Der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling organisiert eine Schau in der Tonhalle über den Umgang mit Kultur während der Nazi-Zeit.

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Die menschenverachtende Ideologie wird auf diesem Originalplakat deutlich.

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Die menschenverachtende Ideologie wird auf diesem Originalplakat deutlich.

Düsseldorf. Morgen wird die Ausstellung "Das verdächtige Saxophon - ‚entartete Musik’ im NS-Staat" mit einem Konzert in der Tonhalle eröffnet. Moderieren wird die Veranstaltung Ausstellungsmacher Albrecht Dümling.
 
Der Musikwissenschaftler konzipierte bereits eine vor 20Jahren gezeigte Schau, die ebenfalls Bezug nahm auf die 1938 im Ehrenhof gezeigte Ausstellung "Entartete Musik". Die WZ sprach im Vorfeld mit Dümling

Herr Dümling, was ist neu an der neuen Ausstellung?

Dümling: Wir bieten nun auch eine Führung mit Tondokumenten. Das ist bei einer Musikausstellung ja naheliegend. Es gibt auch eine Schwerpunktverschiebung in Richtung Jazz. Deshalb wählten wir auch den neuen Titel. Außerdem konnten wir neue Erkenntnisse berücksichtigen.

Welche neuen Erkenntnisse?

Dümling: Man weiß inzwischen, dass die Ausstellung vor 70 Jahren umstritten war. Es gab keinen Auftrag von Goebbels oder von der Partei. Hans Severus Ziegler, Generalintendant in Weimar, organisierte sie in Eigeninitiative. Das ist insofern makaber, als dass sich dieser enge Freund von Adolf Hitler selbst verfolgt fühlte.
 
Er wurde 1935 von seinen Ämtern beurlaubt, weil er angeklagt wurde, gegen den § 175 (homosexuelle Handlungen, d. Red.) verstoßen zu haben. Er wurde zwar frei gesprochen.
 
Um seine Loyalität unter Beweis zu stellen, hat er die Ausstellung gemacht, gegen die Reichsmusikkammerpräsident Peter Raabe scharf protestierte.

Gab es außer der politischen, ethnischen oder religiösen Herkunft noch andere Ursachen, als entartet zu gelten? Spielten auch musikalische Parameter eine Rolle?

Dümling: Ziegler hat versucht, ähnlich wie bei der Ausstellung für entartete Kunst in München, inhaltliche Kriterien festzulegen. Für ihn war die Tonalität von Bedeutung, der arische Dreiklang. Diesen aber habe der Jude Schönberg zerstört. Allerdings ist die Atonalität kein Rassenmerkmal.
 
Die Mehrzahl der jüdischen Komponisten machte keine atonale Musik. Ziegler hat sich in Widersprüche verwickelt. So blieb ihm letztlich nur das "rassische" Kriterium.

"Das musikalische Empfinden und die Rassentheorie passten bei den Nazis nicht immer zusammen."

Albrecht Dümling

Letztlich ging es also gar nicht um die Art der Musik sondern um ihre Herkunft?

Dümling: In der Tat. Goebbels und Hitler waren hierbei Opfer ihrer eigenen Rassentheorie. Die Operette "Schwarzwaldmädel" ist ein Plädoyer für die deutsche Heimat. Einziges Problem: der Komponist Leon Jessel war Jude.
 
1935 wurde die Operette noch auf Wunsch von Adolf Hitler einstudiert. Das war im Jahr, als die Rassengesetze verabschiedet wurden. Die Proben mussten daraufhin abgesetzt werden.
 
Das musikalische Empfinden und die Rassentheorie passten bei den Nazis nicht immer zusammen.

Sie sind Brecht- und Eislerspezialist. Eisler war in der DDR recht angesehen. Gibt es Musik, die in keinem totalitären System geduldet wird?

Dümling: Mit Eisler ist das nicht so einfach. Eisler ist ja zunächst in die USA emigriert. Nach dem Krieg ging er in die DDR. Aber zu seiner Enttäuschung konnte er dort nicht seine Exilwerke aufführen.
 
In den 50er Jahren gab es in der DDR gewisse Verwandschaften zu der Kulturpolitik der Nazis. Zwölftönige Musik wurde zu jener Zeit in der DDR auch nicht aufgeführt.

Gibt es einen aktuellen Bezug in Ihrer Ausstellung?

Dümling: Ja, am Ende der Ausstellung gehen wir auf die Benutzung des Wortes "entartet" ein. Der Kölner Erzbischof verwendete diesen Begriff. Kunst, die sich nicht auf das Gottesbild bezieht, bezeichnete er als "entartet".
 
Meisner ist abgebildet als ein absurdes Beispiel für jemanden, der in der Gegenwart auf den Begriff "entartet" noch beharrt.
 

Albrecht Dümling

 
Vita: Albrecht Dümling (Foto) wurde 1949 in Wuppertal geboren. Nach dem Studium von Kirchen- und Schulmusik, Musikwissenschaft, Germanistik und Publizistik in Essen, Wien und Berlin promovierte er 1978.
 
Er ist Autor der Ausstellung "Entartete Musik. Eine kommentierte Rekonstruktion (Düsseldorf 1938/1988)", die weltweit in über 50 Städte reiste. Albrecht Dümling lebt in Berlin.

© WhatsBroadcast

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