„Zinnoberrot und Schweinfurter Grün“ über die Revolution1848.

Düsseldorf. Der Verein soll dazu dienen, Interessen der Kunst und Künstler zu besprechen und sie zu fördern, aber auch die gesellige Unterhaltung soll nicht zu kurz kommen. Ein Name ist schnell gefunden: Malkasten. Weil dort alle Farben friedlich beieinander sind. Im Revolutionsjahr 1848 ringt nicht nur eine ganze Nation um Demokratie und Einheit, sondern auch die Düsseldorfer Maler ersehnen Zusammenhalt.

Seit 1826 ist Wilhelm von Schadow Direktor der Kunstakademie und als solcher nicht unumstritten. Zu absolut verlangt er die Hinwendung zur klassisch nazarenischen Kunst, und überdies fühlen sich die rheinischen Schüler gegenüber denen aus Preußen benachteiligt. Vor diesem Hintergrund - zwischen Frühjahr 1847 und Herbst 1849 - spielt der Roman "Zinnoberrot und Schweinfurter Grün" von Wolfgang Hütt.

Die farbintensiven Pigmente symbolisieren die gegnerischen Parteien: Rot steht für die Rebellen unter den Malern, die sich mit den Arbeitern solidarisch erklären, Grün für die konservativen "Madonnenmaler" in Schadows Dunstkreis. Das Buch, in dessen Zentrum der Tischlermeister Hannes und seine Frau Agnes, die Tochter eines Ölmüllers, stehen, profitiert von Hütts profunden Kenntnissen der Düsseldorfer Malerschule.

Fiktive Figuren und historisch verbürgte Zeitzeugen

1964 veröffentlichte der Doktor der Kunstgeschichte und einstige Museumsleiter eine Monographie darüber, die bis heute ein Standardwerk ist. Hannes und Agnes sind fiktive Figuren, aber andere Protagonisten wie die Maler Johann Peter Hasenclever (1810-1853), Andreas Achenbach (1815-1910) und Alfred Rethel (1816-1859), der Lyriker Ferdinand Freiligrath (1810-1876), der Bankier Wilhelm Ludwig Deichmann (1798-1876) oder der Arzt, Lyriker und Kunstkritiker Wolfgang Müller (1816-1873) sind historisch verbürgt. Ihnen, quasi auf Augenhöhe, zu begegnen, hat einen besonderen Reiz.

Hütt beschreibt Barrikadenkämpfe und Bürgerversammlungen, Abendgesellschaften und Feste, Diskussionen um Kunst und um Politik. Zu Anfang gewöhnungsbedürftig ist der altertümliche Sprachduktus der Protagonisten. Sätze wie "Man fragte sich in der Nachbarschaft, ob ich ein Duckmäuser sei oder ein hochmütiger Geck" hemmen den Lesefluss. Dafür entschädigen die eingebetteten Gemälde-Beschreibungen.

Sie wirken umso lebendiger, weil sie Bekanntes in den aktivischen Kontext ihrer Entstehungszeit stellen. Etwa, wenn Hannes Hasenclevers Atelier besucht und dort dessen Werk "Arbeiter vor dem Stadtrat im Jahre 1848" auf einer Staffelei entdeckt: "Den Ratsherren hatte der Maler eine Bewegungsrichtung gegeben, die das zwar empörte, aber auch ängstliches Zurückprallen ausdrückte. Die Gruppe der Arbeiter zeigte sich durch das Auftreten ihres Anführers bestimmt."

Tatsächlich nimmt das Bild, dessen zweite Fassung heute im museum kunst palast hängt, in Hasenclevers Werk eine Schlüsselstellung ein: Im Stil der Historienmaler thematisiert er ein aktuelles Ereignis und bezieht dabei, anders als die Schadow-Clique, politisch eindeutig Stellung. Wolfgang Hütt: "Zinnoberrot und Schweinfurter Grün". Projekte-Verlag Cornelius, 456 Seiten, 24,80Euro.

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