Der weltbekannte Fotokünstler lässt sich von Beuys und den Amerikanern inspirieren.

Das Lieblingsbild des Fotokünstlers Andreas Gursky ist „Les Mées“ von 2016. Es kommt taufrisch in die Ausstellung in K 20.
Das Lieblingsbild des Fotokünstlers Andreas Gursky ist „Les Mées“ von 2016. Es kommt taufrisch in die Ausstellung in K 20.

Das Lieblingsbild des Fotokünstlers Andreas Gursky ist „Les Mées“ von 2016. Es kommt taufrisch in die Ausstellung in K 20.

Der Fotograf Andreas Gursky fühlt sich von der Malerei beeinflusst. Foto: Henning Kaiser

Andreas Gursky, VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Courtesy Sprüth Magers, Bild 1 von 2

Das Lieblingsbild des Fotokünstlers Andreas Gursky ist „Les Mées“ von 2016. Es kommt taufrisch in die Ausstellung in K 20.

Düsseldorf. Am Freitag  um 19 Uhr wird die mit Spannung erwartete Ausstellung von Andreas Gursky (61) im Amerika-Saal von K 20 eröffnet. Bis zur letzten Minute arbeitete er an neuen Bildern, hatte aber beim Hängen seine liebe Not mit dem Oberlicht, das nicht gleichmäßig auf die Wände fällt. Der weltbekannte Fotokünstler machte es sich nicht leicht, bis sein „Lieblingsbild“ gut platziert war.

Dieses „Les Mées“, in Südfrankreich aufgenommen, sieht aus wie eine romantische Landschaft. Aber der Blick auf die riesige Photovoltaik-Anlage ist nicht ganz geheuer. Das Foto ist kein bloßes Abbild. Er brauchte fast ein halbes Jahr für die Bildbearbeitung. Nun sieht es so unheimlich aus, als würde sich ein Drachen über die Wiese schieben. Surreal und real zugleich. Der Wirklichkeit entnommen, und auch nicht. „Andreas Gursky – nicht abstrakt“ nennt er seine Schau.

„Ich kenne kaum einen Künstler, der so ringt wie er.“
Marion Ackermann, Kunstsammlungschefin, über Andreas Gursky

20 Werke sind zu sehen, große Formate und relativ kleine Bilder. Was sie vereint, ist die Frage nach den Grenzen der Gegenstände und Dinge beim Übergang in die Kunst. Für die Ausstellung wurden die Werke der Amerikaner mit ihren All-Over-Strukturen abgehängt und die Fotos an ihre Stellen gesetzt. Nun sieht es aus, als gebe er seine persönlichen Kommentare zur Sammlung. Grüßt da nicht ein neuer Barnett Newman in dem sogenannten Kanzlerbild? Das Motiv des Erhabenen haben Gursky und der Farbfeldmaler gemeinsam. Wirken die vier Kanzler am Rand von Gurskys Foto nicht plötzlich wie bloße Statisten angesichts des fulminanten Rots?

Auf Schritt und Tritt geht der Fotograf den Werken in K 20 nach. Besonders deutlich wird dies bei Werken, die er direkt in die Sammlung hängt. Da schreit das opulente Gold in seinem Katar-Bild den blinden, goldenen Spiegeln im Palazzo Regale des Joseph Beuys entgegen. Plötzlich geht es in der Verbindung beider Werke um Leben und Tod. Es ist, als würden die beiden Düsseldorfer in der Installation und im Foto eine Einheit bilden.

„Amazon“ ist taufrisch. Einen Tag lang durfte er im amerikanischen Riesenlager mit dem Hubwagen von einer Regalzeile zur nächsten fahren und Aufnahmen machen. Er wollte ein Bild erzeugen, das absolut flach wirkt, und erklärt: „Um die Abstraktion zu erhalten, pflege ich die Gegenstände und Orte in Schichten zu fotografieren. Bei einem Motiv wie den Tulpenfeldern im Freien genügt die Fahrt mit dem Helikopter, bei Innenaufnahmen wird es kompliziert, weil der Abstand fehlt.“ Die Entstehung von „Amazon“ beschreibt er folgendermaßen: „Ich habe den Hintergrund herangezoomt und die Regale im Vordergrund kleiner werden lassen. Dadurch entsteht eine Verfremdung. Am besten wäre es, wenn man mein Bild aus weiter Ferne anschauen könnte, am besten vom Mond aus.“

Andreas Gursky (Foto: dpa) wird 1955 in Leipzig geboren. Er lebt ab 1957 in Düsseldorf. Nach dem Studium der visuellen Kommunikation an der Folkwang-Hochschule in Essen wird er 1985 Meisterschüler von Bernd Becher. Er hat eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf.

Sie dauert bis 6. 11. in K 20, Düsseldorf, Grabbeplatz. Öffnung Di bis Fr 10-18, Sa + So 11-18 Uhr. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 10 und 2,50 Euro.

Der Künstler ist bei seinem Heimspiel in Düsseldorf, wo er seit 50 Jahren lebt und arbeitet, erstaunlich gesprächig. Er sehe sich nicht als Gesellschaftskritiker, sondern als „Beobachter“. Er „stolpert“ etwa über einen Zeitungsausschnitt auf ein Motiv, „sieht“ beim Transatlantikflug auf dem Monitor die Position des Fliegers über dem Ozean oder „entdeckt“ erst nach einem Konzert mit den Toten Hosen im Fußballstadion von Bochum den Bühnenaufbau mit den LEG-Feldern. Aber: „Ich brauche Wochen und Monate, um das Gesehene zu rekonstruieren und zu bearbeiten.“

Leise rieseln die Sounds des DJ Hawtin von den Wänden

Dennoch: Ein Fotograf im Malersaal, ist das nicht widersprüchlich? Die Antwort des Künstlers: „Ich bin stark von der Malerei beeinflusst und lasse das auch zu. Aber ich bin ein Fotograf.“ Während ein Maler mit Pinsel oder Spraydose flott hantiert, müht er sich ab, um die Grenzen zwischen der Materialität der Materie und der fotografischen Reproduktion zu verwischen. Kunstsammlungschefin Marion Ackermann meint: „Ich kenne kaum einen Künstler, der so ringt wie er.“

Aber warum im AmerikaSaal? Hätte er nicht in irgendeinem Saal der Kunstsammlung ausstellen können? Offensichtlich nicht. Hier sah er „Selbstmord einer Frau“ von Andy Warhol, in dem das Motiv mehrmals wiederholt und variiert wird. Wie Werner Schmalenbach war auch Gursky fasziniert. Wie der Pop-Künstler für rhythmisch-serielle Wiederholungen sorgt, so macht es auch der Fotograf mit den Bild-Schnitten. Beide, die amerikanischen Künstler wie er, imponieren mit der Erweiterung von Seh-Erfahrungen.

Gursky ist aber zugleich ein großer Freund der Musik. In die Wände der Düsseldorfer Ausstellung installiert er Sounds des kanadischen DJ Richie Hawtin, die wie zufällig ans Ohr der Besucher dringen.

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