Tausende Jecken feiern den Karneval ausgelassen in ihren Stadtteilen: Fröhlich, originell, bunt und frech.

Düsseldorf. Während auf der Kö und in der Altstadt geschunkelt wird, stehen auch die Stadtteile Kopf. Acht Veedelszöch sind am Wochenende von Mörsenbroich bis Benrath unterwegs. Eine Premiere gibt’s in Lohausen.

Reisholz: Ein Aufeinandertreffen von alten und jungen Narren

25 Jahre zogen die Herren vom Männerballett "Neidschtars" beim Veedelszoch mit, doch jetzt sagen sie Tschüss. "Wir gehen in Rente, bevor wir mit einer Beatmungsmaske durch die Straßen geschoben werden", scherzt Karl Heiland. Denn die Herren sind in die Jahre gekommen, das "Küken" unter ihnen ist der 61-jährige Werner Muhr.

Aber auch sonst gibt es beim Zug ein Wiedersehen mit vielen Reisholzer Narren, die fröhlich Kamelle unter das wartende Volk am Straßenrand bringen. Ein bergischer Löwe ist darunter, eine Mickey Mouse und ein Till Eulenspiegel. Bei dem Gewusel geht die Hippie-Truppe von Claudia I., Repräsentantin der Quatschköpp, beinahe unter. Allerdings nur beinahe, die Vortruppe mit riesigen rosa Hüten bringt trotz Schnee und streckenweise glatter Straße Flower-Power-Stimmung. Überhaupt sind alle 30 Gruppen erfreulich bunt und lustig: So kommt die Kita Arche Noah aus Holthausen mit Leoparden, Löwen und ganz vielen Bienen daher. "Die haben sich eben auf die Arche gemogelt", sagt eine Mutter lachend.

Eller: Die Indianer sind bestens gegen die Kälte gerüstet

Mit drei Minuten Verspätung startet der Veedelszoch in Eller um 14.14 Uhr auf der Schlesischen Straße. Unter dem Motto "Mer an d’r Düssel, han en in d’r Schüssel" laufen rund 1000 Narren in 30 Fußgruppen und acht Musikgruppen mit, drei mehr als 2009. "Die Zahlen bleiben seit Jahren recht konstant. Darauf sind wir stolz", sagt Ernst Leber von der Interessengemeinschaft Veedelszoch Eller. Der Indianer-Club "Sioux Dakota" gehört seit 30 Jahren zum festen Bestandteil. In ihren Kostümen sind Schnee und Kälte kein Problem. Durch Hermelin-, Fuchs- und Wolfsfelle kommt kein Windzug hindurch.

Gerresheim: Glatte Straßen und Protest gegen Kirchenabriss

Nur vier Gruppen haben sich in Gerresheim vom Schnee einschüchtern lassen. Am Ende sind aber immer noch 49 Gruppen, darunter zehn Kapellen, gekommen, die der Kälte trotzen. Bange Minuten gibt es vor dem Erreichen des Zochs an der Von-Gahlen-Straße: "Die Polizei war kurz davor, den Zug zu stoppen, weil sie sich nicht sicher war, ob wir die Steigung mit den Pferden und Wagen schaffen", sagt Mitorganisator Ronald Jagemann.

Doch am Ende schiebt sich der Zug am Sonntag, mit, laut Jagemann, etwa 45 000 Zuschauern reibungslos durch Gerresheim: "Die jecken Camper vom See" kommen im Wohnwagen mit Panoramafenster, die Gerresheimer Mädchen warten als plüschige Herzdamen auf und selbst eine Kapelle aus dem schweizerischen Basel hat es bis nach Gerresheim geschafft. Ganz im Stil der Rosenmontagsumzüge wird auch Kritik geübt: In "Protest-Tanten"-Shirts wird an den den drohenden Abriss der Apostelkirche und das 11. Gebot erinnert: "Du sollst nicht abreißen."

Niederkassel: Asse und Trümpfe, Teufel und Engel

Sie kommen als Asse und Trümpfe, die 80 Zweitklässler der Japanischen Internationalen Schule, die mit ihren Müttern die größte Gruppe im Niederkasseler Veedelszug bilden. Der Veedelszug lebt ansonsten von vielen unorganisierten Gruppen. Jakob Roos steuert die Rheuma-Liga durch die Straßen. Das Motto der alternativen Gruppe lautet "Drei Chinesen mit ’nem Konterbier", einem Bier also gegen den Kater. Der Kegelclub "Boy City Bowlers", die "Niederkasseler Wikinger" des St. Anna-Kindergartens und die nach einigem Knatsch wiedererstandenen Jecke Puppekööp mischen sich unter die 500 angemeldeten Narren.

Bei den Karnevalswagen ragt neben dem von Jacques Tilly dekorierten Gemüse-Bauernwagen vor allem das Gefährt der "Wahnsinnigen" hervor, allesamt Schützen, die als Engel und Teufel umherziehen. Den Abschluss und Höhepunkt bildet das Tonnenrennen mit der Schubkarre und dem Jauchefass. Prinz Dirk und Venetia Janine pfeifen allerdings auf das Fass. Sie setzen lieber die Tonnenbauern Georg und Claudia auf den Karren oder lassen sich von ihnen schieben.

Mörsenbroich: Drei Jahre für ein Indianer-Kostüm

Den Begriff "Kostüm" hört Dennis Burckardt gar nicht gerne. "Das ist eine Tracht, die ich in fast drei Jahren nachgeschneidert habe", sagt der Indianer der "German Lakota Friends", die Sonntagvormittag beim Mörsenbroicher Veedelszoch zu den spektakulärsten der 26 Gruppen gehören. Alleine zum Anziehen hat Burckardt anderthalb Stunden gebraucht. Gut gewappnet ist der "Stammtisch 96" beim eisigen Winterwetter: "Ich habe unter dem Kostüm noch vier Lagen angezogen", sagt Inge Wagner.

Es gab in Mörsenbroich aber schon deutlich kühlere Bedingungen. "In den 80er Jahren hatte es mal minus 15 Grad, da ist sogar das Bier im Fass gefroren", erinnert sich Johann Martial. Praktisch angezogen sind die Kinder von der St. Franziskusschule, die als Buchstabensalat durch die Straßen ziehen. "Die Buchstaben haben wir auf wasserabweisende Plastiksäcke geklebt und die grüne Salatperücke hält auch noch schön warm", freut sich Organisatorin Yasmin Weyerhof.

Benrath: Buntes Treiben im ehemaligen Industriegebiet

Szenenwechsel: Von der Paulsmühle, dem von der Industrie geprägten Osten Benraths, klingen "Helau"-Rufe herüber. Der 24 Wagen lange, närrische Lindwurm hat den Paulsmühlenbunker passiert und windet sich nun durch die Wohnstraßen. Mitten drin der große Wagen der KG Räbbelche, deren Präsident Rainer Fuhrmann jeden, den er am Straßenrand erkennt, lautstark begrüßt. Wie eine große Familie sind die Paulsmühler. Drei Karnevalsvereine präsentieren sich im Zoch, neben den Paulsmühler Jecken selbst, die Holthausener Räbbelche und die Müllejecke aus Urdenbach. Ansonsten viele Gruppen aus der Nachbarschaft, Schulen und sogar Gaststätten.

Durch eine bunte Kostümvielfalt sticht der Kindergarten am Mönchsgraben hervor, der einen Westernheld mit Steckenpferd, eine Geisha, einen Scheich aufmarschieren lässt. Die Ogata-Betreuer der Grundschule Südallee kommen als Bäume mit riesigen Kronen auf dem Kopf. "Ziemlich unhandlich", lacht ein Vater, der sich das Ungetüm immer wieder zurechtrücken muss.

Itter: Hier führt Harry, der Clown den Zoch an

Karnevalssamstag kurz vor 14 Uhr: An der Straße Am Steinebrück wartet das Tambourcorps Holthausen in bunten Clownskostümen auf seinen Auftritt. Ein lautes "Helau" ertönt - das ist Harry, der Clown, der traditionsgemäß Itters Veedelszoch auf seinem Fahrrad anführt. "Beim ersten Mal war ich spät dran und musste das Rad nehmen, um rechtzeitig bei der Zugaufstellung zu sein", erzählt er in bestem Platt. Seitdem ist er Kult: Immer gleich gekleidet und gleich gut gelaunt.

Die restlichen zwölf Gruppen haben zu dem skurrilen Motto "Von Ostern bis Western" ihre Phantasie spielen lassen: Im Westernoutfit mit Pferd und Wagen kommen die Grenadiere daher, vom Holthausener Familienkreis kommen reichlich Hühner. Die Freischützen lassen den Soli von Osten nach Westen umleiten und der Kindergarten zieht in einem "Ittelo-Western-Zug" mit ungewöhnlichen Passagieren durch die Straßen: So faucht der fünfjährige Lennart als finsterer Drache den Zuschauern entgegen. "Auch das gibt’s im wilden Westen", erklärt er keck.

Lohausen: Gelungene Premiere mit rund 250 Teilnehmern

Mit einer gelungenen Premiere feiern am Samstag die Narren in Lohausen. Zum ersten Mal rollt dort der Veedelszoch: Mit sechs Karnevalswagen, fünf Zentnern Kamelle und allem was dazu gehört, ziehen die knapp 250 Teilnehmer über die Lohauser Dorfstraße. Highlight des Zuges sind sicher, passend zur Flughafennähe, die Flugzeuge aus Pappmaché. Aber auch die Hippies der Katholischen Jugend "Heilige Familie" oder die Düsseldorf Bulldozer in ihren Football-Outfits können die feiernde Menge am Straßenrand begeistern. Karin und Reinhard Schniedermann sind froh, dass es im Stadtteil einen eigenen Karnevalsumzug gibt: "Endlich ist hier auch was los."

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