Campino von den Toten Hosen spricht über die Aufnahme der Tonhallen-Konzerte mit Orchester, über Rechtsextremismus und Flüchtlinge.

Im Oktober 2013 standen die Toten Hosen samt Sinfonieorchester auf der Bühne der Tonhalle.
Im Oktober 2013 standen die Toten Hosen samt Sinfonieorchester auf der Bühne der Tonhalle.

Im Oktober 2013 standen die Toten Hosen samt Sinfonieorchester auf der Bühne der Tonhalle.

dpa

Im Oktober 2013 standen die Toten Hosen samt Sinfonieorchester auf der Bühne der Tonhalle.

Düsseldorf. Campino ist immer ein gefragter Künstler. Derzeit aber ist es besonders interessant, mit ihm zu sprechen: Über die Tonhallen-Konzerte der Toten Hosen mit Sinfonieorchester zum Thema „Entartete Musik“, die jetzt auf Platte veröffentlicht werden. Und eng damit verknüpft über Flüchtlingswelle und Fremdenfeindlichkeit.

WZ: Campino, wie schwer war für dich bei den Konzerten zu „Entartete Musik“ der Spagat zwischen der Rampensau und dem Interpreten von Liedern, die einen durchweg ernsten Hintergrund haben?

Campino: Das war keine Schwierigkeit. Das Konzept dieser Konzerte war so klar und schlüssig, dass ich keine Angst hatte, in der Tonhalle auf die Bühne zu gehen. Die Sache hatte Hand und Fuß. Wir waren vor der Premiere lediglich etwas unsicher, ob die Leute nachvollziehen könnten, was und warum wir das machen. Aber nach dem ersten Abend war die Sache klar.

Was waren denn dann die größten Herausforderungen?

Campino: Die Schwierigkeit lag im Stoff selber. Zum Beispiel den „Überlebenden aus Warschau“ zu sprechen, das hat mir im Vorfeld manch schlaflose Nacht bereitet. Auch das Lied der Comedian Harmonists mit vier Gesangsstimmen zu bringen, war eine wahnsinnige Millimeter-Arbeit. Solche Lieder sollen sich lustig und wie aus dem Ärmel geschüttelt anhören, sind aber in Wahrheit wirklich anstrengend: Jeder Sänger hat eine eigene Stimmlage – da kann ein Fehler leicht alles durcheinanderbringen. Da muss jedes Detail passen. Dafür habe ich mich sehr anstrengen müssen.

Am Freitag erscheint eine Aufnahme der Tonhallen-Konzerte von 2013 unter dem Titel „‚Entartete Musik’: Willkommen in Deutschland – ein Gedenkkonzert“ als Doppel-CD und Dreifach-Vinylalbum, jeweils mit DVD-Dokumentation. Alle Beteiligten verzichteten seinerzeit auf Gagen und Gewinne. Der Erlös aus den Verkäufen der Alben geht an die Robert-Schumann-Hochschule. dietotenhosen.de

Die Intention des Projektes „Entartete Musik“ ist eine, für die traditionell auch die Hosen stehen: Gesellschaftskritik und Protest gegen Rechts.

Campino: Für uns ist das völlig normal. Wir nehmen ja ständig Stoffe und Texte wahr, die uns aus der Seele sprechen, etwa die von Brecht oder Kästner. Das sind ja teilweise wahnsinnig aufmüpfige Sachen. Daher war auch „Entartete Musik“ für uns ein spannendes Terrain.

Nicht mitzumachen war keine Option?

Campino: Nein. Als Thomas Leander von der Hochschule an uns herantrat, waren wir sofort begeistert. Wir mussten dann nur eben eine gemeinsame Sprache finden. Wir Musiker wohnen zwar alle im selben Haus, kommen aber aus verschiedenen Etagen. Die Leute aus der Klassik spielen täglich vom Blatt. Dafür haben sie im Gegensatz zu uns manchmal Schwierigkeiten mit dem Improvisieren. Da kannst du nicht einfach sagen: Jetzt spielt ihr den Bogen mal oben rum. Gleichzeitig musste uns wiederum der Dirigent deren Sprache beibringen.

Was er offensichtlich tat.

Campino: Absolut. Es war für uns eine immense Erfahrung, zu beobachten, wie 120 Leute nur aufgrund eines Menschen, der den Takt vorgibt, miteinander funktionieren. Irre, wie der den Laden zusammenhält! Und vielleicht beobachten uns seitdem auch die klassischen Musiker etwas genauer und denken sich: Naja, die Jungs haben es ja so richtig nie gelernt mit der Musik. Aber das, was sie technisch nicht drauf haben, kompensieren sie locker mit ihrer Leidenschaft.

Waren die Musikstudenten beeindruckt von den Rockstars, mit denen sie da zusammenarbeiteten?

Campino: Ich weiß nicht. Vielleicht beeindruckte es sie, wie wir uns unsere Welt selber schaffen und unsere Gedanken in eigene Musik verpacken können. Dieses Privileg haben viele klassische Musiker ja nicht. Sie müssen Stoffe spielen, die es meist schon gibt.

Hat dieser Gegensatz zwischen E- und U-Musik je eine Rolle für Dich gespielt?

Campino: Nein. Die Klassik lief bei mir zwar immer nur nebenher. Aber sie war für mich nie ein Gegner. Die Gegner waren immer Schlager und diese Volksmusik, die uns in Form vom Musikantenstadl in die Wohnzimmer rieselt.

Einer der Songs, der bei den Konzerten aufrüttelt, ist der gegen Fremdenfeindlichkeit: „Willkommen in Deutschland“ von 1993.

Campino: Das hatten wir lange nicht gespielt. Das Lied war zwar gut gemeint damals, aber als sich die Lage mit den Nazis in den späteren 90ern in Deutschland etwas beruhigt hatte, wirkten einige Passagen etwas pathetisch. Wir wollten verhindern, dass der Song irgendwann nur noch als schlappe Standardparole runtergenudelt wird. Für die „Entarte Musik“-Konzerte haben wir ihn aber wiederentdeckt und - dem Himmel sei Dank - einen Weg gefunden, ihn nicht verstaubt klingen zu lassen. An diesen Abenden hatte er plötzlich wieder die Intensität wie ganz zu Anfang.

In dem Song heißt es: „Es ist auch dein Land. Und du kannst nicht so tun, als ob es dich nicht angeht.“ Gilt das heute in der Flüchtlingsfrage?

Campino: Ja. Wir befinden uns in sehr fragilen Zeiten mit einer sehr hysterisch geführten Diskussion. Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung jederzeit kippen kann. Einer der Gründe ist sicher das Internet, wo Meldungen mit einer ungeheuren Schnelligkeit um die Welt gejagt werden, auch wenn sie falsch sind. So etwas führt unter anderem dazu, dass sich Leute binnen Stunden Pegida-Protesten oder Ähnlichem anschließen.

Auch die Toten Hosen bekommen mitunter schlimme Kommentare ab. Regt dich das auf – oder lachst du darüber?

Campino: Also lachen kann ich darüber nicht. Solche Kommentare unterstreichen die Dringlichkeit, dass man gegen Rechtsextremismus Flagge zeigen muss. Es ist manchmal erschütternd, wie sehr sich Klischees gegen rechts bestätigen …

Und du fühlst dich als Person, die in der Öffentlichkeit steht, gezwungen, stets etwas zur Lage der Nation zu sagen?

Campino: Nein, wieso sollte ich? Eigentlich wollen wir uns zurückhalten, aber das klappt eben nicht immer. Anscheinend haben wir diesen Status: Wir werden oft belächelt und gehen den Leuten manchmal auf den Keks – aber immer, wenn es eine Grundsatzdiskussion gibt, fragt man uns: Was sagt ihr dazu? 2014 wurden wir heftig wegen unseres „Band Aid“-Projektes zugunsten der Bekämpfung der Ebola-Epidemie angeschossen. Da kam dieser zynische Geist hervor: Jetzt macht euch mal nicht so wichtig! Wen interessiert schon, was da in Afrika passiert? An der Flüchtlingskatastrophe kann man sehen, dass Probleme, die am anderen Ende der Welt zu liegen scheinen, schnell zu unseren werden können. Da geht den Leuten der Hintern plötzlich auf Grundeis und ihnen bleibt das dumme Gelächter im Halse stecken.

Ist „Entartete Musik“ ein Fall für die Charts?

Campino: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besonders viele Leute kaufen. Aber auf eine sehr schöne Art interessiert mich das in diesem Fall auch nicht. Bei einem normalen Hosen-Album wäre ich unsicherer, wenn es von den Leuten nicht angenommen würde. Der erste Gedanke wäre: „Wir haben nicht gut gearbeitet.“ Aber in diesem Fall bin ich mir sicher, dass es gut und richtig ist, dieses Album jetzt rauszubringen. Das Konzert hat seine absolute Berechtigung.

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