Im NRW-Forum sind ab dem 20. April die androgynen Models der Fotografin Bettina Rheims zu sehen.

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Edward ist ein schlanker Jüngling, sein Gesicht aber trägt weibliche Züge.

Edward ist ein schlanker Jüngling, sein Gesicht aber trägt weibliche Züge.

Andrej zeigt sich vor der Kamera von Bettina Rheims mit wallendem Blondhaar.

Rheims, Bild 1 von 2

Edward ist ein schlanker Jüngling, sein Gesicht aber trägt weibliche Züge.

Düsseldorf. Bettina Rheims (60) hat als Mannequin, Schauspielerin, Gemäldehändlerin und Journalistin gearbeitet, bevor sie 1978 mit der Porträtfotografie begann. Lange Zeit konzentrierte sie sich auf Frauen mit glänzenden Lippen, makellosen Brüsten und sinnlicher Schönheit.

Doch vor 20 Jahren stieß sie eher zufällig auf androgyne junge Menschen mit jenen „durchsichtigen und unwirklichen“ Körpern, die sie faszinierten. Mit ihren „Modernen Liebenden“ machte sie 1993 Furore. Nun wollte die Künstlerin wissen, ob sich seit den Neunziger Jahren etwas in der Welt der Geschlechter geändert hat. Ihre „Gender Studies“ („Geschlechterstudien“) im NRW-Forum kommen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Die harte Schönheit und Zerbrechlichkeit der jungen Körper

Die Künstlerin aus Paris hält jenen Augenblick fest, in dem sich junge Leute im gleitenden Übergang von Männlichkeit zu Weiblichkeit und umgekehrt befinden. Es ist ein intimer Blick auf die Geschlechtlichkeit des Menschen. Nichts wird mystifiziert, niemand idealisiert. Die Porträts wirken wie freigesetzt aus ihrer Umgebung. Sie tragen keine Masken mehr wie noch in der Shanghai-Serie vor zehn Jahren.

Sie brauchen kein Rosenbad, um in der Wanne fast unterzutauchen. Sie zeigen nichts als sich selbst. Niemand von ihnen hat Fett und Fleisch angesetzt, die Erotik strahlt gleichsam aus Haut und Knochen hervor. Wenn diese Gestalten auf der weißen Decke sitzen, leicht mit einem fleischfarbenen Lendentuch bekleidet, so faszinieren sie durch eine fast schon harte Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Die Fotos sind pure Ästhetik, sie wirken nicht mehr provokant

Aber: Im Vergleich zu den Models vor 20 Jahren machen sie nicht mehr den Eindruck, in einem falschen Körper zu stecken. Das Gegenteil ist der Fall. Bettina Rheims erklärt: „Die jungen Menschen entscheiden sich für beide Identitäten. Je nach Tag und Stimmung. Warum nicht alles haben?“ In Australien bekam im vergangenen Jahr erstmals ein Mann/eine Frau den Eintrag „X“ als Geschlecht in seinen/ihren Pass. Bettina Rheims folgert daraus: „Zum allerersten Mal wurde die Existenz eines dritten Geschlechts anerkannt.“

Standort: Die Schau ist vom 20. April bis 17. Mai im Obergeschoss des NRW-Forums, Ehrenhof 2, zu sehen.

 

Öffnungszeiten: Di - So 11-20, Fr 11 - 24 Uhr

 

Vita: Bettina Rheims wurde 1952 in Paris geboren. Sie begann, Jahrmarkt-Stripperinnen und Akrobaten zu fotografieren, es folgten Tierporträts, Mode- und Werbeaufnahmen, bevor sie zu den Geschlechterstudien kam.

Die Fotos sind pure Ästhetik, sie wirken nicht mehr provokant. Sie leben von der unnachahmlichen Selbstachtung der Models und der Fotografin ihnen gegenüber. Die Porträtierten geben sich selbstverständlich. So präsentiert Andrej sein wallendes, etwas zotteliges Blondhaar mit einem Blick, der über den Betrachter hinweggleitet.

Andy bewahrt sich eine skeptische Miene, als fürchte er, doch noch kritisiert zu werden. Ganz anders Dafné, die mit ihrem zerbrechlichen Oberkörper und ihrer schön geschnittenen Nasenpartie ihr flexibles Geschlecht zur Schau trägt. Kindfrauen und androgyne Jungen sind sie alle.

Die Models wurden über Facebook angesprochen

Um an ihre Modelle zu kommen, legte Rheims ein Profil bei Facebook an und forderte alle, die sich „anders“ fühlten, dazu auf, Kontakt aufzunehmen. 27 junge Leute kamen in ihr Studio. Während sie zur Kamera griff, nahm der Klangkünstler Frédéric Sanchez nach dem Fotoshooting ihre Stimmen auf. Nun umgibt die Bilder im NRW-Forum ein Klangteppich verschiedener Sprachen. Und Bettina Rheims verkündet: „Es sind die Stimmen des dritten Geschlechts“.

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