Literatur: Zwei Düsseldorfer fahndeten nach Spuren von B. Traven – und wurden fündig.

Travens Roman „Das Totenschiff“ wurde 1959 von Georg Tressler verfilmt. Die Hauptrolle spielte Horst Buchholz (rechts).
Travens Roman „Das Totenschiff“ wurde 1959 von Georg Tressler verfilmt. Die Hauptrolle spielte Horst Buchholz (rechts).

Travens Roman „Das Totenschiff“ wurde 1959 von Georg Tressler verfilmt. Die Hauptrolle spielte Horst Buchholz (rechts).

Michael Matzigkeit vom Theatermuseum recherchierte im In- und Ausland.

Christoph Hauschild vom Heine-Institut forschte auf dem Spuren Travens.

dpa, Bild 1 von 3

Travens Roman „Das Totenschiff“ wurde 1959 von Georg Tressler verfilmt. Die Hauptrolle spielte Horst Buchholz (rechts).

Düsseldorf. Er war eine der großen Schriftsteller-Gestalten des letzten Jahrhunderts. Seine Romane verkauften sich millionenfach in 24 Sprachen. Gleichzeitig war er der große Unbekannte: Niemand wusste, wer sich hinter dem Namen B. Traven (1882-1969) verbarg, jenes Schriftstellers, der Romane wie „Das Totenschiff“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“ geschrieben hatte. Mit Hilfe zweier Forscher aus Düsseldorf ist dieses Geheimnis wohl endgültig gelüftet. „Wir haben vielleicht keine Sensation zu bieten, jedoch saubere Recherche“, sagt Michael Matzigkeit, Leiter der Sammlungen des Theatermuseums, bescheiden. Gemeinsam mit Jan-Christoph Hauschild, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heine-Institut, untersuchte er das Leben und Wirken des Autors.

„Die Biographie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig.“

B. Traven, Autor

Dabei ist schon die Aufarbeitung der frühen Biographie Travens so spannend wie seine Romane selbst. Als 1926 das Totenschiff erschien, stürzte sich die Literatur-Szene auf den neuen Autor, wollte wissen, wer da Manuskripte aus Mexiko schickte. Traven blockte ab: „Die Biographie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig.“ Aus dem Versteckspiel um seine Person machte er eine Kunst, setzte Pseudonyme (Maurhut, Torsvan, Croves) ein, schürte Legenden.

Dennoch war schnell klar: Traven war identisch mit dem deutschen Revolutionär Ret Marut, der unter anderem als Pressezensor bei der Münchner Räterepublik (1919) tätig gewesen war und der noch während des Ersten Weltkriegs eine anarchistische Zeitschrift („Der Ziegelbrenner“) herausgegeben hatte. Hier ging das Problem weiter: Wer war dieser Marut? Hinter dem Namen verbarg sich nämlich ein weiteres Pseudonym. Das bis in die 70er Jahre nicht zu knacken war.

Ende der 70er Jahre stieß der britische Fernseh-Journalist Will Wyatt auf eine Spur, die andere längst für kalt erklärt hatten: Marut war 1923 in England aufgegriffen worden bei dem Versuch, Europa zu verlassen. Weil er die notwendigen Papiere nicht besaß, landete er im Gefängnis Brixton. Im Verhör gab er an, Otto Feige zu heißen und aus Schwiebus im heutigen Polen zu stammen. Dieses einzige Mal hatte er zwar seine Identität preisgegeben, die Wahrheit gesagt. Nachforschungen der Behörden hatten aber trotzdem zu keinem Ergebnis geführt, weil Familie Feige aus Angst vor Unannehmlichkeiten geleugnet hatte, den Mann zu kennen. Wyatt gelang es, zwei lebende Geschwister Otto Feiges aufzuspüren. Der Literaturbetrieb ignorierte die Recherche.

Autor spielte drei Jahre lang am Düsseldorfer Schauspielhaus

Nicht so Hauschild und Matzigkeit: Sie machten sich auf die Suche. Unter anderem hatte der berühmte Autor in Düsseldorf Spuren hinterlassen: Als Ret Marut war er drei Jahre am Schauspielhaus tätig, spielte allerdings kleinere Rollen. Er begann, Rezensionen und Geschichten zu schreiben, holte sich das Rüstzeug für seine spätere Tätigkeit als Romancier. Während Michael Matzigkeit den Spuren Travens/Maruts am Schauspielhaus Düsseldorf (hier absolvierte Marut über 1000 Auftritte) und im Stadttheater Danzig folgte, ermittelte sein Kollege Hauschild in Archiven des In- und Auslands, fand erst im vergangenen Jahr im Bundesarchiv in Berlin eine verloren geglaubte Detektivgeschichte. „Er hat Spuren en masse hinterlassen“, sagt Matzigkeit.

Unter dem Titel „Ich bin nichts als ein Ergebnis der Zeit. B. Traven – die unbekannten Jahre“ wird am Sonntag eine Ausstellung im Heine-Institut, Bilker Straße 12-14, eröffnet. Sie dauert bis zum 29. April. Neben Heine-Institut und Theatermuseum hat sich auch das Filmmuseum an der Schau beteiligt.

Der international aktuelle Forschungsstand zu Traven wird am 15. und 16. März im Theatermuseum, Jägerhofstraße 1, vorgestellt. Am 14. März findet eine B.-Traven-Fernsehnacht im Heine-Institut statt.

Geburt Otto Feige wurde am 23. Februar 1882 in Schwiebus geboren, wo er die „Höhere Knabenschule“ besucht und 1896/97 eine Lehre als Maschinenschlosser absolviert. Er bleibt auch dort, als seine Eltern und Geschwister nach Wallensen (Niedersachsen) umziehen.

Militär Von 1902 bis 1904 absolviert er den Militärdienst in Bückeburg, am Ende dieser Zeit wohnt er noch mal kurz bei seiner Familie. Gewerkschaft An verschiedenen Stellen in Deutschland ist er als Gewerkschaftsfunktionär tätig, unter anderem leitete er ab Sommer 1906 die Geschäftsstelle Gelsenkirchen des Deutschen Metallarbeiterverbandes.

Schauspieler Am 9. Oktober 1907 meldet Feige sich in Gelsenkirchen ab, um „auf Reisen“ zu gehen. Seine bürgerliche Existenz ist hier zu Ende. Er wird der Regisseur und Schauspieler Ret Marut. Von 1912 bis 1915 ist er am Schauspielhaus Düsseldorf tätig.

Revolution Zwischen 1917 und 1921 erscheint die anarchistische Zeitschrift der Ziegelbrenner, die letzten Ausgaben kommen in Köln und Berlin heraus. Zwischenzeitlich ist Marut Pressezensor und Mitglied der Räteregierung in München.

Schriftsteller 1924 verlässt Marut auf einem Schiff London. Damit verschwindet der Name Marut ebenfalls für immer. Ab 1925 schreibt er unter dem B. Traven Geschichten und Romane, die in der SPD-Zeitung „Vorwärts“ veröffentlicht werden. Abgeschickt werden diese von zwei Postfächern in Mexiko aus.

Hauptwerk Zwischen 1931 und 1940 erscheint das Hauptwerk, der Caoba-Zyklus in sechs Bänden.

Auftritt B. Traven tritt während der Dreharbeiten zu dem Film „Der Schatz der Sierra Madre“ als sein eigene Bevollmächtigter auf. Er nennt sich Hal Croves. In dieser Identität erscheint er auch in Deutschland bei der Premiere des Films „Das Totenschiff“

Tod 1969 stirbt B. Traven in Mexiko City. Wenige Tage später erklärt seine Witwe offiziell, dass er identisch war mit dem deutschen Revolutionär Ret Marut.

Damit allerdings war die Identität Travens immer noch nicht geklärt. Hatte er auch als Otto Feige Spuren hinterlassen? Die Forscher wurden erneut fündig: Feige war nach seiner Militärzeit als Gewerkschaftler in Gelsenkirchen aktiv. 1907 meldete er sich bei den Behörden in Gelsenkirchen ab – um Ret Marut zu werden. 1924 verließ Marut London, um in Mexiko als B. Traven Weltkarriere zu machen. 1969 starb er in Mexiko City.

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