Immer öfter kämpfen Düsseldorfer für den Erhalt von Bäumen. Petra Kreuder will sich sogar an eine Eiche ketten. Experten sprechen von einem Mythos.

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Petra Kreuder liebt die Eichen vor ihrem Haus so sehr, dass sie sich sogar an einen der Bäume ketten möchte. (Fotos (2): Stefan Arend)

Petra Kreuder liebt die Eichen vor ihrem Haus so sehr, dass sie sich sogar an einen der Bäume ketten möchte. (Fotos (2): Stefan Arend)

Rund 100 Jahre alt ist die Platane an der Ecke Wehrhahn/Wielandstraße. Die U-Bahn-Bauer haben extra so geplant, dass der Baum stehen bleiben kann.

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Petra Kreuder liebt die Eichen vor ihrem Haus so sehr, dass sie sich sogar an einen der Bäume ketten möchte. (Fotos (2): Stefan Arend)

Düsseldorf. Und wieder einmal sollen die Sägen kreischen: Gerade erst entbrannte in Lohausen Streit darüber, ob ein 15 Meter hoher chinesischer Mammut-Baum in einer Kleingartensiedlung gefällt werden muss - da gibt’s schon wieder Kettensägen-Alarm. Diesmal in Niederkassel, wo eine Eiche zu Kleinholz gemacht werden soll.

Aber nicht mit Petra Kreuder: "Hier soll ein über 50 Jahre alter, gesunder Baum fallen, nur weil ein Eigentümer mehr Licht in der Küche will", schimpft die 47-Jährige. Aus Protest will sie sich nächste Woche eine Stunde lang an "Egon", wie sie die Eiche nennt, anketten.

Die Eigentümerversammlung des Hauses im Niederkasseler Kirchweg hat beschlossen, einen von zwei Bäumen fällen zu lassen. Der Antrag liegt nun bei der Grundstücksverwaltung.

"Es war doch vor dem Kauf der Wohnung klar, dass die Bäume da stehen", wundert sich Kreuder, die einen Anwalt eingeschaltet und Bezirksvorsteher Rolf Tups (CDU) informiert hat. Das Gartenamt wird sich mit dem Fall freilich erst befassen, wenn der Antrag auf dem Tisch liegt.

Die Methoden zur Baumrettung sind häufig sehr fantasievoll

Das gibt Amts-Vize Thomas Eberhardt-Köster Zeit, sich intensiv um den Mammut zu kümmern: "Wir führen Gespräche mit dem Ziel, den Baum zu erhalten." Immer öfter muss sich die Stadt mit solchen Streitfällen befassen.

In Düsseldorf gibt’s 56000 Straßenbäume. In der Saison 07/08 wurden 619 gefällt und 840 neu gepflanzt.

In den Parks stehen 200000 Bäume, in den Wäldern geschätzte zwei Millionen.

Gegen die Fällung: An der Geibelstraße in Grafenberg wollen Anwohner 2004 per einstweiliger Verfügung den Tod einer 170Jahre alten Rotbuche vereiteln - nach ihrem Fall errichten sie im Vorgarten ein Mahnmal. 2005 harren in Gerresheim Kinder auf einer Kastanie aus. Sogar ein Baumhaus errichten sie dort, gefällt wird der Baum trotzdem. Aufregung auch an der Johannstraße im März 2008: Eine 70Jahre alte Pappel wird gefällt - die Anwohner sind stinksauer.

Für die Fällung: Aber auch den umgekehrten Fall gibt’s: Im März 2007 entbrennen heftige Debatten um vier Ginkgos an der Fehrbellinstraße. Versehentlich waren weibliche statt männliche Bäume gepflanzt worden. Deren Früchte stinken übel - sie werden gefällt.

Offenbar wird das Stadtgrün in den Augen vieler Düsseldorfer wichtiger. Wobei die Methoden oft sehr fantasievoll sind. Aber auch Beschimpfungen müssen sich die Amtsleute gefallen lassen. Dabei tut die Stadt allerhand, um Bäume zu erhalten.

An der Ecke Wehrhahn/Wielandstraße etwa wurde die Rampe für die Wehrhahn-Linie extra so geplant, dass die 100 Jahre alte Platane stehen bleiben kann. "Sonst hätten uns die Anwohner die Hölle heiß gemacht", erklärt Projektleiter Gerd Wittkötter.

Eine kreative Lösung gab’s bei St. Peter am Kirchplatz: Architektin Beatrix Maier-Lamers, die das Dach der Kirche sanierte, brauchte zur Einrüstung des Gebäudes eigentlich jeden Außenmeter, ließ das Gerüst jedoch rund um und in einem Baum aufbauen, um ihn zu erhalten. Dabei hatte es sogar schon eine Fällgenehmigung gegeben. "Ein riesiger und schwieriger Aufwand war das", erinnert sie sich. Doch der Baum hat die Tortur überstanden.

In den 70er Jahren hat das Thema noch keine große Rolle gespielt

Solch einen Aufwand gab es früher nicht. "Noch in den 70er-Jahren hat das Thema keine so große Rolle gespielt", sagt Eberhardt-Köster. "Heute reagieren Menschen sehr emotional, wenn ein Baum gefällt werden muss. Das hat fast schon einen mythischen Anstrich."

Sachliche Abwägungsprozesse würden schwieriger. Seine Erklärung: "In einer komplexer werdenden Welt wollen Menschen eindeutige Lösungen, richtig und falsch. Die gibt’s bei diesem Thema: Der Baum ist gut."

Das dürfte längst nicht nur mit dem Evergreen "Mein Freund, der Baum, ist tot" von Alexandra (1969) zu tun haben. Wissenschaftliche Untersuchungen zum speziellen Verhältnis von Mensch und Baum gibt es zwar keine.

Die düsseldorfer Psychologin Christel Berlemann hat dennoch eine Theorie: "Der Baum strahlt von jeher Kraft aus. Er steht stellvertretend für die Natur, darum wollen die Menschen ihn erhalten."

Düsseldofer Baumgeschichten:
Goethes Ginkgo und der Friedensbaum

Der erste Promi-Baum Es heißt, er habe Goethe zu seinem berühmten Ginkgo-Biloba-Gedicht inspiriert: der rund 200 Jahre alte Ginkgo, der im Hinterhof des Hauses Blumenstraße 7 stand. Theoretisch wär’s möglich, Beweise gibt’s nicht. Trotzdem war der Aufschrei groß, als der Baum 2007 gnadenlos zersägt wurde, er fiel Umbauplänen des Hauseigentümers zum Opfer.

Die Liebes-Bäume Dieses Schicksal werden die Liebes-Bäume hoffentlich nie erleben: 2006 wurde in Düsseldorf die erste Hochzeitswiese angelegt. Getreu der Maxime "Haus bauen, Kind zeugen, Baum pflanzen" können frisch Vermählte dort Hochzeitsbäume pflanzen. Und das wollen viele Paare: Die erste Wiese war voriges Jahr schon voll, jetzt gibt’s ein neues Areal.

Der berühmteste Baum Das bekannteste Gehölz der Stadt ist die Himmelgeister Kastanie. Das verdankt sie den Himmelgeister Baumfreunden: Nachdem der Baum vor der geplanten Fällung gerettet war, starteten sie allerlei Aktionen. Jetzt hat die Kastanie ein eigenes Lied, eine eigene Adresse (sogar die Kanzlerin schrieb) - und das japanische Fernsehen war auch schon da.

Der Friedensbaum Seine Mission ist eigentlich der Frieden - doch um den Friedensbaum an der Tuchtinsel gab es jede Menge Ärger. Gepflanzt worden war er 1984 von "Mütter für den Frieden", 2008 wurde er für den Bau der U-Bahn gefällt. Vorsitzende Barbara Gladysch war nicht informiert - und stinksauer. Inzwischen wurde an der Johanneskirche Ersatz gepflanzt.

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