Raum, denn Föllenz gab ihnen auch noch runde Gefäße als Unterteile, die die Besucher anstoßen können. Das Ergebnis ist eine Hymne auf das Alter Ego. Am Dienstag machte er sein Diplom. Mittwoch gibt er zum Auftakt des Rundgangs seine Kunst der Öffentlichkeit preis. Der Run auf die junge Kunst kann beginnen.

Rund 45 000 Neugierige werden bis Sonntag erwartet

Die Kunstakademie Düsseldorf ist begehrt, trotz all der Querelen in der Vergangenheit, als Rektorin Rita McBride ihren Kopf durchsetzen wollte. Unter dem neuen Dekan Marcel Odenbach wird Einheit geschworen und auf wichtige Berufungen gehofft. Die Studenten aber lernen an diesem Haus, das zu tun, was sie notgedrungen ein Leben lang tun müssen: selbst Ideen zu finden und sich Hilfe in großartigen Werkstätten zu holen. So zeigen über 700 Studenten (die Zahl wächst stetig) neben viel Biederkeit auch bravouröse Kunst. In manchen Klassen wurde wie besessen gearbeitet, denn jeder Jung-Künstler weiß, dass von Mittwoch bis Sonntag rund 45 000 neugierige Menschen ins Haus kommen. Eine einmalige Chance, entdeckt zu werden.

In der Klasse des neu berufenen Künstlerstars Gregor Schneider konnte man in den letzten Wochen lauter selbst ernannte Putzkolonnen beobachten. Die Studenten hatten Wandfarbe und Lacke aus der eigenen Tasche besorgt und die Flure vor ihren Räumen (3 bis 5) in neues Weiß getaucht, als wollten sie tabula rasa machen. Die Lampen sind heller, der Boden ist abgezogen. Klinisch rein soll es sein, damit sich die Kunst besser abhebt.

Putzteufel und Schenkende in der Klasse von Gregor Schneider

Das ist nicht alles, denn im Eingangsbereich sorgt Ji Hyung Song für einen bislang unbekannten Altruismus. Sie sammelte Arbeiten von Kollegen, die sie geschenkt bekam und die die Besucher ab Mittwochmittag gegen ihre Objekte eintauschen können. Geld ist jedoch verpönt. Die Kunstgänger sollen eine ganz persönliche Entscheidung treffen, was für sie wertvoll ist.

Gregor Schneider war so gerührt von dieser Idee, dass er selbst eine Arbeit beisteuerte und nun gespannt ist, wie die Gegengabe ausschaut. Im Gespräch sagt er: „Da scheint eine neue Generation heranzuwachsen. Seit den Jahren, in denen erfolgreiche Kunst für Geld und Dekadenz steht, interessieren sich Studierende für andere Haltungen in der Kunst. Der renovierte Flur, der so harmlos daherkommt, wird zu einer großen Geste.“

Bei Franka Hörnschemeyer fällt den Gästen ein Zelt auf den Kopf

Wo Die Kunstakademie Düsseldorf liegt an der Eiskellerstraße 1. Am besten ist sie mit den Straßenbahnen der Linie 74, 75, 76 und 77 zu erreichen. Wer also aus Neuss oder Krefeld kommt, ist gut beraten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, denn Parkplätze gibt es nur am Ratinger Tor und am Grabbeplatz.

Wann Der Rundgang ist bis zum Sonntag jeweils von 10 bis 20 Uhr geöffnet, bei freiem Eintritt. Sinnvoll ist es, wochentags zu kommen. Vor allem am Sonntag gibt es regelmäßig Besucherschlangen.

Tipp Wenig Gepäck mitbringen, das ist im Gewühl nur hinderlich.

 

Helga Meister bietet Führungen mit der Volkshochschule am Samstag und Sonntag jeweils ab 10.15 Uhr an. Treffpunkt ist im Foyer. Die Führungen über den Kunstverein sind schon belegt.

Es gibt 39 Professoren, unter ihnen Maler, Bildhauer, Bühnenbildner und Performance-Künstler. Sie sind für 646 Haupthörer und 76 Gasthörer zuständig. Unter ihnen befinden sich auch Architekten, deren Eleven ihre Projekte vorstellen.

Im Eingang hat Nina Buchheim eine übergroße Litfaßsäule aufgestellt. So erfährt man, was es außer dem Rundgang an Festen, Performances und sonstigen Ereignissen noch gibt. Hinter der Eingangstür liegen Zettel, in denen die Räume der verschiedenen Klassen beziffert sind.

Schriften Im Eingang verkaufen Studenten Broschüren mit vielen Abbildungen zu den aktuellen Arbeiten, jeweils zum Selbstkostenpreis. Also zugreifen, damit die Studenten nicht auf ihren Druck-Erzeugnissen sitzenbleiben.

Namensliste Neuerdings ist es üblich, dass an allen Türen oder hinter den Türen die Namen, Handynummern und E-Mail-Adressen der Studenten hängen. Wer also mehr über einen Künstler wissen will, braucht ihn nur anzurufen.

 

Dort stellt sich die Klasse des neuen Professors für Entwurf, Typographie und Buchkunst, John Morgan, mit einer taufrischen Publikation vor. Morgans Studio liegt in London. Der Professor gilt als einer der führenden Designer in England. Es ist bekannt für seine enge Zusammenarbeit mit Künstlern.

 

Neue Impulse gibt es in der Klasse der Installationskünstlerin Franka Hörnschemeyer, die sogar kurz nach ihrem Eintritt in die Kunstakademie zur Prodekanin gewählt wurde. Ihren Raum 8 findet der Besucher nur, wenn er im Vorbau erfolgreich nach dem Eingang tastet. Am besten gehe er gleich auf die Empore und klettere in einen veritablen Dachboden mit Luken. Dort hängt ein Seil, das über eine Kurbel ein riesiges Zelt im Hauptraum hebt und senkt. Manchmal wird es bedrohlich dunkel, dann wieder ist es strahlend hell im Raum. Auf dem Boden liegen tonnenschwere Smilies, deren Formen aus den sozialen Medien stammen und in Beton gegossen sind. Wer will, kann auch im Hauptraum auf eine Leiter klettern und durch Gucklöcher auf die Kuppel der Tonhalle schauen. Eine körperliche Mitmachaktion ist dies.

Köstlich ist in einem weiteren Raum ihrer Klasse eine Arbeit von Rebekka Benzenberg, die eine Raumecke bis unter die Decke mit gespreizten Strumpfhosen bestückt. Perfekt ist das Ganze, zugleich weiblich und frech.

Das rotierende Pentagon in der Klasse von Katharina Fritsch

Politik spielt in der Kunstakademie kaum eine Rolle. Sie ist seit den Tagen von Joseph Beuys sowieso nur eine Randerscheinung. Es gehört schon viel Fantasie dazu, um im kleinen Video des Duos Sophia Magdalena Koegl und Robert Dziabel in der Klasse von Peter Doig neben der ausgestreckten Eva auf dem Bett einen leicht verwischten Winzling in der Ecke zu entdecken, der sich als der neue Herrscher Amerikas entpuppt.

Majestätischer erscheint das Pentagon von Hakan Eren, das sich als Grundriss wie ein Karussell dreht und von vier weißen Rittern aus den Kreuzzügen umgeben ist. In der Fritsch-Klasse lässt auch Sven Raick graue Kunststoff-Vögel aus einer Art Käfig fallen. Der Student versucht, sie mit seinem eigenen Blut lebendig zu machen. Ein absurdes Spiel. Er meint, in der Kunst laufe man auch hinter etwas her, ohne zu wissen, warum man es macht.

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