Im Schauspielhaus gelingt Regisseur Rottkamp die Reanimation eines Botho-Strauß-Stücks.

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Im Schauspielhaus rieseln in „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ Flocken auf das mumifizierte Bürgertum.

Im Schauspielhaus rieseln in „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ Flocken auf das mumifizierte Bürgertum.

Sebastian Hoppe

Im Schauspielhaus rieseln in „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ Flocken auf das mumifizierte Bürgertum.

Düsseldorf. Das Weihnachtsstück scheint nach Jahren theatraler Abstinenz wieder in Mode zu kommen. Gerade wurde in Bonn Sibylle Bergs „Lasst euch überraschen!“ uraufgeführt. Nun reanimiert der Düsseldorfer Oberspielleiter Stephan Rottkamp im Kleinen Haus Botho Strauß’ „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“.

Die 1975 uraufgeführte Komödie spielt am ersten Weihnachtsfeiertag und führt die sieben Dauerbewohner eines Hotels in Königswinter vor, die in Düsseldorf zu einem mumifizierten Bürgertum mit Altersmasken unter grauen Perückenwischmops erstarrt sind.

Während aus dem Schnürboden die Flocken rieseln, hockt man ungerührt in kleinen Sesseln vor drei Flügeltüren (Bühne: Robert Schweer) und plaudert. In der Ecke kümmert ein abgenadelter Weihnachtsbaum vor sich hin. Es ist die erstarrte Utopie von Gemeinschaft aus der 68er-Zeit.

Regisseur Stephan Rottkamp schafft den Sprung in die Gegenwart

Der bei einem Unfall verletzte Karl (Hans-Jochen Wagner) im weißen Overall hockt feist-grienend im Rollstuhl, kann aber auch laufen. Er legt sich Margot (Pauline Knof, bei der inklusive Lippen alles auf Hochglanz poliert ist) übers Knie und erzählt etwas frei das Märchen vom Goldesel, der am Reichtum erstickt: Prüdes Erotikspiel und Sinnbild für die alte BRD zugleich.

Margots Mann Dieter (Urs Peter Halter), der im Innenministerium arbeitet, versteckt sich Peter-Struck-artig hinter seiner Pfeife. Die feiste Hedda mit Lockenkopf (Christiane Rossbach) stopft Chips in sich hinein und nimmt schnarrend die anderen Frauen unter Friendly Fire. Die Figuren haben keine Geschichte oder Psychologie; man redet aneinander vorbei mit Floskeln, die genauso verschlissen sind wie die 70er-Jahre-Kostüme von Justine Klimczyk.

In den 70er Jahren arbeitete der heute 66-Jährige als Dramaturg an der Berliner Schaubühne. Danach machte er sich mit Stücken wie "Trilogie des Wiedersehens" einen Namen als Dramatiker. In den 90er Jahren vollzog er eine Wende zum Kulturkonservatismus.

1 ¾ Stunden, keine Pause, Schauspielhaus, 21., 29.12.; 2., 8.1. 2011, 19.30 Uhr, Karten: 14-34 Euro; Tel.:36 99 11

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen Doris (Janina Sachau) und Heddas Mann Guenther (Wolfgang Ruperti), die für eine Amateurtanz-Meisterschaft trainieren. Die Regie lässt Doris nach einem Sturz zunächst in demütigem Trotz um Aufmerksamkeit buhlen, während Guen·ther den vorwurfsvollen Prinzipienreiter gibt. Ein Konflikt entsteht erst, als Stefan (Michele Cuciuffo) seine Maske abnimmt und die Absicht verkündet, das Hotel ans Innenministerium zu verkaufen.

Anders als den Figuren gelingt Stephan Rottkamp eine Reanimation, die das Stück in seiner Utopieskepsis und den verrotteten Kunstdiskursen auch für die Gegenwart fruchtbar macht.

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