Robert Wilson lädt zum Gespräch auf die Baustelle am Gründgens-Platz und zeigt große Gefühle – eine bewegende Begegnung.

Ein Magier der Bühnenwelt: Robert Wilson erklärt im Gespräch, er wolle Licht und Humor in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ bringen.
Ein Magier der Bühnenwelt: Robert Wilson erklärt im Gespräch, er wolle Licht und Humor in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ bringen.

Ein Magier der Bühnenwelt: Robert Wilson erklärt im Gespräch, er wolle Licht und Humor in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ bringen.

Zum ersten Mal nach der Baupause kamen gestern wieder Besucher ins Schauspielhaus am Gründgens-Platz – zu Robert Wilson.

Melanie Zanin, Bild 1 von 2

Ein Magier der Bühnenwelt: Robert Wilson erklärt im Gespräch, er wolle Licht und Humor in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ bringen.

Düsseldorf. Zum ersten Mal inszeniert Robert Wilson in Düsseldorf – er nennt es: eine Herausforderung. Noch ist das Schauspielhaus eine Baustelle. Seit mehr als einem Jahr sind die Türen verschlossen, am Sonntag öffneten sie sich zum ersten Mal. Rund 300 Menschen strömen durch den Hofgarten-Eingang in den Theatersaal, um den 75-jährigen, weltberühmten Bühnen-Magier aus den USA zu erleben. Vor einem blauen, funkelnden Vorhang sitzt er im Scheinwerferlicht. Licht, sagt er, das ist es, was er in das dunkle Märchen „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann bringen möchte. Licht und Humor. Seit Wochen probt er abends mit dem Ensemble des Hauses, tagsüber lärmen draußen die Baustellen. Die Premiere am Gustaf-Gründgens-Platz ist am 20. Mai.

Als 27-Jähriger hat er Marlene Dietrich zum Essen eingeladen

„Licht ist für mich das wichtigste Element im Theater“, erklärt er im kurzen Gespräch vor seinem Auftritt. Er erinnert an die Düsseldorfer Zero-Künstler Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker, ihre Bedeutung für die Bildende Kunst und für ihn persönlich. Wilson schlägt große Bögen, wenn er über seine Kunst spricht. Er erinnert sich an Marlene Dietrich, die er für ihre Technik auf der Bühne bewunderte und als 27-Jähriger in Paris zum Essen einlud. „Ein Date mit Marlene Dietrich“, sagt er und lacht. Als im Restaurant jemand zu ihrem Tisch kam und sagte: „Frau Dietrich, sie sind so kalt auf der Bühne.“ Habe sie geantwortet: „Sie haben nicht auf meine Stimme gehört.“ Die Schwierigkeit bestehe darin, die Stimme mit dem Gesicht zu platzieren. „Sie war eiskalt in ihren Bewegungen, aber ihre Stimme war warm. Das war ihre Kraft.“

Wilson, der Regisseur, Architekt, Bühnenbildner, Lichtdesigner und Videokünstler ist selbst eine Legende. Ein starker Mann – auch mit 75 Jahren noch – der besonnen seine Worte wählt. Und dann gehen sie ihm plötzlich verloren. Auf die Frage, wie er als US-Bürger die aktuelle politische Situation einschätzt, wird er ernst. Erinnert an Barack Obama und dessen Verdienste, die man wohl erst im Nachhinein wirklich schätzen werde. Er erinnert an die Reden dieses Mannes, den er als intellektuell, geistreich und humorvoll beschreibt. Als Theatermann bewundere er ihn für dessen Talent. „Trump redet zu Menschen, Barack spricht mit ihnen. Ein großer Schauspieler spricht immer mit dir.“ Bei der Beerdigung eines kleinen, schwarzen Jungen vor einigen Monaten habe Obamas Stimme versagt. „Er hat Amazing Grace gesungen“, sagt Wilson. Und auch ihm kommen die Tränen. Tief bewegt zeigt er sich von den Veränderungen in seiner Heimat. „Es ist wirklich tragisch, zu sehen, dass dieser Mann uns innerhalb von einer Woche zu einem Atomkrieg bringen könnte.“ Der Schlag gegen Syrien sei so schnell gekommen. Keiner wisse, was passiere. Wilson schweigt. Er lässt die Stille zu.

Kurz zuvor hat er den amerikanischen Dichter Ezra Pound zitiert, für den Stille und die Macht über wilde Bestien eine vierte Dimension bedeutet haben. Dieser Moment gibt einen Eindruck in das Wilson-Werk, in seine strenge Formensprache, seine künstliche Überhöhung, für die er weltberühmt ist. Er offenbart, warum es nicht Wirklichkeit ist, die Wilson auf der Bühne zeigt, sondern surrealistische Szenarien, die eigenes Denken fordern.

„Der Raum ist gut, man kann ihn völlig verdunkeln.“ So antwortet Wilson dann auch auf die Frage, wie ihm das Düsseldorfer Schauspielhaus gefalle. Er ergänzt, wie wichtig das Theater im 20. Jahrhundert gewesen sei, erinnert an Gustaf Gründgens. Ja, er habe auch von der Debatte gehört, ob man das Haus wieder im ursprünglichen Sinn eröffnen wolle. Subventioniertes Theater sei gut. Einerseits, fügt Wilson an. Doch man müsse sich vor Einflussnahme der Geldgeber schützen. Auch Zuschauerzahlen sind für ihn keine bedeutende Währung. So habe es von seiner Oper „Einstein on the Beach“ in der Metropolitan Opera nur eine einzige Aufführung gegeben. Mit dem Stück hat Wilson 1976 Musiktheatergeschichte geschrieben – und sich hoch verschuldet. Und es war der Startpunkt seiner internationalen Karriere.

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