Im Zeitzeugen-Café sprechen Holocaust-Überlebende mit Jugendlichen über das Morden im Konzentrationslager und im zweiten Weltkrieg.

Im Zeitzeugen-Café sprechen Holocaust-Überlebende mit Jugendlichen über das Morden im Konzentrationslager und im zweiten Weltkrieg.
Beryan (links) und Celina unterhalten sich mit Liya Mielmann über deren Erlebenisse im 2. Weltkrieg.

Beryan (links) und Celina unterhalten sich mit Liya Mielmann über deren Erlebenisse im 2. Weltkrieg.

Sergej Lepke

Beryan (links) und Celina unterhalten sich mit Liya Mielmann über deren Erlebenisse im 2. Weltkrieg.

Beryan sucht nach den richtigen Worten, um das zu beschreiben, was sie an diesem Nachmittag erlebt. „Es ist cool“, sagt die 16-Jährige, aber mit einem fragenden, unsicheren Ton und etwas hilflosen Blick hinüber zu ihrer Freundin Celina. Kann und vor allem darf man das sagen? Denn „cool“ sind die Geschichten nun wirklich nicht, die die beiden Zehntklässlerinnen der Realschule am Kamper Weg und mehrere ihrer Klassenkameraden im Awo-Zentrum plus in Eller hören. Es sind Geschichten über Tod und Vertreibung, über Flucht und Familien, die auseinander gerissen werden. Erzählt werden sie von Holocaust-Überlebenden und deren Angehörigen im Zeitzeugen-Café.

Einmal im Monat lädt eine Gruppe von Ehrenamtlichen rund um Elisabeth Kahl und Johannes Engelhardt Menschen zu Kaffee und Kuchen ein, die den Holocaust erlebt und überlebt haben. Gestern Nachmittag begrüßten die Veranstalter neben denen, die regelmäßig dabei sind, auch die Realschüler und Gäste aus Israel, die auf Einladung des Vereins „Brücke Düsseldorf - Haifa“ derzeit für eine Woche in der Stadt sind. Acht Zeitzeugen, die zum Teil ihre Enkel mitbrachten, mit denen sie auch in den Familien über das Erlebte reden.

Sie werde von vielen als Opfer wahrgenommen, sagte etwa Gita Koifmann aus Isreal. „Aber ich möchte nicht so gesehen werden. Ich bin kein Opfer.“ Sie habe überlebt. Opfer, das seien jüdische Menschen, die in Auschwitz vergast und verbrannt wurden. „Meine Großmutter, die von der verfolgten Menschenmenge auf einem Todesmarsch in einer Kolonne zertrampelt wurde. Mein Onkel, der während er Geige spielte, von den Nazis erschossen wurde.“

Sie möchte helfen, die Vergangenheit zu erforschen, eine Wiederholung der Fehler, die zum Holocaust geführt haben, zu vermeiden und eine Brücke zu schlagen zur jüngeren Generation, der auch ihr Enkel Jaron angehört. Man müsse so viele junge Menschen wie möglich mitnehmen, findet Gita Koifmann. „Um für den Frieden zu kämpfen.“

Näher dran als beim Unterricht in der Schule

„Ja, dieser Nachmittag ist cool“, sagte Beryan mittlerweile mit Überzeugung. Natürlich nicht die Geschichten über die Gräuel des Holocausts an sich, wie die 16-Jährige betonte. „Sondern, dass wir hier sein dürfen, die Menschen sich Zeit für uns nehmen und uns ganz persönliche Dinge aus ihrem Leben erzählen.“ Beryan war bewegt, fast mitgenommen. Celina ebenso. Klar, in der Schule haben die Mädchen schon oft über den Holocaust gesprochen. Mehrfach, in verschiedenen Fächern. „Aber mit Menschen zu sprechen, die das alles erlebt haben, ist etwas anderes“, machte Celina deutlich. „Das ist viel näher dran und geht auch nah.“

So wie die Geschichte von Gita Koifmann und den anderen Gästen aus Israel, aber auch das, was Liya Mielmann den Mädchen bei Kaffee und Kuchen aus dem Zweiten Weltkrieg erzählte. Die 82-Jährige stammt aus Moskau. Sie war ein kleines Mädchen, als im Oktober 1941 die Schlacht um Moskau begann und sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester floh. „Ich selbst habe den Krieg mit eigenen Augen zwar nicht gesehen“, berichtete die Seniorin. „Aber ich erinnere mich an eine furchtbare Zeit voller Reisen, Reisen, Reisen, immer auf der Flucht.“

Die Erinnerung an diese Zeit habe sie ihr Leben lang nicht mehr losgelassen, sagte Liya Mielmann. Ihr Ehemann habe mitangesehen, wie eine Familie mit elf Leuten, darunter Kleinkinder, in einen Wagen verfrachtet und dann vergast wurde. „Er musste immer wieder daran denken. Das hat immer wieder eine Rolle in unserem Alltag gespielt. So etwas kann man nicht vergessen.“ Umso mehr freute sich die Rentnerin über die Begegnung mit den Schülerinnen. „Das sind nicht nur zwei ganz nette junge Damen“, sagte sie lächelnd. „Sie sind vor allem unheimlich interessiert an dem, was wir zu erzählen haben.“ Das sei wichtig, findet sie. „Junge Menschen müssen wissen, was damals passierte.“

© WhatsBroadcast

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