Choreograph Jérôme Bel bringt mit „The show must go on“ Amateure aus der Stadt auf die Bühne.

Tanz
Düsseldorfer Amateure stehen in „The show must go on“ von Jérôme Bel im Tanzhaus auf der Bühne.

Düsseldorfer Amateure stehen in „The show must go on“ von Jérôme Bel im Tanzhaus auf der Bühne.

Dina ed Dik koordiniert in Düsseldorf das Stück im Tanzhaus.

Tanzhaus NRW, Bild 1 von 2

Düsseldorfer Amateure stehen in „The show must go on“ von Jérôme Bel im Tanzhaus auf der Bühne.

Düsseldorf. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe steht auf der Bühne, in Alltagsklamotten, ungestylt. Einzig sichtbares Accessoire bei allen ist ein mobiles Abspielgerät samt Kopfhörern. Plötzlich beginnt der Erste die gleichnamige Refrainzeile des Elton-John-Hits „I’m still standing“ zu schmettern. Immer wieder. Nach und nach stimmen die anderen mit ein, jeder trällert etwas anderes. So kollidiert „I kissed a Girl“ mit „We are the World“, Schlager-Kitsch mit Punk.

Ein heilloses Chaos aus Songfetzen entsteht – und macht beim Zuschauen und -hören irrsinnigen Spaß. „The show must go on“ des französischen Choreographen Jérôme Bel, der in seinen Arbeiten gerne mit Konventionen der Theater- und Tanzkunst bricht, gilt als Meisterwerk der jüngeren Tanzgeschichte.

Das Konzept ist so simpel wie genial: Die Performer auf der Bühne empfinden 20 Popsongs, Standard-Repertoire eines jeden Format-Radios, einige auch der Kategorie Fremdschämen zuzuordnen, mit eigenen Bewegungen nach. Hits von den Beatles, George Michael oder Celine Dion, Zeilen wie „Killing me softly“ werden wörtlich genommen und umgesetzt.

Mal laut und anarchistisch, mal reduziert und gefühlvoll. „Das Stück lebt nicht von Perfektion und Virtuosität“, stellt Tänzerin Dina ed Dik klar. Die Düsseldorferin tanzte bei der Uraufführung im Pariser Theatre de la Ville vor 13 Jahren mit und ist mit der zum Kult avancierten Performance schon um die Welt gereist, inzwischen als Assistentin und Repetitor nicht mehr auf, sondern vor der Bühne. „Jetzt in der Stadt zu gastieren, in der ich lebe, ist natürlich sehr spannend. Auch deshalb, weil es nie so eine breite Altersspanne gab wie bei der Düsseldorfer Version.“

Zudem stehen erstmals ausschließlich reine Amateure auf der Bühne, bei früheren Fassungen bestand der Cast ganz oder teilweise auch aus Profitänzern. Der Älteste, Hans Eversmann, ist stolze 91 Jahre alt. „Im Tango-Kurs hier im Tanzhaus wurde ich gefragt, ob ich mitmachen will. Ich habe sofort aus Neugier zugesagt, ohne zu wissen, was auf mich zukommt.“

Vier Wochen liegen zwischen Probenbeginn und der Premiere

Samstag & Sonntag, 27. & 28. September, jeweils um 18 Uhr sowie Montag, 29. September, 10 Uhr. Eintritt 8,80 Euro (ermäßigt 7,15 Euro). Infos unter Tel. 172700, Samstag gibt es anschließend eine Disco, Sonntag um 16.30 Uhr als Warm-up „Physical Introduction“, bei der Besucher mit und ohne Tanzerfahrung lernen können, ausgewählte Songs aus dem Stück nachzutanzen.

Dina ed Dik absolvierte ihre Tanzausbildung an der Fontys Dansacademie in Tilburg (NL). Sie arbeitete mit Choreographen wie Michael Laub und Hans Tuerlings zusammen und gehört seit Ende 1999 dem Ensemble und Team von Jérôme Bel an. 2013 war sie am Düsseldorfer Schauspielhaus als Trainingsleiterin für die Produktion „Ente, Tod und Tulpe“ unter der Leitung von Franziska Henschel engagiert.

Der Franzose Jérôme Bel gilt als Vertreter des Konzepttanzes, der Funktionsweisen der Bühnenkunst selbst zum Thema seiner Stücke macht. 2005 wurde er für „The show must go on“ mit dem renommierten „Bessie Award“ geehrt.

Die erste Probe sei hart gewesen, mittlerweile fühlt sich der Rentner aber pudelwohl. „Das hier ist ein großer Zugewinn für mich.“ Das sieht die 11-jährige Anna Simon genauso. „Wir sind so unterschiedlich, verstehen uns untereinander aber trotzdem sehr gut.“ Anys Reimann (49) steht zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn Linus auf der Bühne und schwärmt: „Allein mit dem Körper etwas auszudrücken, der Text eines Liedes zu sein, finde ich sensationell.“

Vier Wochen liegen zwischen Probenbeginn und der  Premiere am Samstag. Bei der Auswahl der Performer gab es kein richtiges Casting. „Es gab zwar einen Aufruf, und die, die sich gemeldet haben, wurden in der Regel auch genommen. Wir haben aber auch gezielt Leute angesprochen, damit ein möglichst breites Spektrum an Menschen zusammenkommt, die die gesamte Düsseldorfer Bevölkerung widerspiegeln“, erklärt Dina ed Dik. „Wir wollten eben nur einen Herren um die 60 mit Schnäuzer dabei haben, nicht drei.“

Das große Plus von „The show must go on“ ist dann auch die Authentizität und Unbekümmertheit, mit der die 20 Performer auf der Bühne agieren und mit der sie es schaffen, den Spaß am Spiel mühelos auf das Publikum zu übertragen.

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