Die Truppe Membros setzt sich eindrucksvoll mit der Gewalt gegen Frauen auseinander.

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Am Boden: Das Stück „Medo“ zeigt schonungslos die Unterdrückung brasilianischer Frauen.

Am Boden: Das Stück „Medo“ zeigt schonungslos die Unterdrückung brasilianischer Frauen.

Dominik Fricker

Am Boden: Das Stück „Medo“ zeigt schonungslos die Unterdrückung brasilianischer Frauen.

Düsseldorf. Vier Frauen stehen vor der grauen Tuffsteinwand im Großen Saal des Tanzhauses. Ein Lichtkarree leuchtet sie grell als Schaustücke aus. Plötzlich stürzen drei Männer auf die Bühne. Während eine Frau sich einer lustvollen Umarmung hingibt, werden einer anderen alle Kleider vom Leib gerissen. Die Nackte sammelt danach ruhig ihre Kleider zusammen und schreitet auf einem roten Teppich, der wie ein Laufsteg der Demütigung wirkt, auf das Publikum zu.

Das neue Stück der brasilianischen Truppe Membros Companhia de Dança beginnt mit einem Faustschlag. "Medo" (dt. Angst) ist der dritte Teil einer Trilogie, die sich mit dem Thema Gewalt in der brasilianischen Gesellschaft auseinandersetzt.

Dem Zuschauer wird es ziemlich ungemütlich gemacht

Nach Abenden über die Welt in den brasilianischen Männergefängnissen und über körperliche Krisenzustände, geht es diesmal um Gewalt aus weiblicher Sicht. Choreographin Taís Vieira entwirft eine Art "tour de force", die das Thema in engen Zusammenhang mit Sexualität und Geschlechteridentität bringt. Das zeigen nicht nur die wie Prostituierte aufgereihten Tänzerinnen.

Die Duos und Trios zwischen den vier Tänzerinnen und drei Tänzern sind bei aller Virtuosität ausgesprochen ruppig. Und wenn sich eine Frau mit ihrem Partner entblößt, wird sie dafür von ihren Geschlechtgenossinnen verprügelt. Gewalt ist an diesem Abend keine reine Angelegenheit der Männer.

Den Zuschauern wird es dabei ziemlich ungemütlich gemacht. Der ruhige Blick der Tänzer ins Publikum zeigt, dass jede Form der Gewalt auch etwas mit Voyeurismus zu tun hat. Und dass Gewalterfahrung oft bis in die Kindheit reicht, zeigt eine Szene, in der eine Frau einer Puppe alle Gliedmaßen ausreißt. Ein Bild, dass das Ende der Adoleszenz und die Brutalität gegenüber Kindern ausdrückt.

Membros wurde 1999 von der Choreographin Taís Vieira und dem Regisseur Paulo Azevedo in Macaé gegründet. Die Stadt im Südosten Brasiliens wächst zwar seit der Entdeckung von Erdöl vor der Küste rasant, gilt aber heute auch als eine der gewalttätigsten im ganzen Land und weist eine der höchsten Verbrechensraten auf.

Membros ist Teil eines großen Zentrums für Streetart von Hip-Hop bis Graffiti, das mit seiner Arbeit eine soziale und künstlerische Alternative für Jugendliche zu bieten versucht. Hip-Hop wird als Form des Protestes eingesetzt und als politisches Statement verstanden.

Die stilistische Basis der Truppe ist die Hip-Hop-Kultur. Doch Taís Vieira vermischt virtuos Elemente des Breakdance mit zeitgenössischem Tanz und Tanztheater. Zu harten Sounds im Stil des Miami Bass erscheinen die Footworks und Freezes des Hip-Hop allerdings zunächst wie Inseln der Versöhnung inmitten einer brutalen Gegenwart.

Erst allmählich verzahnen sich die unterschiedlichen Stilrichtungen, bis schließlich ein virtuoses Duo eine Synthese beider Tanzformen bietet: Neben einem so innig wie kraftvoll tanzenden Paar steht ein einsamer Mann auf Stöckelschuhen, der sich lachend schminkt. Sein beeindruckendes Breakdance-Solo auf High-Heels wird schließlich durch eine Prügelorgie der Frauen beendet. Während Grenzüberschreitungen in der Kunst erlaubt sind, ist im Leben mit Sanktionen zu rechnen.

60 Minuten, keine Pause, Aufführung am Samstag, 20 Uhr

© WhatsBroadcast

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