Rund um das Herz dreht sich das Programm im Theaterzelt auf dem Burgplatz.

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Die Akrobaten des Cirkus Cirkör zeigen virtuose Trapezkunst.

Die Akrobaten des Cirkus Cirkör zeigen virtuose Trapezkunst.

Mats Bäcker

Die Akrobaten des Cirkus Cirkör zeigen virtuose Trapezkunst.

Düsseldorf. Schon beim Einlass entgeht man ihm nicht. Ein dürrer, bis in Gesicht und Haare erbleichter Riff-Raff mit weißem Frack empfängt das Publikum, drängt sich scherzend auf und schürt ein wenig das Unbehagen. Und prompt erwischt es den ‚Zuschauer’ Tom, der dem unerklärlichen Stromausfall im Theaterzelt auf dem Burgplatz mit dem guten alten Dynamo abhelfen muss.

Ganz behutsam umfängt den Zuschauer der Zauber des Cirkus Cirkör. Die acht Artisten turnen auf Händen über Stuhlgebirge, schlängeln sich durch Reifen, bringen Körper zum Schweben. Doch über der Virtuosität liegt auch eine Patina des Kuriosen, nicht der alten anatomischen Zeichnungen des Herzens auf dem Rundhorizont wegen. Anrührend ist vor allem die komische Alte in Tutu und Spitzenschuhen, die wie ein Freak saufend im Käfig hockt und plötzlich befreit mit einem Schaukelpferd durch die Luft fliegt.

Björfors gelingt ein Spektakel aus Akrobatik, Bilder- und Musiktheater

Bereits zum vierten Mal gastiert der Cirkus Cirkör beim Düsseldorfer Altstadtherbst. Auch mit ihrem neuen Programm "Inside Out" gelingt Leiterin Tilde Björfors ein mitreißendes Spektakel zwischen Akrobatik, Bilder- und Musiktheater und Zauberkunst. Thema ist diesmal das Herz. Es wird dem zweiten vermeintlichen Zuschaueropfer Tanja herausgerissen und in die eigenen Hände gelegt.

Und dann geht es ab in die eigene Blutbahn, wo gerade drei rote Blutkörperchen ausgelassen eine Party feiern, bis sie von zwei weißen miesepetrigen Kollegen genervt werden. So könnte man immer weiter erzählen von diesem hinreißendes Abend, der allerdings nicht denkbar ist ohne die Band Irya Playground.

Ihre Musik hat die 1980er Jahre tief eingesogen und atmet bei allem Drive die leichte Melancholie des skandinavischen Rock. Wenn sie den Song "Let me be lost" anstimmen, legt sich kurz eine traumhafte Verlorenheit über den Abend.

Die Alte balanciert auf Flaschenhälsen, jemand tanzt mit einem Skelett und dazwischen steht angstvoll Tanja mit ihrem zuckenden Herzen. Ein Moment von großer Schönheit und schmerzhafter Poesie. Doch dann ist Schluss mit Zaudern: Tanja nimmt ihr Herz in beide Hände und saust derart akrobatisch eine Kletterstange herab, dass dem Zuschauer selbst der Liebesmuskel in die Hose rutscht.

Ein Blutgespinst mit all seinen Verästelungen lädt ein zum Karussellfahren und eine große Doppelherzkammer zum Verstecken, der genetische Code wird ausbalanciert und in einer atemberaubenden Jonglage durch gewirbelt.

Auf wundersame und symbolische Weise verbindet der Cirkus Cirkör harte physiologische Fakten mit virtuosen Einlagen am Trapez oder Schleuderbrett. Doch hier wird nicht nur circensisch den Turnübungen der Natur gehuldigt. Hier erhält das träge gewordene Zuschauerherz animierende poetische Stromstöße zwischen Romantik, Genetik und Lust am Spiel, die nicht zuletzt die Erinnerung ans kindliche Staunen wecken.

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