Die Erneuerung des LVR-Klinikums bis 2020 kostet rund 100 Millionen Euro. Die psychiatrischen Fallzahlen steigen seit Jahren.

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So soll der Haupteingang des LVR-Klinikums in Zukunft aussehen. Simulationen: Architekten BDA RDS Partner

So soll der Haupteingang des LVR-Klinikums in Zukunft aussehen. Simulationen: Architekten BDA RDS Partner

Ansicht auf die Neubauten (mit dem H-förmigen Zentrum) im Modell aus Richtung Süden.

Architekten BDA RDS Partner, Bild 1 von 2

So soll der Haupteingang des LVR-Klinikums in Zukunft aussehen. Simulationen: Architekten BDA RDS Partner

Düsseldorf. Alle älteren Düsseldorfer können mit Begriffen wie LVR-Klinik oder Rheinische Landesklinik nicht viel anfangen. Für sie ist das da oben am Waldrand alles schlicht „Grafenberg“, das Synonym für die „Irrenanstalt“ von Düsseldorf. Auch wenn das Gelände an der Bergischen Landstraße gar nicht zum Stadtteil Grafenberg gehört und das ganze schon gar keine Irrenanstalt ist. „Aber Generationen von Kindern wurde gedroht: Benimm dich normal, sonst kommst du nach Grafenberg“, bestätigt der kaufmännische Direktor der Klinik, Joachim Heinlein.

Nun ist das 1876 erstmals erbaute „Grafenberg“ alt und hinfällig geworden. Und wird deshalb, wie bereits berichtet, in den kommenden sieben Jahren für rund 100 Millionen Euro komplett um- und neugebaut.

Im „Osten“ werden neun Hektar Fläche verkauft

Im Prinzip geht es bei dem Projekt neben der Erneuerung der zum Teil völlig veralteteten Häuser um eine Zentralisierung im westlichen Teil des großen, parkähnlichen Areals. „Derzeit liegen die Einrichtungen sehr zerstreut, Mitarbeiter und Patienten müssen Distanzen von bis zu 900 Metern zurücklegen“, sagt Heinlein.

Bereits begonnen hat der Bau der neuen Kinder- und Jugendpsychiatrie in Nähe der Rennbahnstaße, die in einem Jahr bezugsfertig sein soll. Zweiter und größter Schritt ist dann bis Mitte 2018 das neue Diagnostik-, Therapie und Forschungszentrum (DTFZ) mit 13 Stationen und 295 Betten, das den Mittelpunkt des Klinikums bildet und Psychiatrie und Neurologie vereint. Danach werden die großen Bettenhäuser aus den 70er Jahren abgerissen, an ihre Stelle rückt der Neubau für die Abteilung Suchtkrankheiten, der einen Hörsaal mit 250 Plätzen integriert. Wenn dann 2020 alles fertig ist, sollen im Osten des Geländes neun Hektar Fläche per Abriss „freigemacht“ und verkauft werden.

Psychiatrie: Angststörungen rangieren vor Sucht und Depression

Vor den Baumaßnahmen stellte Professor Wolfgang Gaebel, der ärztliche Direktor des Hauses, die medizinische Grundlage für die Großinvestition dar. Zwar lasse sich nicht ein gravierender Anstieg der psychischen Erkrankungen nachweisen, wohl aber stark steigende Fallzahlen: „Von 2000 bis 2010 gab’s ein Plus von 21 Prozent, das heißt: Immer mehr Menschen begeben sich in Behandlung“, sagt Gaebe.

Das Klinikum in der Trägerschaft des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) ist zugleich psychiatrisch-psychosomatisch-psychotherapeutische Fachklinik sowie (forschende und lehrende) Universitätsklinik. Seit Januar 2013 ist hier auch das Zentrum für Neurologie und Neuropsychiatrie der Uni-Klinik untergebracht.

Das Klinikum mit 1100 Mitarbeitern versorgt jährlich rund 6500 Patienten stationär, 25 000 „Fälle“ werden ambulant behandelt.

Die Gesamtinvestitionssumme liegt, Stand heute, bei etwa 98 Millionen Euro. Circa 50 Mio. Euro davon trägt der LVR, sieben Millionen übernimmt das Land. Den Rest finanziert das Klinikum selbst aus Ersparnissen und Grundstücksverkäufen sowie mit Krediten.

Zwar werden für die Neubauten zunächst 118 Bäume gefällt. Sie werden aber ersetzt. Neue Grünflächen kommen hinzu, damit der schöne Parkcharakter des Klinikgeländes erhalten bleibt.

Das liege vermutlich an einer verbesserten Diagnostik bei den Hausärzten, aber auch an der „Entstigmatisierung“ psychischer Erkrankungen. Generell seien immerhin fast 43 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Leben von einer solchen Störung betroffen (Frauen: 49 %, Männer: 37 %).

Ganz vorne rangieren laut Gaebe Angststörungen aller Art, gefolgt von Abhängigkeiten (Drogen, Alkohol) und Depressionen. Letztere waren in der Düsseldorfer LVR-Klinik maßgeblich für den beträchtlichen Anstieg der vollstationären Fallzahlen verantwortlich, die von 4781 (2004) auf 6740 (2012) hochschnellten. Doch in Zukunft wird die Entwicklung eine gegenteilige sein: „Schon aus Kostengründen werden ambulante und tagesklinische Behandlung immer mehr zunehmen.“

Die Architekten planen aber natürlich auch stets Sicherheiten für die schweren, oft suizidgefärdeten Fälle ein. So kann jede offene Station kurzfristig zur „Geschlossenen“ werden. Und es gibt zwar Dachgärten und Balkons auch in der vierten Etage – doch die sind stets sicher verglast.

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